15. Juni 2015

Gegen jede Vernunft

Von nst1

Das Blutvergießen in Syrien hält schon über vier Jahre an. Viele Menschen leben in permanenter Lebensgefahr. Wer kann, flieht. Pierre und Rana 1) haben sich entschieden zu bleiben.

Eine Woche raus, entspannen, durchatmen, auftanken. Nicht nur deshalb ist Pierre von Aleppo nach Italien gekommen. Der Libanese mit den stahlblauen Augen lebt in Syrien in einer Fokolar-Gemeinschaft von drei unverheirateten Männern. „Die ersten Tage in Italien waren komisch“, erzählt Pierre. „Der innere Alarmzustand lief einfach weiter, bis ich mir ganz bewusst sagte: Pierre, hier fallen keine Bomben!“

Nicht jedes Viertel von Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens, ist gleich gefährlich.

Nicht zu jeder Zeit fliegen einem Granaten und Projektile um die Ohren. Das katholische und das orthodoxe Osterfest lagen in diesem Jahr eine Woche auseinander, berichtet Pierre. Die Katholiken hatten das Glück, dass es ruhig blieb; das orthodoxe Ostern wurde zum Massaker, weil zivile Stadtviertel beschossen wurden.
Die Syrer haben sich der permanenten Gefahr angepasst. Anfangs schreckten sie zusammen, wenn irgendwo eine Bombe explodierte. Heute setzen sie ihren Weg auch dann fort, wenn es nur eine Straße weiter kracht: Das Leben muss weitergehen. „Ein irrer Stress: Du bist immer in Alarmbereitschaft, bereit, zur Seite zu springen oder loszurennen, um dich in Sicherheit zu bringen“, sagt Pierre. „Verlässt du das Haus, weißt du nie, ob du wieder zurückkehrst.“
Auch in der Wohnung ist niemand sicher. Fliegeralarm gibt es nicht. Pierre berichtet von einer Familie, die zu einer Hochzeitsfeier eingeladen war. Die junge Frau hatte ihre beiden Söhne schon schick angezogen und wollte nur noch schnell zum Friseur. Als sie zurückkam, war eine Rakete auf den Balkon gefallen, wo ihre zwei Kleinen gespielt hatten. Neben den beiden lag noch eine aufgeschlagene Bibel. Der Neunjährige muss seinem vierjährigen Bruder gerade Geschichten von Jesus vorgelesen haben, die er so gern hörte.

Rana, ebenfalls aus dem Libanon, lebt in Damaskus. Auch sie ist wegen der Menschen dort, die der Fokolar-Bewegung verbunden sind. Von 300 in ganz Syrien sind noch rund 100 im Land. Das entspricht dem Trend: In Aleppo lebten vor dem Krieg 250 000 Christen; heute sind es vielleicht noch 50 000. Von den 24 Millionen Syrern ist mittlerweile die Hälfte auf der Flucht.
„Anfangs sind nur die Bessergestellten gegangen“, hat Pierre beobachtet. „Jetzt fliehen auch einfache Leute. Um die Flucht zahlen zu können, verkaufen sie alles, was sie besitzen. Dann ist ihre Wurzel gekappt, ihre Vergangenheit verbrannt. Es gibt kein Zurück.“ Berichte über gekenterte Boote schrecken sie nicht ab. Familien schicken ihre Kinder mit 19, 22 Jahren weg – studierte, gut ausgebildete Leute: diejenigen, die Syrien einmal wieder aufbauen könnten.
„Der Wunsch nach größtmöglicher Normalität ist enorm“, erzählt Rana. „Dabei kostet es Zeit, sich in der Stadt zu bewegen: Blockaden und Straßenkontrollen; es fehlt an Strom, Benzin, Wasser. Nichts ist normal.“

Die Syrer fragen sich, für wen sie das alles erleiden. Wer hat den Krieg angezettelt? Wer sorgt dafür, dass immer neue, hochmoderne Waffen ins Land gelangen? „Syrien war ein wohlhabendes Land. Ohne Auslandsschulden. Sogar die Bauern konnten sich ein Auto leisten“, erzählt Pierre. Aleppo war das wirtschaftliche und industrielle Herz. Die Fabriken seien geplündert, Maschinen systematisch weggeschafft worden. Vom Westen sind die Syrer enttäuscht, sagt Pierre. Sie hätten sich mehr Einsatz für die Wiederherstellung des Friedens erwartet: „Die Regierungen halten immer die Prinzipien Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte hoch, aber nur, solange es den eigenen Interessen nützt: pure Heuchelei!“ Viele Medien hätten das unterstützt und parteiisch berichtet. „Die Menschen fühlen sich verraten, betrogen, ausgenutzt.“

„Das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Personen, die mit unseren Fokolar-Gemeinschaften in Kontakt sind, ist sehr stark.“ Rana berichtet, dass ein Bombardement in Aleppo die Häuser einiger Familien beschädigt hatte. „Darauf hat eine Gruppe in Damaskus zu einem Gebetsabend eingeladen, wollte aber auch konkret helfen. Eine Familie, die sonst am Osterfest ausnahmsweise mal in ein Restaurant gegangen wäre, verzichtete darauf und legte das Geld zur Seite: ‚Wir können doch nicht ausgehen, wenn unsere Schwestern und Brüder kein Dach mehr über dem Kopf haben.’“ In einer anderen Stadt hätten sogar Kinder, die selbst kaum etwas haben, sich etwas einfallen lassen, um den Betroffenen in Aleppo unter die Arme zu greifen.
Unter unseren Leuten in Damaskus sind Christen unterschiedlicher Kirchen“, erzählt Rana. „Um in der Tristesse etwas Abwechslung zu bieten und Freude zu verbreiten, haben sie ein Weihnachtskonzert organisiert.“ Dreihundert Freunde und Bekannte sind der Einladung gefolgt, darunter auch ein Duzend Muslime. „Beim Verabschieden sagte eine von ihnen: ‚Das war wie eine Oase des Friedens. So etwas brauchen wir!’“
Die jungen Eltern, die ihre beiden Söhne beim Raketenangriff verloren hatten, sind zu einer mehrtägigen Begegnung gekommen, in der trotz der Unterschiedlichkeit der Teilnehmer eine tiefe Gemeinschaft zu spüren war. Als die Frau erneut schwanger wurde, fragte sich das Paar: Wird dieses Kind nur geboren, um auch wieder sterben zu müssen? Für die Gemeinschaft jedoch war das Baby, das zur Welt kam, ein Zeichen der Hoffnung. Unterstützt von den anderen entwickelte sich das Paar zur zentralen Anlaufstelle für die Gemeinschaft. Die beiden waren innerlich gestärkt und konnten anderen neu den Glauben an die Zukunft vermitteln.

In Syrien zu bleiben, ist eigentlich gegen jede Vernunft, sagt Pierre selbst. Warum tun sie sich das an? „Wir sind Ausländer, aber teilen Gefahr und Not mit den Einheimischen“, sagt Rana. „Für sie ist wichtig, dass wir sie in dieser ausweglosen Situation nicht verlassen.

Es tut weh, unschuldige Menschen leiden und sterben zu sehen und nichts tun zu können. Wir sind keine Helden. Aber wenn die Syrer versuchen, normal weiterzuleben, wieso nicht auch wir?

Dass wir bleiben, gibt ihnen Hoffnung. Sie sagen uns: ‚Ihr habt uns immer von der gegenseitigen Liebe erzählt, von der Bereitschaft, füreinander das Leben zu geben. Jetzt wissen wir, dass ihr das auch lebt.’“
Auch andere Christen – Bischöfe, Priester, Ordensleute, Laien – riskieren ihr Leben aus Verantwortungsbewusstsein für ihre Leute und aus Solidarität mit dem Volk: ein starkes Zeugnis! Pierre weiß von einem Familienvater, der dadurch ins Grübeln gekommen ist und sein mühsam erspartes Ticket für die Flucht wieder zerrissen hat: „Pierre, ich kann doch die Leute hier nicht alleinlassen!“

Und wir in Europa, was können wir tun? „Auf eure Politiker einwirken: damit sie alle Hebel in Bewegung setzen, um wieder Friedensgespräche aufzunehmen. Und selbst für den Frieden arbeiten. Abgebrochene Beziehungen wiederaufnehmen. Kennst du jemanden in Syrien? Ruf ihn an! Kennst du eine Syrerin oder einen Syrer, der mit den Seinen zu Hause sprechen will? Hilf ihm!“
Für Pierre geht es wieder zurück. Per Flugzeug nach Beirut, von dort per Taxi und Bus über Damaskus nach Aleppo. Zurück in den Krieg.
Clemens Behr

1) Die Namen sind zum Schutz der Personen von der Redaktion geändert.

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2015)
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