20. Januar 2015

Sinn ist, wenn man das Richtige tut

Von nst1

Was gibt uns Halt und Sinn? Weshalb empfinden manche ihr Leben als glücklich und wertvoll, während andere schier daran verzweifeln? Aus welchen Quellen speist sich der Lebenssinn? Fragen, die sich so mancher zum Jahreswechsel stellt. Wir sprachen darüber mit Persönlichkeitspsychologin Tatjana Schnell von der Universität Innsbruck.

Frau Schnell, viele denken bei Sinn sofort an Religion. Worum geht es Ihnen als Sinnforscherin?
SCHNELL: Es gibt tatsächlich viele, die meinen, dass Sinnforschung ausschließlich mit Esoterik, Spiritualität oder Religion verknüpft ist. Und Religion ist ja auch seit Jahrhunderten eine zentrale Sinnquelle. Außerdem denken viele sofort, es ginge um den Sinn des Lebens. Mir geht es jedoch um den persönlichen Sinn im Leben der Menschen. Für viele hat Religion ja keine zentrale Bedeutung; trotzdem leiden sie nicht unter einer Sinnkrise, sondern haben ein sinnerfülltes Leben.

Und woran erkennt man sinnerfüllte Menschen?
SCHNELL: Wir haben vier Kriterien ausgemacht, an denen man Sinnerfüllung festmachen kann. Sie sind unabhängig davon, woher jemand seinen Sinn bezieht. Da ist zunächst „Kohärenz“: Eine sinnerfüllte Person erlebt, dass die Dinge in ihrem Leben zusammenpassen; sie muss sich in verschiedenen Lebensbereichen nicht unterschiedlich darstellen, sich nicht verbiegen. Das Zweite ist „Bedeutsamkeit“: Wenn man das Gefühl hat, dass das, was man tut, Konsequenzen hat, es nicht egal ist, ob man handelt oder nicht. Als Drittes dann „Orientierung“: Man weiß ungefähr, wo man hin will im Leben. Deshalb weiß man auch, wo man Nein sagt und welche Ziele in die richtige Richtung führen. Der letzte Faktor ist „Zugehörigkeit“: Wenn man sich nicht isoliert erlebt, sondern als Teil von etwas Größerem, egal ob Familie, Freundeskreis, Menschen mit gleicher Weltanschauung oder die Menschheit im Allgemeinen. Damit geht häufig die Erfahrung von Verantwortung und Gebrauchtwerden einher. Beides hat viel mit Sinn zu tun.

Müssen alle vier Faktoren zusammenkommen?
SCHNELL: Im Allgemeinen hängen sie eng zusammen und scheinen sich gegenseitig zu bedingen. Selten erlebt man nur eine oder zwei Dimensionen.
Interessant ist, dass die Faktoren sinnquellenneutral sind. Übertragen wir sie z. B. auf einen religiösen Menschen: Er erlebt Orientierung, weil ihm klar ist, welche Werte er umsetzen möchte. Er erfährt sich als Teil einer Gemeinschaft. Religiös verankerte Menschen verstehen ihr Handeln als Handeln vor Gott und deshalb als bedeutsam. Schwierig ist bei Religion eher die Kohärenz: Wenn man etwa die Inhalte nicht mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen verknüpfen kann, wird Religion als Sinnquelle schnell ausgeschlossen. Aber wem diese Verknüpfung gelingt, für den ist sie eine starke Sinnquelle.
Auch Islamisten werden ein hohes Sinnerleben haben, da sie eine klare Orientierung, Bedeutsamkeit des Handelns und starke Zugehörigkeit erleben. Sinnerfüllung ist subjektiv. Wir können sie niemandem absprechen, nur weil wir sein oder ihr Handeln ablehnen.
Ein anderes Beispiel: Für machtgetriebene Menschen ist die Richtung im Beruf, in Freizeit und Familie klar: nach vorne, besser, mehr. Sie orientieren sich am Erfolg und erleben, dass das, was sie sagen und machen, Konsequenzen hat.

Sind Menschen, die einen Sinn im Leben haben, glücklicher?
SCHNELL: Tendenziell schon. Aber längst nicht so, wie man das erwarten würde. Viele setzen Sinn und Glück gleich: möglichst viele positive Gefühle und möglichst wenig negative.
Sinnhaft leben heißt aber nicht, immer nur das Angenehme tun. In manchen Fällen ist es sogar etwas, das mir schaden könnte, wenn ich etwa für meine Überzeugung auf die Straße gehe und demonstriere. Sinnorientiert handeln heißt häufig auch, Dinge zu tun, die nicht üblich sind. Das macht mich vielleicht zur Außenseiterin und bringt mich in Situationen, in denen ich mich behaupten und rechtfertigen muss. Normalerweise würde man das nicht als glücklich oder zufrieden bezeichnen.
Nun ist es in unserer Umgebung, in der quasi jeder tun kann, was er will, nicht so schwer, das persönlich Richtige zu tun, und häufig fühlt es sich auch gut an. Aber das muss nicht sein.

Machen Menschen mehr aus ihrem Leben, wenn sie einen Sinn sehen?
SCHNELL: Definitiv. Weil die Orientierung eine Motivation darstellt. Wenn ich nicht weiß, wo ich hin will, muss ich mir das ständig neu überlegen, mir immer wieder Ziele aus dem Ärmel schütteln. Man sieht das gut an Jugendlichen, die keine Ahnung haben, was sie später machen wollen. Wer jedoch eine langfristige Orientierung hat, für den ergeben sich Zwischenschritte fast von selbst. Das motiviert, man tut mehr und hat mehr Energie.

Sind Menschen, die wenig Sinn im Leben sehen, suizidgefährdet?
SCHNELL: Seit zehn, zwanzig Jahren hören wir immer wieder von der Sinnkrise, in der wir uns angeblich befinden. In allen Stichproben sind es aber nur etwa vier Prozent, die darunter leiden, dass sie keinen Sinn sehen; bei Jüngeren etwa fünf bis sechs Prozent. Suizidal sind also nicht viele.
Aber es gibt überraschend viele, die keinen Sinn erleben und damit überhaupt kein Problem haben. Sie haben keine Sinnerfüllung, aber auch keine Sinnkrise. Sie fühlen sich nicht eingebunden, haben keine Orientierung und auch nicht das Gefühl, irgendwo dazuzugehören oder dass das, was sie tun, Konsequenzen hat. Sie vermissen diesen Sinn aber auch nicht. Wir nennen sie „existentiell indifferent“. In einer deutschen repräsentativen Stichprobe war das über ein Drittel. Diese Zahl wird auch in anderen westlichen Ländern häufig bestätigt; bei Jugendlichen sind es etwa 40 Prozent.
Diese Menschen tauchen nicht auf in Therapien oder Beratungen. Sie haben keine höheren Depressions- oder Ängstlichkeitswerte. Sie leiden nicht, aber es geht ihnen auch nicht besonders gut und sie haben nur mittlere Werte, wenn es um positive Gefühle, Zufriedenheit und anderes geht.
Typisch ist, dass sie meinen, in ihrem Leben nichts selbst entscheiden zu können. Sie glauben entweder, dass alles nur Zufall ist oder dass andere mit mehr Macht über sie entscheiden. Das ruft offenbar eine Art Lähmung hervor. Die Indifferenten sind außen vor, sie zeigen keinerlei Engagement.

Kann sich das im Laufe des Lebens ändern?
SCHNELL: Leider haben wir keine Längsschnittstudien. Aber wenn etwas Tragisches passiert, ein Unfall, ein Todesfall, eine Trennung, dann kommt es oft zu einer Sinnkrise – und diese motiviert, das bisherige Leben in Frage zu stellen, sich neu zu orientieren. Nur selten bleibt ein Mensch ein Leben lang von solchen Ereignissen verschont Das gilt auch für die Indifferenten. Existentielle Psychologen sprechen dann von einem „Weckruf“. Häufig leben Menschen danach sehr viel intensiver, besser und glücklicher, auf jeden Fall sinnerfüllter.

Ein solcher Weckruf scheint etwas für sich zu haben. Wenn man nicht darauf warten will, gibt es Strategien, Sinn zu finden?
SCHNELL: Es ist genauso schwer, den Sinn anzustreben wie das Glück. Wenn man Glück sucht, tut man häufig Dinge, die kurzfristig Glück verheißen. Beim Sinn ist es fast noch schwieriger. Stattdessen kann man sagen, Sinn ist die Beigabe, wenn man gut und richtig lebt.
In der Psychologie ist Aristoteles Konzeptgeber eines neuen Verständnisses von Wohlbefinden. Dabei geht es um die Unterscheidung von Hedonismus und Eudämonismus. Eine hedonistische Haltung meint den Versuch, jegliche Unlust zu vermeiden und Lust zu maximieren. Bei der Eudämonie hingegen geht es um das gelingende Leben. Es geht nicht darum, das Angenehme anzustreben, sondern die Ziele, die zu mir passen und die um ihrer selbst Willen wertvoll sind, sogenannte „intrinsische Ziele“. Beim Verfolgen solcher Ziele entsteht Glück quasi nebenbei – genauso wie das Gefühl, das Richtige zu tun: das Sinnerleben. Für einen solchen Weg ist es notwendig zu wissen, wer man ist, was man kann und will.
In unserer Gesellschaft heißt Suche nach Wohlbefinden oft: „Wie kann ich noch glücklicher werden?“ Vielmehr geht es darum: „Schau nicht (nur) darauf, wie es dir geht, sondern tu etwas, von dem andere etwas haben!“ Das führt in den meisten Fällen dazu, dass es einem selber besser geht. Gerade ehrenamtliche Arbeit kann die Perspektive stark verändern. Die stärkste Sinnquelle ist nämlich die Generativität, das heißt etwas dafür zu tun, dass die Gesellschaft besser wird oder dass nachkommende Generationen es besser haben. Wer so lebt, hat nach unseren Befunden hohen Sinn. Egal ob er jung oder alt ist, krank oder gesund, egal ob in Deutschland, Österreich, Brasilien, Iran, Bulgarien.

Ist sinnerfülltes Leben auch gesellschaftlich anzustreben?
SCHNELL: Eine Sinnkrise geht mit viel Leid einher. Aber sie aktiviert dazu, eine Lösung zu suchen. Insofern ist sie produktiver als die Indifferenz, wo man quasi „einfach dahinlebt“.
Sinnerleben verhindert zwar keine Krankheiten, aber es wirkt wie ein Puffer: Wer sinnvoll lebt, erlebt eine Krankheit, eine Trennung als weniger stress- und schmerzhaft. Bei körperlichen oder psychischen Erkrankungen kommt es schneller zur Heilung. Sinnerleben ist deshalb aber auch kein Allheilmittel. Man lebt intensiv, leidet genauso wie andere. Aber man geht anders damit um.
Wir fragen uns auch, ob Indifferenz eine Art Wohlstandsphänomen ist. In Bulgarien, dem ärmsten Land Europas, ist Indifferenz viel seltener; es gibt dort mehr sinnerfüllte Menschen und weniger psychische Störungen. Das bestätigen auch Beobachtungen in Japan, wo es einen extrem hohen Wirtschaftsstand gibt.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
Gabi Ballweg

Tatjana Schnell
studierte Psychologie in Göttingen, London, Heidelberg und Cambridge. Sie promovierte zum Thema „Implizite Religiosität – Zur Psychologie des Lebenssinns“ in Trier und leitet das Fach Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie an der Universität Innsbruck mit dem Schwerpunkt Sinnforschung.

Ihre Homepage www.sinnforschung.org informiert umfassend über aktuelle Erkenntnisse.

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar-Februar 2015)
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