Was sollen wir schenken?

Die ganze Schenkerei zu allen möglichen Gelegenheiten wird völlig überzogen, gerade zu Weihnachten!  Der Druck, schenken zu müssen, und die Erwartung, etwas zurückzubekommen:  Da geht der Sinn doch verloren! Andererseits freue ich mich natürlich auch über konkrete Zeichen der Wertschätzung. Können Sie dem Geschenkemachen einen Sinn abgewinnen?

Veronika Dörrer
Mutter von 3 Kindern (11, 14, 16 J.), Wiener Neudorf
Vielleicht fragen wir zu wenig: Wie kann ich dem Beschenkten meine Verbundenheit ausdrücken? Je besser ich seine Vorlieben und Eigenheiten kenne, desto treffsicherer finde ich etwas Passendes.
In unserer Familie umschiffen wir die Erwartungen mit „Zeitgeschenken“: Gemeinsam Musik genießen, das Zimmer umstellen, ein Tag im Wald Bogen schießen und ausführlich zuhören hat auch für Wohlstandskinder und -eltern hohe Qualität.
Gerade haben wir ein großes „Fest der Dankbarkeit“ gefeiert; ein Ehejubiläum und zwei runde Geburtstage waren die Anlässe. Weil wir keine Geschenkeflut wollten, haben wir in die Einladung geschrieben: „Uns geht es sehr gut; wenn Ihr etwas geben wollt, findet Ihr genug Bedürftige um Euch herum.“ Es wurde ein Fest der Freunde, für manche ein Wiedersehen nach vielen Jahren. Wir spürten die Wertschätzung der Gäste allein dadurch, dass sie sich Zeit genommen hatten, um dabei zu sein. Aber auch ein Brief, Gedicht, erfrischender Sketch, ein Lied haben uns berührt. Kein noch so teures Geschenk könnte das übertreffen! Gerade die Einfachheit der persönlichen Zuwendung lässt uns „annehmen“, ohne uns gegenverpflichtet zu fühlen.

Tobias Häner
Katholischer Priester, Alttestamentler, Basel
Im griechischen Urtext des Neuen Testaments taucht das Wort „Geschenk“ an unvermuteter Stelle auf. Es steckt in dem Wort „dorean“ („doron“ = „Geschenk“), das am besten mit „umsonst“ übersetzt wird – im doppelten Sinn: „Umsonst“ kann bedeuten „vergeblich“, aber auch „gratis“, „als Geschenk“ meinen.
Schenken ist in der Tat ein Risiko. Es kann vorkommen, dass der Beschenkte es als Pflichtübung wahrnimmt, oder dass das Geschenk – umgangssprachlich formuliert – nicht ankommt. Wäre das Schenken demnach „vergeblich“? Vom Neuen Testament her betrachtet, steckt im Schenken ein grundlegendes Merkmal des christlichen Glaubens: „Umsonst“, das heißt wörtlich „als Geschenk“, sind wir vor Gott gerecht gemacht durch Christus, wie Paulus sagt 1. Daher sagt Jesus den Aposteln, als er sie aussendet: „Umsonst („dorean“ – „als Geschenk“) habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ 2
Schenken ist demnach ein Grundvollzug des Glaubens, gewissermaßen ein Schöpfen aus dem frischen Quellwasser der Liebe Gottes: „Wer will, der empfange umsonst (= „geschenkt“) das Wasser des Lebens.“ 3

1 Römer 3,24
2 Matthäus 10,8
3 Offenbarung 22,17

Anna Lippert
Psychologie-Studentin, Friedrichshafen
Das letzte Geschenk, das ich bekommen habe, ist ein pinkfarbenes Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Prinzessin“. – Meiner Einschätzung nach bin ich nun wirklich keine Pinke-Lebkuchen-Prinzessin! Und trotzdem, gerade deshalb, bringt mich dieses komische, unpassende Geschenk immer wieder zum Lachen! Ich freue mich daran.
Was meiner Meinung nach die ganze „Schenkerei“ ausmacht, ist nicht einfach das Geschenk, sondern die Art und Weise, WIE ich schenke. Oft versuche ich mich in die andere Person hineinzuversetzen. Ich suche nach etwas, das der anderen Person eine Freude bereitet und von Herzen kommt. Selbst wenn sich die Einschätzungen nicht decken, ist das Geschenk noch nicht verloren!
Auch für mich als beschenkte Person ist das „Wie“ entscheidend: Kann ich das Geschenk auch gut und bedingungslos annehmen?
Denn dann geht es nicht nur um eine Pflichterfüllung oder ein Ritual, sondern um die Beziehung der Schenkenden und der Beschenkten. Wenn ich den Schriftzug „Prinzessin“ lese, denke ich nicht „Was soll mir das jetzt sagen?“, sondern an die Herzlichkeit, mit der es mir geschenkt wurde.

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2017)
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