Sprachenstreit im Kamerun

Offener Brief an Paul Biya

Sehr geehrter Herr Präsident,

herzlichen Glückwunsch: Die „Lions“, Kameruns Fußballer der Nationalmannschaft, haben im Februar den Afrikapokal gewonnen!
Über der Siegesfreude liegt jedoch ein Schatten: Seit 17. Januar haben die beiden englischsprachigen Regionen im Westen Kameruns keine Internetverbindung mehr. Tags zuvor hatte das Post- und Telekommunikationsministerium Nutzer sozialer Medien gewarnt, unbewiesene Informationen zu verbreiten. Auch per SMS drohte es: Verleumdungen oder Lügen zu senden, könne bis zu zwanzig Jahre Haft nach sich ziehen. Zwei anglophone Lobbygruppen wurden für illegal erklärt, nachdem sie zum Generalstreik aufgerufen hatten. Offenbar hat Ihre Regierung, Herr Biya, den Westen des Landes bewusst vom Netz genommen und will die Bevölkerung einschüchtern. Das halten wir für keine geeignete Maßnahme, um den Konflikt auf Dauer zu lösen!

Im Gegenteil, Ihr Vorgehen droht, ihn weiter zu schüren: Die Gegend um Buea, hoch gelegene Hauptstadt der Region Südwest, heißt im Volksmund wegen der vielen digitalen Startup-Unternehmen „Silicon Mountain“. Eine wochenlange Internetsperre ruiniert die jungen Firmen, behindert die Funktionsfähigkeit von Banken und Presse. Das schadet letztlich dem gesamten Land!
Der englischsprachige Westen fühlt sich seit Jahren von Ihnen benachteiligt: Viele Gesetzestexte und Behördendokumente werden nur in Französisch veröffentlicht. Englischsprachige Bürger sind oft von der Stellenvergabe im öffentlichen Dienst ausgeschlossen. Aus Protest gegen die Diskriminierung gehen Menschen seit Monaten auf die Straße. Das Militär hat die Demonstrationen teilweise niedergeschlagen: Mindestens sechs Protestler wurden erschossen, Hunderte festgenommen; drei Aktivisten droht die Verurteilung zur Todesstrafe. Eine bedenkliche Entwicklung!

Im Januar haben Anwälte und Lehrer gestreikt. Sie lehnen sich dagegen auf, dass die Behörden französischsprachige Kollegen mit mangelnden Englischkenntnissen einsetzen – zu Lasten der Bevölkerung, vor allem der Schüler.
Extremisten fordern eine Teilung des Landes. Verständlich, dass Sie das nicht zulassen wollen. Manche fordern ein föderales System, erhoffen sich mehr Teilhabe davon. Viele Westkameruner aber wollen einfach wie alle anderen Bürger ihre Rechte wahrnehmen können. Sie der sozialen Medien zu berauben, ist ein Versuch, sie mundtot zu machen. Beseitigt werden die Ungerechtigkeiten damit nicht.
Die Ursachen des Sprachen- und Kulturstreits reichen bis in die Kolonialzeit zurück. Die Bischofskonferenz der Region Nordwest spricht gar von einer absichtlichen, systematischen Entwertung der kulturellen Identität Westkameruns und wirft Ihnen vor, den Konflikt herunterzuspielen. Um ihn zu befrieden, braucht es den ausdrücklichen Willen dazu und eine langfristige Strategie.
Wir fordern Sie auf, darauf hinzuwirken: Fangen Sie in der Regierung damit an, alle Bürger Ihres Landes gleich zu behandeln. Beenden Sie die Gewalt staatlicher Organe, setzen Sie sich mit Vertretern von Lehrern und Anwälten der Westregionen an den Verhandlungstisch und arbeiten Sie gemeinsam an einer „Roadmap“! Sonst wächst die Gefahr, dass der Sprachenstreit Ihr Land zerreißt.

Mit freundlichen Grüßen,
Clemens Behr,
Redaktion NEUE STADT

Paul Biya
Der heute 84-Jährige ist seit 1982 Präsident und damit Staatsoberhaupt der Republik Kamerun in Zentralafrika.
Im Kamerun werden über 200 Sprachen gesprochen. Amtssprachen sind Englisch und Französisch, Folge der ehemaligen Aufteilung des Landes unter den europäischen Kolonisatoren. 20 Prozent der 24 Millionen Kameruner leben in den beiden englischsprachigen Provinzen im Westen des Landes.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2017)
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