12. Juni 2015

Aufreibend und bereichernd

Von nst1

Wie wirkt es auf eine Familie, wenn sie ihre Tür für Fremde öffnet?

Eine in Not geratene afrikanische Mutter mit zwei Kindern für drei Monate bei uns aufnehmen? Als die Anfrage an uns gerichtet wurde, fühlten wir dies als enorme Herausforderung! Einerseits wollten wir uns als Christen nicht verschließen, denn wir hatten genug Platz und Mittel – und schließlich beginnt ein Stück vom Reich Gottes immer bei uns selbst. Andererseits waren wir skeptisch, wollten unsere Komfortzone nicht verlassen, hatten Ängste und Vorbehalte, dass jemand unsere heilige Naivität ausnützen könnte. Schließlich entschieden wir uns im Familienrat dafür, ganz bewusst gegen eine „Geiz ist geil“-Mentalität und auf Gottes Hilfe vertrauend.

Wir öffneten die Türen zu unserem Heim, waren voller Erwartungen und guter Vorsätze. Worauf wir nicht vorbereitet waren: dass eine Familie bei uns einzog mit eigenen Regeln und Lebensvorstellungen, weit weg von dem, was uns wichtig und erstrebenswert erscheint, die jedoch unsere aktive Lebensunterstützung benötigte. Nicht das Teilen fiel uns schwer, sondern die Andersartigkeit zu akzeptieren. Wir bewegten uns ständig im Spannungsfeld zwischen Ablehnung und starker Bereicherung und Freude.

In dieser aufreibenden Zeit mussten wir lernen, dass Gastfreundschaft bedeutet, dem Anderen, dem Fremden einen Raum zu geben, wo er sein darf, sich für sein Dasein nicht entschuldigen muss und die Schätze seiner Lebenserfahrung und Kultur auch einbringen kann. 

Ich fühlte mich in dieser Zeit von Gott getragen und begleitet wie selten in meinem Leben und konnte ausgerechnet da besonders stark sein, wo ich sonst sehr schwach bin. Meine Überzeugung wurde bestärkt, dass Gottesverehrung und konkretes Engagement für den Menschen sich nicht diametral entgegenstehen, sondern zusammengehören.
Petra Fuchs

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2015)
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