Die Welt muss es wissen.

Offener Brief an Nadia Murad und Lamija Adschi Baschar

Sehr geehrte Frau Murad und Frau Baschar,

wenn Sie aussprechen, was Sie alles an unsäglichem Leid mitgemacht haben, kann man erstmal nur schweigen. Was Menschen ihresgleichen an Grausamkeiten antun können, macht sprachlos!
Im Nordirak waren Sie junge Frauen wie viele andere auf der Welt, haben Make-Up ausprobiert, wollten studieren, waren glücklich und dachten nicht im Traum daran, einmal nach Europa zu gehen. Bis zum August 2014: Kämpfer der Terrororganisation IS überfielen Ihr Dorf Kotscho im Sindschar-Bezirk im Nordirak, massakrierten die Männer und viele ältere Frauen, verschleppten die jüngeren Frauen und die Kinder. Sie haben erlebt, wie die Kämpfer Ihre Familienangehörigen hinrichteten, wurden gezwungen, Sprengstoffwesten für Selbstmordanschläge herzustellen, wurden verkauft, gefoltert, als Sexsklavinnen gehalten, unzählige Male vergewaltigt. Ihnen, Frau Murad, gelang nach einigen Monaten mit Hilfe von Nachbarn die Flucht. Sie, Frau Baschar, entkamen nach vielen Versuchen erst im Februar 2016. Bei der Verfolgung durch die IS zerriss eine Tretmine zwei der Mitflüchtenden, verletzte Sie, entstellte Ihr Gesicht, machte Sie nahezu blind. – Es grenzt an ein Wunder, was Sie alles überlebt haben.
Sie haben sich entschieden, darüber zu reden, was man Ihnen angetan hat, auch wenn das immer wieder seelische Wunden aufreißt. Sie hätten Grund genug, verdrängen, vergessen zu wollen, vor Angst zu erstarren, sich zu verschließen. Das tun Sie nicht.
Sie kämpfen. Sie kämpfen dafür, dass die Welt von den systematischen Gräueltaten des IS erfährt, dass die Politiker etwas bewegen, um dem Horror ein Ende zu setzen.
Sie kämpfen, dass die systematische Vernichtung der Jesiden durch den IS als Völkermord anerkannt, die Terrormiliz vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt wird. Sie sind jetzt Sprachrohr der 3200 jesidischen Frauen und Kinder, erinnern uns an alle, Christen und Muslime, die sich der IS-Ideologie nicht beugen, die noch in den Fängen der IS feststecken, Opfer des gezielten, menschenverachtenden Einsatzes von sexueller Gewalt. Sie haben sich trotz allem eine Würde bewahrt, haben sich nicht unterkriegen lassen. Nach all dem, was Sie durchgemacht haben, verteidigen Sie Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit. – Das ist unglaublich stark. Das ist mutig. Das gibt Hoffnung.
Die Meldungen von Terror, Selbstmordanschlägen und Gräueltaten in diesen Gebieten stumpfen uns ab. Wir sehen nicht mehr hin, hören nicht mehr zu. Aber die Welt muss es wissen. Und sie soll handeln. Sie erheben Ihre Stimme, klagen an, stehen auf gegen die um sich greifende Gleichgültigkeit. Das ist unbequem. Wir wünschen Ihnen, dass Sie die Kraft dazu nicht verlieren, dass Sie es schaffen, Herzen und Hände zu bewegen. Damit Taten folgen, damit eingeschritten, Waffenlieferungen gestoppt, dem Horror ein Ende gesetzt wird, damit die Täter zur Verantwortung gezogen werden.
Schweigen bewegt nichts. Schweigen würde aufgeben bedeuten. Gegen das Unrecht braucht es laute, klare Worte. Wie die von Ihnen.

Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr,
Redaktion NEUE STADT

Unser offener Brief wendet sich an die beiden Jesidinnen Nadija Murad (23) und Lamija Adschi Baschar (18) aus dem Irak. Der IS, auch Daesh genannt, sieht in der religiösen Minderheit im Irak „Teufelsanbeter“ und verfolgt sie erbarmungslos. Im Dezember verlieh das EU-Parlament in Straßburg den beiden Frauen, die in Baden-Württemberg leben, den Sarachow-Preis „für geistige Freiheit“. Murad ist Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen für die Würde der Opfer von Menschenhandel.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2017)
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