9 Fragen an Henry Brandt

Worüber ich lachen kann?

Wenn ich an meinen seligen Vater denke, wie er Witze erzählte: Er lachte darüber so sehr, dass wir über ihn lachen mussten, bis uns allen die Tränen kamen.

Was mich ärgert?
Fanatismus, Extremismus, Gehässigkeit. Alles, was Menschen voneinander trennt.

Ein einschneidendes Erlebnis in meinem Leben?
Als man meinen Vater am 9. November 1938 um 4 Uhr früh verhaftete und nach Dachau brachte. Das andere: Als ein sehr respektierter Rabbiner in London mir ein Stipendium am Leo Baeck College anbot, um für das Rabbinat zu studieren.

Meine Schwäche(n)?
Meine Unordnung. Das meiste tue ich erst auf den letzten Drücker. Das ist eine große Schwäche. Fragen Sie meine Frau!

Meine Stärke(n)?
Meine Sicht der Menschen. Ich habe mir das jüdische Motto zu eigen gemacht: „Empfange jeden mit gutem Gesicht.“

Mein Lieblingsort?
Mein Ideal ist eigentlich See, Wald, Berge. Deswegen bin ich ein Kind von Bayern, Tirol und der Schweiz.

Meine Kraftquelle?
Meine Berufung und meine Familie.

Was mir Sorgen macht?
Der Materialismus, die Gehässigkeit, das Tempo, das Vernachlässigen von allem, was spirituell ist. Das macht mir Sorgen für die Zukunft!

Welche Aussagen aus der mündlichen Tora 1 mir wichtig sind?
Das ist wie die Frage: Welcher Tropfen Wasser aus dem Meer schmeckt am besten? Das ist so komplex, da würde ich keinen aussuchen, sondern einfach sagen, ich ergebe mich.

Rabbiner Henry Brandt bei einer Begegnung im Ökumenischen Lebenszentrum Ottmaring. – Foto: (c) Ursel Haaf

Rabbiner Henry G. Brandt
erhält am 25. Januar in Aachen den Klaus-Hemmerle-Preis. Damit ehrt die Fokolar-Bewegung „ Brückenbauer “ zwischen Kirchen, Religionen und Weltanschauungen. Der Vertreter des liberalen Judentums war lange Zeit Mitglied im von Bischof Hemmerle mitgegründeten Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Bis 2016 war er jüdischer Vorsitzender des Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Brandt floh 1939 vor der Judenverfolgung über England nach Israel, wirkte unter anderem in Leeds, Genf und Göteborg und kehrte 1983 nach Deutschland zurück. Seit 2004 sitzt er der „Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland“ vor. Im September wurde der gebürtige Münchner 90. Er ist Gemeinderabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg und betreut die Jüdische Kultusgemeinde Bielefeld.

1 Mose vermittelte dem Volk Israel der jüdischen Tradition zufolge nicht nur die fünf Bücher der Tora, sondern auch deren Auslegung. Diese mündliche Überlieferung wurde erst später schriftlich festgehalten.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2018)
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