21. Oktober 2014

Platz schaffen für Begegnungen

Von nst1

„Wie sehr wünschte ich mir doch eine arme Kirche, eine Kirche für die Armen.“ Papst Franziskus hat sein Amt vor anderthalb Jahren mit einer klaren Ansage angetreten. Aber haben wir aus ihr Konsequenzen gezogen? Dorothee Wanzek, 47, Pflegemutter von vier Kindern und Journalistin aus Zwochau bei Leipzig, versteht „Kirche der Armen“ nicht allein als Maßstab, an dem sich kirchliche Verantwortungsträger messen lassen sollten, sondern als Aufgabe für jeden Christen.

Viele Menschen empfanden die deutliche Ausrichtung des Papstes gleich zu Beginn als wohltuend, wie auch immer sie zur katholischen Kirche stehen. Auch mir sprechen die Worte aus dem Herzen – und fordern mich zugleich heraus! Wie komme ich als Christin, die in eine gut situierte deutsche Mittelstandsfamilie hineingeboren wurde, überhaupt an „Arme“ heran? Diese Frage hat mich schon als Heranwachsende beschäftigt. Trotz guten Willens scheiterte ich damals bereits an dem Vorhaben, Gleichaltrigen näher zu kommen, die nicht dem gleichen Milieu angehörten wie ich. Selbst in dem kleinen westfälischen Dorf, in dem ich aufwuchs, blieben beispielsweise Gymnasiasten, Realschüler und Hauptschüler unter sich, bewegten sich in ziemlich deutlich voneinander getrennten Grüppchen. „Ihr arroganten Gymnasiasten wollt ja sowieso nichts mit uns Hauptschülern zu tun haben“, bekam ich ein paar Mal unmissverständlich signalisiert. Das stimmte in meinem Fall zwar nicht, aber was sollte ich tun gegen derlei Vorbehalte, erst recht, wenn sie nur in der Luft lagen und gar nicht erst ausgesprochen wurden?

Als Erwachsene habe ich zwar ungleich vielfältigere soziale Kontakte als zu Schulzeiten, aber auf Barrieren, wie ich sie damals kennengelernt habe, stoße ich noch immer. Begegnungen auf Augenhöhe über Milieugrenzen hinweg sind für mich immer noch seltene Sternstunden. Ich erlebe gelegentlich, dass Bedürftige bei „der Kirche“ oder bei einzelnen Christen Hilfe suchen. Ob dabei einfach nur Geld, ein paar Möbel und Lebensmittel ihre Besitzer wechseln oder ob etwas von dem aufleuchten kann, was die Bibel über den Umgang Jesu mit Armen erzählt, hängt – und Ähnliches gilt wohl für jede Begegnung zwischen Menschen – von allen Beteiligten ab.

Ob Bedürftige im Zusammentreffen mit Christen den Eindruck gewinnen, „Kirche für die Armen“ zu erleben, liegt nicht allein in unserer Hand. Zuweilen überfordert sie ihre Lage so, dass sie ihr helfendes Gegenüber kaum wahrnehmen können oder ein überzogenes Anspruchsdenken sie blockiert. Eine Person, der wir geholfen haben, hat so viele Möbelspenden angenommen, dass die guten Polstermöbel gar nicht mehr in ihre Wohnung passten und in ihrem Garten vermoderten.

Wer gar nichts anderes mehr sehen kann oder will als seine eigene Misere, in dem wird Zuwendung also nur schwerlich neue Saiten zum Klingen bringen. Verantwortlich sind wir aber für die Haltung, in der wir allen begegnen, mit denen wir es zu tun bekommen. Jesus hat Kranken, Armen, Verirrten „Ansehen“ gegeben, sie so angeschaut und berührt, dass sie sich der Fülle des Lebens nähern konnten, die Gott für sie vorgesehen hatte. Er hat sie damit zu bereicherten Menschen gemacht, die selbst etwas zu verschenken hatten.

Wenn ich den Wunsch nach Begegnungen solcher Qualität in mir wachhalte, erlebe ich mich zuweilen auch in ganz unspektakulären Augenblicken als Beschenkte. Als Pflegemutter treffe ich regelmäßig eine der leiblichen Mütter unserer Kinder. Wir sitzen dann einträchtig plaudernd gemeinsam in einem Café, mir gegenüber die Frau, die durch ihre fehlenden Zähne ins Auge fällt und ihr ebenso zahnloser durchtätowierter Lebensgefährte. Zumindest aus Sicht der Außenstehenden gibt es keine Barrieren zwischen uns, wir gehören zusammen. Dass Kellner und andere Gäste mich in dieser Gesellschaft mit abschätzigeren Blicken betrachten, als ich es gewohnt bin, hat mich beim ersten dieser Café-Nachmittage aufschrecken lassen. Jetzt bin ich dankbar für diese Gelegenheiten, von Blicken getroffen zu werden, wie sie für das Paar mir gegenüber zum Alltag gehören. Meine eigenen Blicke auf Menschen, die nicht mit so viel Zuwendung, Geborgenheit und Lebenskultur in ihr Dasein starten durften wie ich selbst, haben sich dadurch verändert. Durch Tattoos, Piercings und unvollständige Gebisse hindurch sehe ich Frauen und Männer, die Kindern das Leben schenken, die sich nach heilen Familien sehnen und sich um sie bemühen, soweit es ihre Kräfte erlauben; ich nehme Menschen wahr, die bereit sind, trotz tiefer Enttäuschungen und Verletzungen von neuem Vertrauen zu schenken.

Gewachsen ist auch meine Überzeugung, dass Gott mir meine Reichtümer auf gar keinen Fall für mich allein gegeben haben kann. Meine Talente, meine Bildung, meine Energie, Gesundheit und mein materielles Hab und Gut verpflichten mich, sie auch denen zunutze zu machen, die zu wenig von all dem zur Verfügung haben. Wenn ich diese Verpflichtung ernst nehme, hat das Folgen. Ich darf es mir dann nicht allzu kuschelig in meinen Freundes- und Gemeindekreisen einrichten, damit überhaupt noch Platz bleibt für Freundschaften mit „Armen“ und damit ich die manchmal alles entscheidenden Augenblicke nicht verpasse, in denen ich gefragt bin. Wenn ausnahmslos jede Geburtstagsparty meiner guten alten Bekannten von vornherein gesetzt wäre, hätte die alleinerziehende Nachbarin vielleicht im entscheidenden Moment keinen Babysitter gehabt, und eine verzweifelte Großmutter wäre allein geblieben mit ihrem Kummer über die Enkeltochter im Kinderheim.

Wenn ich von Zeit zu Zeit einen selbstkritischen Blick auf meinen Besitz und meine Bedürfnisse werfe, habe ich dabei meine Landsleute im Herzen, die einen geringeren Lebensstandard gewohnt sind als ich selbst. Die Flüchtlinge, die in den letzten Monaten bei uns eingetroffen sind, rufen mir in Erinnerung, dass christliche Verantwortung nicht an Landesgrenzen halt macht und dass ich mein Herz und meinen Horizont weiten sollte.
Dorothee Wanzek

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2014)
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