18. Januar 2016

Wie viel Vielfalt verträgt das Land?

Von nst1

An der Flüchtlingsfrage scheiden sich die Geister: Großzügigste Hilfsbereitschaft bis hin zu Brandanschlägen auf Asylbewerberheime. Bricht unsere Gesellschaft auseinander? Was kann den Gemeinschaftsgeist stärken? Fragen an Kai Unzicker von der Bertelsmann Stiftung, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt untersucht.

Ist der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet, Herr Unzicker?
UNZICKER: Viele Menschen meinen das. Untersuchungen zeigen jedoch: Vieles, was für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig ist, hat sich in den letzten zwanzig Jahren kaum verändert. Das soziale Engagement, die Freundschaftsnetzwerke, das Niveau des Vertrauens untereinander sind gleich geblieben.
Aber es gibt große Herausforderungen: Wie gehen wir mit gesellschaftlicher Vielfalt um? Schauen wir auf Pegida oder nach Erfurt, wo Herr Höckel für die AfD Vorträge hält, steht es Spitz auf Knopf in Sachen Einwanderung oder Muslime. Menschen haben Angst und Sorge, äußern Hass und Ablehnung: Zeichen, dass die positive Entwicklung, die Stabilität auch ins Wanken geraten kann. Das ist sie aber noch nicht.

Ist der Zusammenhalt in den Ländern unterschiedlich ausgesprägt?
UNZICKER: Österreich, die Schweiz, Luxemburg und Deutschland, also eher kleine, wohlhabende europäische Länder, bewegen sich im gehobenen Mittelfeld. Skandinavien, Kanada, Australien und Neuseeland stehen besser da, während Süd- und Osteuropäer einen deutlich schwächeren gesellschaftlichen Zusammenhalt aufweisen.

Woran erkennen Sie das?
UNZICKER: Zunächst: Was soll denn gesellschaftlicher Zusammenhalt überhaupt sein? Für uns ist das die Qualität des gesellschaftlichen Miteinanders. Dazu gehören einerseits die Beziehungen der Menschen untereinander, aber auch, wie sehr sie sich mit dem Gemeinwesen verbunden fühlen, und drittens, wie stark sie sich für andere oder das Gemeinwesen einsetzen.
Auf diesen drei großen Pfeilern ruht der gesellschaftliche Zusammenhalt. Man kann ihn messen. Ich kann die Leute fragen: Wie viele Freunde haben Sie? Haben Sie jemanden, der Ihnen in einer Notlage hilft? Wie sehr fühlen Sie sich verbunden mit Ihrer Stadt, Ihrer Region, der Gesellschaft? Spenden Sie, interessieren Sie sich für Politik, engagieren Sie sich für etwas? Solche Daten haben wir die letzten zwanzig Jahre erhoben und daraus berechnet, wie stark der Zusammenhalt ist.

Woher rühren die Unterschiede?
UNZICKER: Länder mit hohem Wohlstand haben meistens auch einen stärkeren Zusammenhalt. Dazu kommt aber noch: Je gleicher die Einkommen verteilt sind, desto stärker der Zusammenhalt. Hoher Wohlstand, der auch noch gleichmäßig in der Gesellschaft verteilt ist, ist anscheinend eine solide Grundlage, auf der starke Sozialbeziehungen und Vertrauen fußen. Dann engagieren die Leute sich.
Im Gegensatz dazu: Wenn Armut herrscht und der wenige Wohlstand, der vorhanden ist, auch noch ungleich verteilt ist, zersetzt das eine Gesellschaft. Das führt zu inneren Spannungen, die den Zusammenhalt belasten.

Welche Auswirkungen hat die Flüchtlingskrise?
UNZICKER: Leider waren die Deutschen bisher nicht dafür bekannt, für Fremde besonders offen zu sein. Jahrzehntelang galt: Teil der Gesellschaft kann nur sein, wer schon deutsche Vorfahren hat. Für Einwanderer war es immer schwer. Das haben wir Anfang der 90er-Jahre erlebt bei der großen Asyldebatte, die mit Brandanschlägen und Gewalt einherging.
Im Unterschied zu damals sagen heute viele Bürger: Wir wollen Flüchtlingen helfen, auf sie zugehen, haben kein Problem damit, dass sie eine andere Religion, Kultur oder Sprache haben. In den 90er-Jahren war man der Auffassung, Ausländer sollen sich zurückhalten, sich nicht engagieren, sich auch nicht integrieren. Das hat sich gewandelt, da haben wir uns geöffnet.
Auf der anderen Seite – Stichwort Pegida – achten die Menschen mehr darauf, wie ähnlich oder fremd ihnen andere sind. Und manche finden Fremdheit beängstigend, häufig gerade dort, wo sie gar nicht mit ihr konfrontiert sind. Wo keine Muslime leben, lehnt man sie am meisten ab. Das ist stärker geworden.

Hängt das mit mangelnder Identifikation zusammen? Sie sagten doch, die Verbundenheit mit Stadt und Land sei bedeutsam.
UNZICKER: Es gibt einen interessanten Effekt: In Ländern mit schwachem Zusammenhalt ist die Identifikation stark. Und Länder mit stärkerem Zusammenhalt haben eher wenig Identifikation. Es gibt Ausnahmen wie die USA, teilweise Skandinavien, wo beides stark vorhanden ist.
In Ostdeutschland haben wir einen schwächeren gesellschaftlichen Zusammenhalt, aber eine stärkere Identifikation. Manche Leute suchen gleichsam ein völkisches Heimatgefühl, eine Zugehörigkeit, die ihnen keiner nehmen kann, eine klare, eindeutige Identität. Und die bekommen sie am einfachsten, wenn sie sich abgrenzen gegenüber jenen, von denen sie annehmen, dass sie ganz anders sind: „Ich weiß nicht hundertprozentig, wer ich bin, aber ich weiß ganz genau, zu denen gehöre ich nicht!“

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
UNZICKER: Viele Menschen fühlen sich ungerecht behandelt: „Ich bekomme nicht mehr, was mir zusteht.“ Das sind Regionen, wo die Arbeitslosigkeit hoch ist und die Einkommen immer noch niedriger sind. Mit wenig Perspektiven und großen Enttäuschungen, wie sich das eigene Leben und die Gesellschaft insgesamt für sie entwickelt haben.
Ein zweiter Grund: Verloren gegangenes Vertrauen in Medien und politische Institutionen und deren Fähigkeit, die Probleme zu lösen. Sie sind allerdings auch nicht mehr einfach zu lösen. Die Eurofinanzkrise hat gezeigt, wo die Grenzen nationaler Parlamente und Regierungen liegen. Da wünschen sich manche jemanden, der auf den Tisch haut und die Dinge ändert. Aber politische Probleme sind komplexer geworden und lassen sich nicht mehr von starken Politikerpersönlichkeiten mit einem Handstreich lösen.

Gefährdet Vielfalt den Zusammenhalt?
UNZICKER: Wir haben uns Regionen mit einer größeren Vielfalt angeschaut. Dort ist der Zusammenhalt stärker als in Gebieten mit geringerer Vielfalt. Es gibt also keine Anzeichen, dass ein größerer Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund den Zusammenhalt schwächt. Das Problem ist: Was machen wir dort, wo die Leute nicht gewohnt sind, mit der Vielfalt umzugehen? Wo sie auf die Straße gehen „gegen die Islamisierung des Abendlandes“, gibt es nicht mal zwei Prozent Muslime. Sie haben in den Großstädten viele Fremde gesehen und wollen das in ihrer Kleinstadt nicht auch erleben. Sie wehren sich gegen ein Phantom, denn das Zusammenleben in den meisten Großstädten funktioniert recht gut. So ein Kampf kann den Zusammenhalt gefährden.

Beobachten Sie denn Unterschiede zwischen Städten und ländlichen Gebieten?
UNZICKER: Durchaus, und zwar im Widerspruch zur landläufigen Vorstellung. Denn in den Städten ist der Zusammenhalt stärker als auf dem Land! Ländliche Regionen sind oft überaltert; es gibt wenig Arbeitsplätze, die jungen Leute ziehen weg. Da ist die Not im Ehrenamt noch größer. Und das spiegelt sich im Zusammenhalt wieder. Man weiß nicht, wie man künftig noch eine freiwillige Feuerwehr aufstellen soll. Die Gemeinden müssen Anzeigen schalten, um noch Bürgermeisterkandidaten für die Kommunalwahl zu finden.
Das gilt nicht für die Speckgürtel der Großstädte. In den Groß- und Mittelstädten gibt es mehr Möglichkeiten, sich zu engagieren, dafür Gleichgesinnte zu finden, sich ein Freundschaftsnetzwerk aufzubauen.

Womit lässt sich der Zusammenhalt fördern?
UNZICKER: Wir müssen über den Umgang mit Vielfalt nachdenken: Wie stellen wir vertrauensvolle Kontakte zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen her? Wie bringen wir Menschen miteinander ins Gespräch? Das ist eine Herausforderung, aber dann lernt man voneinander.
Das zweite: So viele setzen sich erstmals aktiv für Flüchtlinge ein! Wenn sie merken, dass ihr Einsatz Wirkung hat, kann man hoffen, das das ehrenamtliche Engagement in den nächsten 20, 30 Jahren weiterhin ausgeprägt bleibt. Denn die Menschen, die sich in Vereinen oder anderswo engagieren, werden älter. Da wächst kaum etwas nach. Viele junge Leute scheuen langfristige Bindungen und geben sich weniger für gesellschaftliche Aufgaben her. Daran muss man arbeiten: Wie können wir das Engagement erhalten? Mit welchen politischen Rahmenbedingungen können wir es fördern?

Können wir dabei von anderen Ländern lernen?
UNZICKER: Eine Frage ist ja: Wie schaffen wir es über eine vernünftige Einbürgerungs- oder Einwanderungspolitik, dass Migranten wirklich Teil der Gesellschaft werden? Typische Einwanderungsländer wie Kanada sind da einige Schritte weiter. Zwar kippt es in Skandinavien langsam wieder, aber zuvor lief es gut: Wie war es dort denn gelungen, die Ungleichheit besser zu zähmen als in anderen Ländern? Durch den Wohlfahrtsstaat und eine gute Bildungspolitik!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Clemens Behr

Kai Unzicker. - Foto: (c) Bertelsmann Stiftung

Kai Unzicker. – Foto: (c) Bertelsmann Stiftung

Kai Unzicker,
geboren 1978 in Nordhessen, ist Soziologe und promovierter Erziehungswissenschaftler. Er leitet das „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh. Das Projekt untersucht den „Kitt“, der eine Gesellschaft zusammenhält, wissenschaftlich und liefert Grundlagen für ein besseres Verständnis sozialen Wandels und zukünftiger Entwicklungen.

www.gesellschaftlicher-zusammenhalt.de

 

 

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2016)
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