Den Blickwinkel infrage stellen

Was tun, damit weniger Menschen flüchten, im Mittelmeer ertrinken und mit ungeklärter Zukunftsperspektive von einem Land ins nächste geschickt werden? Europäische Journalisten sind solchen Fragen in den vergangenen zwei Jahren auf den Grund gegangen.  Gemeinsame Recherchereisen führten sie an Stätten, in denen Menschen ihre Flucht beginnen, vor allem aber an Durchgangs- und Ankunftsorte. Ziel der jüngsten Reise war der Libanon.

An den Konfliktherden unserer Erde entscheidet die Wahrnehmung der Wirklichkeit darüber, wer sich für den Frieden und wer für einen der Kriege mobilisieren lässt, die nach wie vor täglich Tausende Menschen zur Flucht veranlassen. Wer erscheint mir hilfsbedürftig, wer bedrohlich? Wen stufe ich als „einen von uns“ ein, wen als Gegner? Journalisten haben bei der Auswahl und Interpretation von Informationen einigen Einfluss darauf, wie ihre Leser, Hörer oder Zuschauer das alltägliche Geschehen deuten.

Kommunikationswissenschaftler Pál Tóth aus Ungarn (links) und der Franzose Roland Poupon, der seit 46 Jahren im Nahen Osten lebt. – Alle Fotos: (c) Dorothee Wanzek

Der daraus erwachsenden Verantwortung ist sich der ungarische Kommunikationswissenschaftler und Journalist Pál Tóth, einer der Initiatoren der internationalen Serie von Recherchereisen für Medienschaffende, äußerst bewusst. Von jung auf hatte er erlebt, wie das kommunistische Regime seines Heimatlandes versuchte, Journalisten in ihren Zugängen zur Wahrheit zu beschränken und zu beeinflussen. Als er nach dem Zusammenbruch der Diktatur Gelegenheit bekam, selbst journalistisch zu arbeiten, war es ihm umso wichtiger, aus ganzer Kraft der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen.
Dass Wahrheit sich niemals gänzlich erfassen lässt, wird Journalisten spätestens während ihrer Ausbildung deutlich. Dort lernen sie dann, sich der Wahrheit anzunähern, indem sie eine Vielfalt subjektiver Wahrnehmungen zusammentragen. Für Pál Tóth ging es aber noch um mehr. Von der Fokolar-Gründerin Chiara Lubich inspiriert, wollte er seinen Beruf aus einer gemeinschaftlichen Perspektive heraus ausüben. Er war überzeugt: Wer als Journalist Menschen vorrangig als Objekte der Berichterstattung versteht, kommt zu anderen Arbeitsergebnissen, als wenn er bereits die Wahrheitsfindung als Beziehungsgeschehen betrachtet und gestaltet. Journalistische Arbeit wird noch wahrhaftiger, wenn sich der Journalist seiner eigenen Subjektivität bewusst ist, meinte er. Dazu gehörte für ihn die Bereitschaft, seinen Blickwinkel sogar von denen, über die er berichtet, infrage stellen zu lassen.

Roland Poupon führt die internationale Journalistengruppe zu verschiedenen Stätten im Libanon.

Als er vor gut zwei Jahren in der italienischen Schwesterzeitschrift der Neuen Stadt einen Beitrag über den restriktiven Umgang Ungarns mit Flüchtlingen schrieb, war das ein Praxistest seiner Vorliebe für beziehungsorientierten Journalismus. Eigentlich hatte er den Eindruck, als „Wanderer zwischen den Welten“, der lange in Italien und auch in Deutschland gelebt hatte, gut zwischen verschiedenen europäischen Erfahrungswelten vermitteln zu können. Umso größer war seine Überraschung, als er aus seiner Heimat heftige Kritik für den Flüchtlings-Artikel erntete, und zwar keinesfalls von überzeugten Altkommunisten, sondern von christlichen Glaubensgeschwistern.

Die libanesische Flagge

Sie fühlten sich mit ihren Sorgen unverstanden und voreilig in eine fremdenfeindliche Schublade gesteckt. Für Pál Tóth und einige Berufskollegen aus der Fokolar-Bewegung, mit denen er darüber ins Gespräch kam, war dieses Erleben von „Fremdheit unter Geschwistern“ schmerzlich. Ihnen fiel dabei auf, wie sehr jeder von ihnen gerade bei der Fluchtthematik, ohne sich dessen bewusst zu sein, Denkkategorien seines Landes einbringt. Schließlich wurde Pál Tóths Erlebnis für sie zum Anstoß, tiefer zu ergründen, was es bedeuten könnte, im Geist Chiara Lubichs Journalisten zu sein. „Journalismus im Dialog“ stand bereits zum Zeitpunkt der ersten Reiseplanungen als Schlagwort im Raum. Zwischen Budapest (Ungarn) und Athen (Griechenland), Man (Elfenbeinküste), Pozzallo (Italien), Lublin (Polen) und Beirut (Libanon) füllte sich dieser Begriff immer mehr mit Leben.

Journalisten im Dialog

Journalisten aus mehreren ost- und westeuropäischen Ländern – darunter auch Deutsche und Schweizer – verabredeten sich an den Flucht-Brennpunkten mit Vertretern von Hilfsorganisationen und Religionsgemeinschaften, mit Politikern verschiedener Parteien, Wissenschaftlern, Flüchtlingen, ehrenamtlichen Helfern und Journalisten aus der Region. Nicht nur die Vielfalt der Gesprächspartner gab ihrem Bild von der Flüchtlingssituation im jeweiligen Land Konturen, sondern auch der Dialog mit den Kollegen, mit denen gemeinsam sie über mehrere Tage hinweg das Wahrgenommene ständig reflektierten. „Die Wahrnehmung der anderen verändert unsere Eindrücke“, stellte Pál Tóth fest.
Die Flüchtlingspolitik in Ungarn und in Polen sieht er heute nach wie vor kritisch. Doch nimmt er sensibler wahr, dass dahinter oft Ängste stehen, die eigene politische, religiöse und nationale Identität zu verlieren. Die Reisen haben ihm vor Augen geführt, dass all die komplexen Probleme, die sich aus den großen Fluchtbewegungen ergeben, sich nur im respektvollen Miteinander der Nationen, Kulturen und Experten lösen lassen.

Andrea Fleming (rechts)

„Je mehr ich gesehen und gehört habe, desto mehr scheue ich mich vor schnellen Urteilen und desto stärker wird mein Eindruck, dass ich erst wenig von der Fluchtproblematik verstanden habe“, erzählt Andrea Fleming. Die freie Journalistin aus München war in Budapest, Athen und Beirut dabei. Im Libanon beeindruckte sie vor allem, dass auf vier Millionen einheimische Libanesen gegenwärtig rund zwei Millionen Flüchtlinge kommen; ein Großteil stammt aus Syrien, der einstigen Besatzungsmacht. „Das relativiert die Aufnahme-Anstrengungen unseres eigenen Landes, das ja im europäischen Vergleich in dieser Hinsicht für viele als vorbildlich gilt.“

Der Hafen des antiken Byblos: Von hier aus stachen die Phönizier in See.

Ein Wunder wäre es in Anbetracht der Zahlenverhältnisse, wenn die Integration der Flüchtlinge im Libanon problemlos gelänge. Die Journalisten aus Europa stießen denn auch auf Helfer, Fachleute und Flüchtlinge, die gegen Resignation ankämpfen. Sie sprachen mit Libanesen, denen noch die Demütigungen in den Knochen stecken aus mehreren Kriegen, die großteils gegen eigene Landesinteressen auf ihrem Territorium ausgetragen wurden. Zugleich haben die Gäste aus Europa aber auch wahrgenommen, dass der Libanon wie kaum eine andere Nation für das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen gewappnet ist. Bereits seit Jahrtausenden wird hier der Austausch mit Fremdem als Bereicherung erfahren. Die Phönizier zum Beispiel, deren Spuren auf Schritt und Tritt ins Auge fallen, verdankten viele Errungenschaften ihrer Hochkultur dem Austausch mit anderen Völkern weit über den Mittelmeerraum hinaus. Als einziger Staat des Nahen Ostens hat der Libanon eine demokratische Verfassung und als einziger lebt er mit einer – derzeit gefährdeten – Parität zwischen Muslimen und Christen.

Ein libanesischer Bauuunternehmer lässt syrische Flüchtlinge auf seinem Gelände Behausungen bauen.

„Unser Dasein hat an allen Orten Netzwerke unter den Engagierten verstärkt“, sagt Andrea Fleming. Viele von ihnen fühlten sich bestärkt und ermutigt, auch in der libanesischen Fokolar-Gemeinschaft, die in vielen Netzwerken Fäden zieht, Wohnungen für Flüchtlinge angemietet hat und praktische Hilfen wie Sprachunterricht anbietet – Dienste, die mitunter nur wie ein „Tropfen auf den heißen Stein“ erscheinen. „Vielleicht seid ihr Journalisten die einzigen, die tatsächlich zu Lösungen beitragen können“, sagte der Franzose Roland Poupon den Besuchern in Beirut zum Abschied. Er lebt seit 46 Jahren für die Fokolar-Bewegung im Nahen Osten. „Wir haben hier in der Region vor allem ein Problem mit der Wahrheit. Wer hat Recht? Wenn man die Wahrheit des einen gegen die Wahrheit des anderen ausspielt, kommt man nie zu Lösungen. Nur gemeinsam kommen wir zu Recht und Wahrheit.“
Dorothee Wanzek

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2017)
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