Eintreten für die Menschenwürde
Offener Brief an die Allianz für Weltoffenheit
Sehr geehrte Herren,
der Umgang mit den Flüchtlingen bestimmt die Debatten. Viele Bürger knüpfen Kontakte, geben Deutschunterricht, machen Behördengänge. Aber sie haben auch Fragen: Wie viele kommen noch? Was haben sie im Gepäck an Mentalität, Rechts- und Demokratieverständnis, Terror und traumatischen Erlebnissen? Wie überfordert sind die Behörden? Sicherheitsdenken und Angst verleiten manche zu Hassbotschaften und fremdenfeindlicher Gewalt. Populistische Parolen erinnern an böse Zeiten. Dahinein rufen Sie: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das haben die Väter des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland 1949 nach der massiven Missachtung der Menschenwürde durch die Nazis bewusst an den Anfang der neuen staatlichen Grundordnung gestellt.
Sie, meine Herren, haben ein breites Bündnis geschmiedet – gegen Intoleranz, Menschenfeindlichkeit und Gewalt. Sie wollen ein weltoffenes, solidarisches, demokratisches Land. Haben Religionen, Gewerkschaften, Arbeitgeber, Kultur-, Naturschutz-, Sport- und Wohlfahrtsverbände jemals öffentlich so an einem Strang gezogen? Ein markantes Zeichen!
Die Flüchtlinge sind eine große Herausforderung, keine Frage. Aber das rechtfertigt nicht, die Menschenwürde zu vernachlässigen oder für bestimmte Gruppen die Menschenrechte auszusetzen. Denen, die Feindseligkeit schüren und Gewalt säen, treten Sie entgegen und fordern, sachlich und lösungsorientiert zu debattieren. Rechtsextreme, menschenverachtende Angriffe müssten konsequent verfolgt werden. Grundrechte wie die Gleichberechtigung von Frau und Mann oder Glaubens- und Gewissensfreiheit dürfe niemand infrage stellen, auch Flüchtlinge nicht.
Viele Gesetzesvorschläge und politische Parolen sind Schnellschussreaktionen auf das grummelnde Unbehagen vieler Bürger; eine Gesamtschau der Flüchtlingsfragen und bitternötige langfristige Lösungsansätze lassen sie vermissen.
Da verlangen Sie zu Recht, Integrationsmaßnahmen und -programme zu einer Gesamtstrategie zusammenzuführen.
Nur schöne Worte? Hören Menschen, die Steine und Brandsätze werfen, Ihren Appell? Zumindest kann er ihnen in seiner unaufgeregten Nüchternheit zu denken geben. „Wir treten ein für… einen Dialog über kulturelle, religiöse und soziale Unterschiede; ein verbessertes Bildungsangebot; den Schutz der Grundrechte…“ Die zehn Punkte zeigen einen Weg auf, benennen Ziele. Sie beinhalten Forderungen an politisch Verantwortliche wie an alle Bürger. Genauso lassen sie sich als Ihre Selbstverpflichtung lesen. Ich würde mir wünschen, dass Sie deutlich machen, WIE sie für diese Punkte eintreten wollen! Lassen Sie weitere Ideen und konkrete Initiativen folgen, die Beispiel geben!
Ihr Appell ist ermutigend und ein Warnsignal zugleich: dass nicht eine Gesinnung Oberhand gewinnen darf, die Flüchtlinge nicht mehr als Menschen ansieht und behandelt! Politiker, Medien und Ihre Organisationen sollten den besorgten Bürgern aber auch klar zeigen, dass sie ihre Ängste verstehen und berücksichtigen, damit unsere Gesellschaft nicht noch weiter auseinanderdriftet.
Mit freundlichen Grüßen,
Clemens Behr
Redaktion NEUE STADT
Unser offener Brief wendet sich an die „Allianz für Weltoffenheit, Solidarität, Demokratie und Rechtsstaat – gegen Intoleranz, Menschenfeindlichkeit und Gewalt“. Zu ihr gehören Gewerkschaftsbund, Arbeitgeberverbände, Wohlfahrtsverbände, Naturschutzring, Kulturrat, Olympischer Sportbund, Zentralrat der Juden, Koordinationsrat der Muslime, evangelische und katholische Kirche in Deutschland. Vertreter der zehn Institutionen haben am 11. Februar in Berlin einen Appell für eine menschenwürdige Aufnahme der Flüchtlinge veröffentlicht.
www.allianz-fuer-weltoffenheit.de
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März 2016)
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