20. Januar 2015

Dünn, dünner, …

Von nst1

Eine Mitschülerin meiner Tochter ist an Magersucht erkrankt. Wie kommt es dazu?

Es scheint schwer nachvollziehbar, warum meist junge Menschen, die häufig aus gutbürgerlichen Familien stammen, kaum mehr essen. Während von außen an sie appelliert wird, zuzunehmen, empfinden Magersüchtige sich selbst immer noch für zu dick. Zu dieser verzerrten Körperwahrnehmung kommen meist Überzeugungen wie: Dünner sein bedeutet schöner, bedeutet perfekt sein.

Auch familiäre Muster stehen in Zusammenhang mit Magersucht: Viel Wert wird darauf gelegt, nach außen ein absolut positives Bild der Familie zu zeichnen; Emotionen wie Wut, Ärger und Unsicherheiten werden meist nicht ausgedrückt.

Die Magersucht ist für Jugendliche, die ihre Identität entfalten und sich von der Herkunftsfamilie lösen wollen, sehr verlockend: Sie suggeriert Selbstbestimmung und Eigenständigkeit. Das Hungern, das tägliche Kalorienzählen, die Konflikte mit der Außenwelt scheinen allen zu zeigen, wie sehr man seinen eigenen Weg geht. Appelle von Familie, Freunden, Schulen und Therapeuten, mehr zu essen, werden eher als Angriff auf die Autonomie angesehen denn als Hilfsangebote.

Wie kann man die Macht der Magersucht „verhungern“ lassen? Es lässt sich über so viel anderes reden als über Essen! Den Fokus auf andere Lebensbereiche des Jugendlichen richten ist zwar nicht leicht, aber entscheidend. Ihn ernst nehmen, sich für ihn interessieren, ihm Wertschätzung unabhängig von Leistung entgegenbringen. Mit ihm Antworten entwickeln: Was und wer ist mir wichtig? Wofür brenne ich? Was macht mich aus? Wohin möchte ich? Negativ erlebte Emotionen wie Ärger, Ängste, Zweifel und Scham zu spüren und nicht zu bekämpfen, kann dabei hilfreich sein. Ziel einer Therapie, die Familienangehörige mit einbeziehen sollte, ist auch, Momente von Lust und Genuss wiederzuentdecken.
Sebastian Baumann

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar-Februar 2015)
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