Umkehr des Herzens und des Verstandes

Am 31. Oktober 2017 jährt sich der Thesenanschlag Martin Luthers zum 500. Mal. Seit Monaten wird überlegt, wie dieses wichtige Jubiläum gerade auch im Hinblick auf ökumenische Aspekte begangen werden kann. Bereits 2013 legte die „lutherisch/römisch-katholische Kommission für die Einheit“ ein gemeinsames Dokument dazu vor: „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ 1) gilt als theologische Grundlage dafür, dass evangelische und katholische Christen im Jahr 2017 gemeinsam an die Reformation erinnern können.
Auszüge aus einer Einführung 2) in das Dokument vom Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung in Straßburg, Theodor Dieter, der vier Jahre an dessen Erarbeitung mitgewirkt hat.

Mit dem Wort „Reformation“ verbinden evangelische Christen die Wiederentdeckung des Evangeliums, Freiheit, Gewissheit des Glaubens, während Katholiken an die Spaltung der Kirche denken. Wie soll angesichts so unterschiedlicher Assoziationen eine gemeinsame Erinnerung möglich sein?
Freude und Dank, so die katholische Seite, können nur der ökumenischen Bewegung gelten, nicht jedoch der Reformation. So aber kann mit evangelischen Christen eine gemeinsame Reformationserinnerung nicht gelingen, denn sie müssen auch Dankbarkeit und Freude ausdrücken können, so sehr sie bedauern, dass es zur Spaltung der westlichen Christenheit gekommen ist.
Theologen pflegen bei solchen Gegensätzen die Kunst der Unterscheidung: Das Wort „Reformation“ kann erstens auf eine Folge von Ereignissen im 16. Jahrhundert verweisen, die von der Publikation der 95 Thesen Luthers zum Ablass bis zum Augsburger Religionsfrieden 1555 oder bis zum Konzil von Trient 1545–1563 reicht.
„Reformation“ kann aber auch zweitens das Ganze der theologischen Einsichten der Reformatoren in das Evangelium wie auch die Gemeinden und schließlich Kirchen, in denen diese Einsichten zum Tragen gekommen sind, bezeichnen.
In der ersten Bedeutung gehört die Reformation nicht allein den Evangelischen; die Reformatoren und ihre Anhänger sind keineswegs die alleinigen Subjekte dieser Geschichte. Dazu gehören neben Luther und seinen theologischen Kollegen auch der Papst, Kardinäle, Kurfürsten, der Kaiser, der französische König … Wenn es aber so viele Akteure gab, dann kann das Ergebnis nicht einseitig Luther und den anderen Reformatoren zugeschrieben werden.
Ob ein gemeinsames Reformationsgedenken gelingt, wird davon abhängen, ob sich in den theologischen Einsichten, die Martin Luther gewonnen hat und die zu einer öffentlichen Bewegung geworden sind, etwas finden lässt, das auch in den Augen von Katholiken etwas Gutes darstellt. Dass es hier zu einer positiven Antwort kommen kann, dazu haben sowohl die ökumenischen Studien und Dialoge beigetragen wie auch das Zweite Vatikanische Konzil, indem es „Elemente der Heiligung und der Wahrheit“ auch außerhalb der Grenzen der (römisch-)katholischen Kirche wahrgenommen hat.
„Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ stellt in seinen Mittelpunkt vier Hauptaspekte der Theologie Luthers 3), die im 16. Jahrhundert und seither als kontrovers verstanden worden sind: Rechtfertigung – Herrenmahl – Amt – Schrift und Tradition. In diesem Teil 4) wird „Reformation“ als Bezeichnung für ein Ensemble theologischer Einsichten Martin Luthers und seiner Mitreformatoren gebraucht. Soweit darin etwas Gemeinsames erkannt werden kann, gibt es für beide auch Grund zum Feiern. Das Konzil hat ja ausdrücklich festgestellt, es sei „notwendig, dass die Katholiken die wahrhaft christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe mit Freude anerkennen und hochschätzen, die sich bei den von uns getrennten Brüdern finden.“ Wenn also das Konzil zur „Anerkennung mit Freude“ auffordert, was sollte dann Katholiken daran hindern, das, was im ökumenischen Dialog als gemeinsam erkannt worden ist, auch gemeinsam zu feiern?

So kann das Dokument verstanden werden als die theologisch wohl begründete Bitte an die Katholiken, sich an wichtigen theologischen Einsichten der Reformation mit zu freuen.

Es betont, dass das gemeinsame Gedenken seinen Grund in der Taufe hat, die Lutheraner wie Katholiken in den einen Leib Christi einführt. Vom Leib Christi aber ist nach Paulus zu sagen: „Wenn … ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm“ 5). Wenn die evangelischen Christen des Beginns der Reformation gedenken, betrifft das also auch die katholischen Glieder des Leibes Christi. „Indem sie miteinander des Reformationsbeginns gedenken, nehmen sie ihre Taufe ernst“ 6).
„Reformation“ als Bezeichnung der Ereignisse im 16. Jahrhundert, die zur Kirchenspaltung geführt haben, wird im Dokument ebenfalls ernst genommen. Eine kurze Skizze jener Ereignisse 7) macht deutlich, dass die Bildung einer neuen Kirche nicht in der Absicht der Reformatoren lag und dass die Spaltung der westlichen Christenheit das Ergebnis von komplexen Interaktionen zahlreicher Akteure war, sodass die Reformation in diesem Sinn ebenso Werk Luthers wie der römischen Verantwortlichen und zahlreicher politischer Akteure ist. Der Reformation als Ereigniskette, die zur Spaltung der Kirche geführt hat, gilt nun in der Tat Bedauern, Trauern und Bekenntnis der Schuld.

Klar ist freilich, dass ein mögliches Schuldbekenntnis 2017 nicht einseitig gemeint sein kann, so als ob die evangelische Seite allein für die Kirchenspaltung verantwortlich wäre. Schuld hat es auf allen Seiten gegeben, sodass ein Schuldbekenntnis nur ein beiderseitiges sein kann.

Die Schuld wird im Übrigen nicht darin gesehen, dass Theologen beider Seiten an ihren unterschiedlichen Auffassungen festgehalten haben. Die Schuld der Reformatoren wie ihrer Gegner wird vielmehr darin gesehen, wie sie ihre Auffassungen durchgesetzt haben: indem sie oft genug ihre Gegner missverstanden, karikiert, der Lächerlichkeit preisgegeben und diabolisiert haben; indem sie die Durchsetzung der eigenen Position weit vor die Bewahrung der Einheit gesetzt, Weltliches und Geistliches wechselseitig instrumentalisiert haben.
Ein beiderseitiges Schuldbekenntnis, gründlich vorbereitet und ernst gemeint, würde die Beziehungen der Kirchen zueinander nachhaltig verbessern und in der Gesellschaft Zeugnis davon geben, dass die Kirchen in der Lage sind, im Verhältnis zueinander das zu tun, was sie immer wieder von den Menschen fordern: Bereitschaft zur Versöhnung. Für das Dokument gehören beim Erinnern im Jahr 2017 gemeinsame Freude und gemeinsamer Schmerz zusammen.
Der Text schließt mit fünf Imperativen 8), die katholische und evangelische Christen wie ihre Kirchen bitten, die Option für die Einheit zu wählen und zu bekräftigen. Soll heißen: dass die andere Kirche nicht zuerst als andere wahrgenommen wird, sondern als Teil des einen Leibes Christi. Die Beziehungen zu anderen Kirchen sind dann Innenbeziehungen innerhalb des einen Leibes Christi. Das erfordert eine immer neue Umkehr des Herzens und des Verstandes.
Die erste von Luthers 95 Thesen lautet: „Wenn unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘, dann will er, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.“ Wäre das Jahr 2017, das an die Veröffentlichung dieser Thesen erinnert, nicht eine ausgezeichnete Gelegenheit für die Kirchen, miteinander diese erste These in einer solchen Umkehr des Herzens und Verstandes zur Einheit ernst zu nehmen?

1) Studiendokument des Lutherischen Weltbunds und des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen;
2) Bei einem Schulungswochenende in der ökumenischen Siedlung Ottmaring bei Augsburg am 13. Juni 2015;
3) Nr. 91–218;
4) Kp. IV;
5) 1 Korinther 12,26;
6) Nr. 221;
7) Nr. 35–90;
8) Kp.VI.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2015)
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