„Mit Gespür auch Emotionales angehen“

Erbschaftsfragen gehören in vielen Familien zu den „ heißen Eisen “, um die sie sich lange herumdrücken.  Familie Pömer in einem Vorort von Linz hat sich ihnen gestellt. Michaela Pömer erzählt, wie sie das gemacht haben und was ihnen geholfen hat.

Eigentumsregelungen und Erbschaftsfragen bergen fast immer Konfliktpotenzial – und ganz egal, wie gut man sich auch versteht, gehören sie in der Regel wohl kaum bei jemandem zu den Lieblingsthemen. Oft schiebt man die Fragen auch in Familien lange vor sich her; manchmal wird gar nicht darüber geredet oder erst dann, wenn es gar nicht mehr anders geht. Nicht selten stehen am Ende Frust oder gar Streit. Dass sie in ihrer Familie in einem zwar langen, aber guten gemeinsamen Prozess zu einer für alle zufriedenstellenden Lösung kamen, freut Michaela Pömer deshalb umso mehr. Auch wenn ihr selbst erst im Nachhinein – und oft erst durch Rückmeldung von Außenstehenden – so richtig bewusst wird, wie sehr sie und ihre Familie dabei „geführt und begleitet“ waren.
Angefangen hatte alles relativ „harmlos“: „Die Kinder“ – gemeint sind ihr Ältester mit seiner Frau und damals zwei Kindern, zu denen inzwischen noch Zwillinge hinzukamen – „haben uns gesagt, dass sie gern wieder ins Mühlviertel zurückkommen würden.“ Bis dahin hatte die junge Familie etwa 100 Kilometer entfernt gewohnt. Weil das Pömersche Haus groß war, tauchte fast logisch auch die Frage auf, ob die junge Familie mit darin wohnen konnte. Das Haus hatten Michaela und ihr Mann Stephan vor 30 Jahren in einem Vorort von Linz für sich und ihre Familie gebaut. Und weil ihre drei Kinder inzwischen erwachsen und zu Studium und Beruf in andere Städte gezogen waren, lebte das Ehepaar dort nun nur noch zu zweit. „Mich nervte das schon seit einiger Zeit“, erzählt die Familienmutter. „Wir arbeiten wieder beide. Und in so einem großen Haus – mit Zimmern für drei Kinder, Büro, Gästezimmer, Keller und großem Garten – ist einfach viel zu tun.“ Michaela Pömer fühlte sich „doch sehr gebunden“ mit all dem, was da so anfiel. Ihr Mann Stephan ist als Jurist im Landesdienst tätig und sie arbeitet nach einer Kinderpause von gut zehn Jahren wieder in der Buchhaltung im Installationsbetrieb ihres Bruders. Beide engagieren sich daneben auch in anderen Bereichen, nicht zuletzt in der Gemeinschaft der Fokolar-Bewegung in Linz und Umgebung.
Nach der Anfrage der jungen Familie zogen Pömers erst mal eine Architektin zurate. „Können wir auf das Haus ein weiteres Stockwerk draufbauen? Oder sinnvoll umbauen?“ Schnell war aber klar, dass ein Um- oder Aufbau keinen Sinn machte. „Es zeigte sich, dass wir eigentlich noch mal ein eigenes, kleineres Haus für uns bauen mussten.“ Über diese Erkenntnis waren Michaela und Stephan Pömer dann doch erst mal erschrocken. Wie sollte das gehen? Noch mal ein Hausbau? Ob sie die Kräfte dazu hatten? Und auch das Geld? „Die Kinder hatten alle studiert und ich war lange zu Hause gewesen“, erklärt die Mittfünfzigerin kurz die Lage. Deshalb war auch bald klar: Wenn eines der Kinder das Elternhaus haben wollte, würde es dafür etwas bezahlen müssen.

„Der ganze Klärungsprozess unter uns und unter den Geschwistern hat dann über ein Jahr gedauert.“ Nach und nach kam dabei dieses und jenes hoch, auch verschiedene Empfindungen und immer neue Fragen: von „Da hab ich dann ja kein Elternhaus mehr!“ bis „Wie wird es werden, wenn ich dann zu Besuch komme?“ – alles „ganz natürliche Fragen“, wie die Mühlviertlerin unterstreicht. Die Beantwortung brauchte Zeit und Gesprächsräume. „Darauf haben wir uns alle immer wieder neu einlassen müssen. Aber meinem Mann und mir war von Anfang an ganz wichtig, dass keines der Kinder das Gefühl hat, wir hören es nicht an oder entscheiden über es hinweg.“
Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass in diesem Prozess auch die unterschiedlichen Charaktere immer wieder neu ins Spiel gebracht werden mussten: „Ich selbst bin ein sehr spontaner Mensch“, erzählt die Familienmutter lachend, „und sage dann oft relativ rasch was. Dann bereue ich es im Nachhinein, weil ich zu wenig darüber nachgedacht habe. Mein Mann ist das krasse Gegenteil. Der denkt viel mehr nach und sagt manchmal nichts, obwohl er was zu sagen hätte. So war es auch unter uns noch einmal ein neuer Lernprozess.“ Michaela Pömer ist dankbar, dass sie dabei auch auf die gemeinsame Glaubensbasis setzen konnten und auf das gemeinsame Vertrauen, „dass wir dabei auch geführt werden, Schritt für Schritt. Und der Heilige Geist hat sich tatsächlich immer wieder großartig gezeigt.“ Eines sei ja schon das Gespräch mit den eigenen Kindern, „aber dann sind inzwischen ja auch deren Partner da. Und die bringen auch Vorstellungen, Befürchtungen und Ideen mit ein. Das konnten und wollten wir nicht ausklammern.“

Die Erfahrung, von Gott geführt und begleitet zu werden und nicht alles selbst machen zu müssen, ist für Michaela Pömer zentral. In ihrem Leben hat sie die immer wieder machen dürfen. Auch damals, noch recht zu Beginn ihrer Ehe, als sie und ihr Mann mit zwei kleinen Kindern anfingen zu bauen. „Da waren wir im Grunde hoffnungslos überfordert“, sagt sie im Rückblick. Hinzu kamen viele Anforderungen und Erwartungen von außen – nicht zuletzt von den eigenen Eltern. Die beiden waren in einer Zerreißprobe, mussten erst noch ihren eigenen Weg finden. „Und da erhielten wir eine Einladung zu einer Mariapoli, einem Sommertreffen der Fokolar-Bewegung. Wir kamen beide aus der katholischen Jugend, hatten uns dort auch kennengelernt und lasen auch schon die Kommentare zum ‚Wort des Lebens‘. Aber das, was da geschrieben war, schien uns unmöglich zu leben.“ Trotzdem: „Als die Einladung kam, sagte ich zu meinem Mann: ‚Da fahren wir hin, auch wenn alle dagegen sind.‘“ Vor allem ihre Eltern hatten wegen des Hausbaus große Einwände. „Und es schien ja auch ein wenig verrückt. Aber ich spürte, wenn wir uns nicht Zeit für uns nehmen, übersteht unsere Ehe das nächste Jahr vielleicht nicht.“ Die Tage in der Gemeinschaft anderer Glaubender haben den beiden dann auch tatsächlich neue Horizonte eröffnet. „Da war nicht alles rosarot. Aber irgendwie wieder alles ein wenig heller.“ Auf die Gemeinschaft mit anderen zu setzen und auf Gott zu vertrauen, der einen begleitet und jeden Einzelnen ganz persönlich liebt und die Wege mitgeht, „das hat uns wieder Luft gegeben und wir sind da drangeblieben.“
„Man traut sich mehr zu“, so glaubt Michaela Pömer nicht nur im Blick auf die Erfahrung von damals, „wenn man sich bewusst ist, dass man nicht alles selber machen kann, sondern auch auf andere und auf diese Begleitung von oben setzt!“ Manchmal braucht das auch Geduld und Durchhaltevermögen: „Auch jetzt hat es gut zwei Jahre gedauert, bis wir da durchgestoßen sind. Und das war wirklich nicht immer leicht. Aber ich glaube, dass wir das durchgestanden haben, weil wir darauf gesetzt haben, dass Gott uns führt.“
Dass Schwierigkeiten nicht fehlten, kann man sich vorstellen. Die unterschiedlichen Standpunkte brauchten Raum, mussten ausgesprochen werden, um dann gemeinsam einen Weg zu finden. So etwa als der ältere Sohn sagte, dass er nicht sein Leben lang nur arbeiten wolle und könne, damit er die Geschwister auszahlen kann: „Da müssen wir uns dann eine andere Möglichkeit suchen.“ Oder als – schon nach mehreren vorangegangenen Gesprächen – der jüngere Sohn noch einmal mit neuen Anfragen und Wünschen kam. „Da hat es schon ein paar Punkte gegeben, wo man meinte: Jetzt geht es nicht mehr! Bis dahin, dass auch wir sagten: ‚Dann verkaufen wir halt das Haus und teilen alles durch drei.‘“
Aber Pömers haben nicht aufgegeben, immer wieder neu zum Gespräch eingeladen: „Schaut‘s; fangen wir nochmal an! Wo sind die Schwierigkeiten? Wie können wir uns gegenseitig helfen? Wie können wir es finanziell gerechter hinkriegen  – auch wenn es sicher nie ganz gerecht sein wird.“ Vor Michaela Pömers innerem Auge scheinen noch mal verschiedene Situationen vorbeizuziehen, bevor sie hinzufügt: „Aber es hat sich dann alles wirklich Puzzlestück für Puzzlestück zusammengefügt!“ Und darüber staunt sie noch immer. „Aber wenn wir diesen Hintergrund nicht gehabt hätten, hätten wir uns vielleicht auch nicht an das Thema getraut.“ Schmerzhaft, nicht ohne Tränen, aber auch heilsam – so fasst sie den Prozess zusammen. Dankbar ist sie vor allem für eines: „Die Geschwister sind ein Herz und eine Seele geblieben.“
Sehr hilfreich war dabei für alle, immer wieder jemand von außen hinzuzuziehen – wie die Architektin zu Beginn oder später einen Notarfreund, der half, alles zu Papier zu bringen: „Dass wir da noch mal klar festhalten mussten, was wir überlegt hatten, war ein ganz wichtiger Schritt und hat uns sehr geholfen.“
Als die Entscheidung dann stand, ging alles schnell: Auf dem großen Grundstück der Pömers war Platz genug für ein zweites, kleineres Häuschen, in das Michaela und Stephan umgezogen sind; das große Familienhaus hat die junge Familie übernommen. „Den Garten haben wir gemeinsam.“ Gut ein Jahr ist das jetzt schon so. „Die Jungen sind gut angekommen und fühlen sich wohl. Für uns ist alles kleiner und trotzdem großzügig.“ Michaela Pömer freut sich sehr. So viele Bekannte hatten sie im Vorfeld mit guten Ratschlägen bedacht: „Du wirst das doch nicht so machen oder so! – Du wirst doch noch ein zusätzliches Zimmer haben, und noch ein Büro!“ Fast schüttelt sie jetzt noch den Kopf, wenn sie aufzählt, was da kam: „Das war schon steil!“ Viele konnten sich einfach nicht vorstellen, dass man sich bewusst einengt. „Aber was soll man denn damit? Irgendwie befreit man sich von Sachen, die einem nicht mehr so wichtig sind. Und ich hab das Gefühl, ich hab jetzt so viel mehr Zeit!“ Und das neue Miteinander funktioniert gut. „Sie sind sehr gut organisiert“, erzählt sie mit Blick auf die Familie des Sohnes, „und wir sind auch da, wenn wir gebraucht werden. Aber es ist nicht so, dass sie ständig für die Kinderbetreuung mit uns rechnen.“
Und wenn die beiden anderen Kinder zu Besuch kommen? „Dann gibt es den ausgebauten Dachboden, wo die Tochter mit ihrer Familie sein kann und bei uns ein Zimmer für den Jüngsten!“ Das alles empfindet Michaela Pömer als großes Geschenk; und sie ist weit davon entfernt, das als selbstverständlich zu betrachten. Denn bei manchen, mit denen sie über ihre eigene Erfahrung ins Gespräch kommt, nimmt sie die Not wahr, das, was notwendig ist, anzugehen und zu regeln. „Da wird mir dann dankbar bewusst, dass wir über die Jahre hinweg und im immer neuen Bemühen, nach dem Wort Gottes zu leben, ein Gespür für den anderen entwickelt haben. Trotzdem hau ich da auch oft daneben. Aber es gelingt mir dann, mich zu entschuldigen. Dann fängt man wieder an, findet wieder einen Gesprächsfaden – auch wenn es um so Grundsätzliches und Emotionales wie die Hausfrage geht.“
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2017)
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