Nähe und Distanz

In jeder Person steckt beides: Anhänglichkeit und der Wunsch nach Unabhängigkeit. Das gilt für Ehe- und Lebenspartner wie für gute Freunde. Wie „ umarmen“, ohne zu „erdrücken“? Wie in Einklang bringen, dass wir zusammengehören, uns gegenseitig brauchen und uns doch frei lassen? Wie viel Nähe, wie viel Distanz gehört zu einer gesunden Paarbeziehung oder Freundschaft?

Volker Dornheim
Ehe-, Familien- und Lebensberater, Hagen
Kennen Sie die Geschichte von den Stachelschweinen im Winter? Sie müssen nahe genug zusammenrücken, um die Wärme des anderen zu spüren; zugleich aber genügend Abstand halten, damit die Stacheln sie nicht verletzen. Ein gutes Bild für Nähe und Distanz!
Gerade für junge Menschen spielen intensive Wärme und Nähe in freundschaftlichen Beziehungen eine große Rolle: Über 89 Prozent halten nach der Shell-Jugendstudie 2015 gute Freundschaften für wichtiger als Partnerschaft und Familie. Sie betonen vor allem emotionale Inhalte: grenzenloses Vertrauen zueinander haben und möglichst viele positive Erlebnisse miteinander teilen.
So intensiv wie Freundschaft im Jugendalter gelebt und erlebt wird, so schnell kann sie auch wieder vorbei sein: Eine Kränkung oder ein Vertrauensbruch werden mitunter nur schwer verziehen und können die Freundschaft in eine tiefe Krise stürzen. Intensive Freundschaften, die von der Kindheit bis über die Schulzeit hinaus dauern, können nur wenige junge Leute benennen.
Mit zunehmendem Alter werden gemeinsame Erfahrungen und Erinnerungen immer wichtiger. Man könnte sagen: Das emotionale Feuer weicht einem wohligen Wir-Gefühl. Man weiß, was man am anderen hat, und dass man sich aufeinander verlassen kann.

Ulrike Zachhuber
Psychiaterin, Friedberg-Ottmaring
So eine Fragestellung lädt mich zunächst dazu ein, nachzufragen: „Was verstehst DU denn unter gesunder Paarbeziehung?“ – „Was verstehst DU ganz persönlich unter Freundschaft?“
Damit möchte ich vermitteln, dass es sich bei diesen Themen um Beziehungen unter Menschen handelt; und Menschen sind unterschiedlich! Gleichzeitig möchten wir Menschen – gerade auch was unsere Beziehungen betrifft – gern Rezepte haben. Die gibt es aber nicht, da sie der Einzigartigkeit unserer Persönlichkeiten und Bedürfnisse nicht gerecht werden. Außerdem sind unsere Beziehungen nichts Statisches. Das Thema Nähe und Distanz verändert sich in den verschiedenen Lebensabschnitten und je nach Situation.
Deshalb lade ich auch in diesem Bereich zur Kommunikation, zum Gespräch ein. Tauscht euch darüber aus, wie viel Nähe und wie viel Distanz ihr selbst in euren Beziehungen, Freundschaften, eurer Partnerschaft braucht. Wahrscheinlich ist da im Vorfeld die ganz persönliche Auseinandersetzung mit der Frage hilfreich: Wie viel Nähe und Distanz brauche ICH gerade in meinen relevanten Beziehungen, die ja auch wiederum so vielfältig und unterschiedlich sind? Nur das führt zur persönlichen Entfaltung – und zu geglückten Umarmungen.

Gertrude Pühringer
Lehrkraft Wirtschaftsfächer, Engerwitzdorf/Linz
Gewohnt, vieles selbst zu entscheiden, war es für mich ein Lernprozess, mit meinem Mann Karl ein Leben zu zweit zu beginnen. Hatte ich früher spontan Hilfe zugesagt, Freunde eingeladen, galt es jetzt, in manchem erst Rücksprache zu nehmen. Mit der Zeit erlebte ich das jedoch immer weniger als Einschränkung, sondern als bewusste Entscheidung für etwas, das uns beide ausdrückt.
Inzwischen sind wir sechzehn Jahre verheiratet und haben vier Kinder. Ich genieße es, mit Karl an der Seite durch dick und dünn gehen zu können. Im Getriebe des Alltags nehmen wir uns immer wieder Zeit füreinander. Das schweißt zusammen und macht uns glücklich. Aber es ist auch wichtig, dass sich jeder mit seinen Fähigkeiten und Interessen entfalten kann: Ich gehe gerne joggen, was Karl nach einer Knieverletzung versagt ist. Oft ist er es, der mich joggen „schickt“. Kürzlich habe ich gemerkt, dass es Karl guttäte, ein paar Tage allein in die Berge zu fahren, was er sehr genossen hat.
Oft ist es eine Gratwanderung, wie viel Freiheit wir einander lassen. Denn darin liegt auch die Gefahr, sein Leben für sich zu leben ohne Rücksicht auf den anderen. Mir gefällt der Vergleich der Partnerschaft mit einer Brücke: Sie braucht zwei Pfeiler, die fest verankert sein müssen, um zwei Welten miteinander verbinden zu können.

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2018)
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