19. November 2015

Jedem eine neue Chance

Von nst1

Annette Gerlach war 34 Jahre lang Ärztin in einer großen Klinik für Psychiatrie. Sie hat Menschen begleitet, die unsere Gesellschaft für „verrückt“ hält.  In den letzten 22 Jahren hat sie psychisch Kranke behandelt, die – meist im Wahn – schwere Straftaten begangen haben. Warum hat sie sich für diese Arbeit entschieden?

Die Fantasie mancher Krankenschwester im Umgang mit den psychisch Kranken hat Annette Gerlach beeindruckt: „Eine Patientin konnte nachts nicht schlafen“, erinnert sie sich. „Sie bildete sich ein, unter ihrem Bett seien Hunde. Kurzerhand schaute die betreuende Schwester darunter und rief: ‚So, ihr beiden, jetzt aber raus hier!’“ Sicher, dass die Hunde nun verscheucht waren, schlief die Patientin ein. „Man muss auch lernen, das Komische an den Situationen zu sehen“, hat sich die Fachärztin für Psychiatrie von dieser Begebenheit mitgenommen.
„Man sagt, Sie seien verrückt, aber Sie sind nur aus unserer Normalität gerückt“, hat Annette Gerlach ihren Patienten zuweilen erklärt. Als „verrückt“ werden in unserer Gesellschaft nicht Suchtkranke oder Depressive angesehen, stellt die 65-Jährige klar. „Sondern eher die Schizophrenen, die wahnhaft in ihrer eigenen Welt leben. Sie hören zum Beispiel Stimmen oder beziehen alles, was sie im Radio hören, auf sich.“
Wurde ein Patient eingewiesen, war es Aufgabe der promovierten Ärztin, eine Diagnose zu stellen und die Therapie festzulegen. „Ist einer schizophren und richtig wahnhaft, kann ich ihn nicht nur mit einer Psychotherapie behandeln. Er kann mit mir oft erst vernünftig sprechen, wenn ich ihm Medikamente verabreicht habe. Sonst ist er so in seine Welt eingesponnen, dass wir auf verschiedenen Ebenen reden.“ Danach ist zu klären, welche Therapie ihn sonst noch weiterbringen kann: Sport, Kunst, Musik… „An welchem Punkt ist er? Was ist in seinem aktuellen Zustand gut für ihn?“ In Behandlungskonferenzen werden die Beobachtungen und Meinungen zusammengetragen und diskutiert. Was dran ist und wer was zum therapeutischen Prozess beiträgt, wird gemeinsam beschlossen.
In die Forensische Psychiatrie kommen Patienten, die aufgrund ihrer psychischen Krankheit – meist erhebliche – Straftaten begangen haben und weiterhin eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen.

„Eine junge Frau hatte ihre schwerkranke Mutter getötet, weil sie den Eindruck hatte, sie müsse sie erlösen und sei der rettende Engel.“

Jemanden wie sie trifft keine Schuld. Sie hatte krankhafte Grundlagen für ihre Entscheidung und war im Fachjargon „schuldunfähig“. Trotzdem fühlen sich auch solche Patienten schuldig und leiden oft sehr darunter, etwas getan zu haben, was sie eigentlich nicht tun wollten: „Gerade schizophrene Patienten, die im Wahn getötet haben, sind dann oft völlig fassungslos. Oder depressive Patienten nach einem sogenannten ‚erweiterten Suizid’, die ihr Kind umgebracht haben und sich dann selbst töten wollten, aber überlebt haben: eine Riesen-Last! Da ist die erste therapeutische Aufgabe, klar zu machen, dass sie krank waren, jetzt aber lernen müssen, Verantwortung für die Krankheit zu übernehmen.“ Sie müssen lernen, die Symptome zu erkennen, mit denen sich eine Krankheitsphase ankündigt, und sich dann Hilfe holen.
Eigentlich wollte sich Annette Gerlach auf Geriatrie – die Erkrankungen älterer Menschen – spezialisieren. In ihrer Jugendzeit in Berlin hatte die evangelische Christin bei einem Praktikum in der Krankenpflege eine Ordensfrau kennengelernt, deren Zugewandtheit zu den Senioren sie beeindruckte. Später bei der Frage, ob sie ihr Ziel über die Innere Medizin oder die Psychiatrie anstreben sollte, hörte sie auf den Rat einer guten Bekannten.
Schon zuvor war sie auf die Fokolar-Bewegung gestoßen – eine Begegnung, die sie veränderte: Zwar hatte sie aus dem Glauben an Gott gelebt, aber ihre Alltagserfahrungen nie damit in Verbindung gebracht, dass Gott sie persönlich liebt. „Ich muss nicht einmal gut sein, um von ihm geliebt zu werden. Er gibt mir die Chance, immer wieder neu anzufangen, auch wenn ich gefallen bin.“ Das war für sie später ein Schlüssel dafür, auch schwierige Patienten nicht aufzugeben. „Wenn du jemanden vor dir hast, der verurteilt ist, weil er mehrere Frauen jeweils über Wochen in seiner Gewalt hatte: Wie gehst du mit ihm um? Kannst du dir vorstellen, ihm wirklich eine Chance zu geben? – Das war hilfreich!“
Und der Wechsel in die Forensik? Hatte sie keine Angst vor den Patienten?

„Nein, ich hab sie gemocht! Ich hatte mich ja extra dahin beworben, weil keiner sie haben will.“

Annette Gerlach hat in ihnen das Menschliche, Sympathische entdeckt: „Eine Patientin war entwichen, hatte es bis nach Garmisch geschafft. Als die Polizei sie morgens um sechs zurückbringt und sie zur Rede gestellt wird, wieso sie weggelaufen sei, seufzt die Frau: ‚Ach, Frau Doktor, einmal die Alpen sehen!’ Sollte ich da böse sein?“
Wie ist sie in die so ganz andere Welt ihrer Patienten vorgedrungen? Wie hat sie deren Vertrauen gewonnen? „Es hing davon ab“, antwortet Annette Gerlach: „Haben sie mich Einblick nehmen lassen oder nicht? Wie feindselig waren sie? Meist haben sie dann Angst. Die Erregungszustände bei Schizophrenen sind oft ein Ausdruck davon; sie können keine Nähe ertragen. Es sind Befreiungsschläge, die natürlich dazu führen, dass sie noch mehr eingeengt werden.“ Und: Die Patienten sollten nicht den Eindruck haben, dass man hinter ihrem Rücken über sie spricht. „Daher habe ich auch nie Angehörigengespräche ohne die Patienten geführt.“
Annette Gerlach ist überzeugt: Selbst in einer Psychose merken die Patienten, ob man ihnen wohlgesonnen ist. Sie hat versucht, sie zu verstehen und sich in ihre Lage zu versetzen: „Muss ich denn Druck ausüben, um eine Antwort zu bekommen? Will ich nicht auch manchmal meine Ruhe haben? Wenn sie feindselig sind, darf ich nicht demütigend werden: Sie sind ja krank! – Dann kriegt man zu fast allen Patienten einen Draht.“
Schwer war es bei denen, die meinten, sie hätten doch gar nichts gemacht; die die Schuld auf andere geschoben haben und voller Vorwürfe waren. „Denen mussten wir erstmal nahebringen, wo sie hätten Verantwortung übernehmen und anders entscheiden müssen.“
Andere leiden darunter, dass sie so stigmatisiert und wenig in die Gesellschaft integriert sind. „Auch an der mangelnden Freiheit. Manche Patienten waren zehn Jahre ohne Ausgang. Das ist heftig!“
Ob ein Patient Ausgang erhält, hat Annette Gerlach nicht allein entschieden: „Chefarzt, Oberarzt und alle Mitarbeiter, die mit dem Patienten zu tun haben, müssen sich dazu äußern. Der Patient ist dabei und muss erklären, warum er denkt, dass man ihm den Ausgang zutrauen kann.“ Im Team zu entscheiden, ist „lebensnotwendig“: Zum einen ist es wichtig für die Patienten, dass alle an einem Strang ziehen. Zum anderen: „Wenn du allein entscheidest und etwas passiert, machst du dir ewig Vorwürfe! Aber wenn zehn Leute den Zustand des Patienten nicht bemerkt haben, hat er uns entweder genial hinters Licht geführt oder es war eine Sekundenentscheidung wegzulaufen.“

Eine sehr junge Frau hat Annette Gerlach einmal nachdenklich gestimmt: „Ich möchte immer von Ihnen behandelt werden. Sie sind strenger als andere.“

Was wollte sie ausdrücken? Die Ärztin erklärt es sich so: „Wenn ich konsequent bin, heißt das: Ich kümmere mich um dich, du liegst mir am Herzen; ich lass dich nicht einfach machen, was du willst. – Wenn sie merken, dass du sie magst, kannst du auch Grenzen setzen.“
Annette Gerlach hat sich mit ganzem Herzen für Patienten und Kollegen eingesetzt. Kein Wunder, dass es ihr vor zweieinhalb Jahren schwergefallen ist, in Pension zu gehen.
Clemens Behr

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November 2015)
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