Wie ein Eisberg

Armut ist manchmal ganz nah. Bettler und Obdachlose sind davon nur die sichtbare Spitze. Ein Blick unter die Oberfläche.

Verschläge in brasilianischen Vorstädten, die wir nicht einmal als Hütte bezeichnen würden; von Mangel- und Unterernährung gezeichnete Kinder in Afrika; Menschen in Indien, die in Müllbergen nach Nahrung oder Wertstoffen suchen; Mädchen und Frauen, die von ihren Familien für ein paar Lebensmittel verkauft werden. Solche Bilder stehen uns vielleicht vor Augen, wenn von Armut die Rede ist.
Aber Armut bei uns? – Deutschland, Österreich und die Schweiz gelten als wohlhabende Länder. Gibt es da so etwas wie Armut überhaupt? Wenn ja, woran denken wir? Vielleicht an die Flüchtlinge, die mit nichts bei uns angekommen sind. An die Gruppe offensichtlich Drogenabhängiger, die sich an stadtbekannten Orten trifft. Oder an die Obdachlosen, die in geschützten Ecken campieren. Vielleicht auch an die Menschen aus anderen Ländern, die auf den Straßen betteln – und bei denen man nicht genau weiß, ob sie in organisierten Banden arbeiten.
Sicher: Arm sind Menschen, die nicht genug zu essen, kein Dach über dem Kopf, keine Kleidung, keine Bildung, keine Heimat haben, die an belebten Plätzen Pfandflaschen aus Mülleimern fischen. Aber neben dieser sichtbaren, absoluten Armut gibt es relative Armut. Die Betroffenen beziehen staatliche Leistungen oder eine Rente. Aber das Geld reicht einfach nicht. Relativ arm sind Menschen, die ab der Mitte des Monats nicht wissen, wie sie mit ihrem Geld auskommen sollen. Die, die in schlecht sanierten Wohnungen leben, deshalb mehr Energie und damit das letzte bisschen Geld verbrauchen. Relativ arm ist auch, wer trotz mehrerer Jobs jeden Cent umdrehen muss. Und arm sind viele Kinder, die ohne Frühstück zur Schule kommen, sich Kino, Klassenfahrt oder den Eintritt ins Schwimmbad nicht leisten können.
Auch relative Armut ist Armut! Wer betroffen ist, kann nicht am allgemeinen gesellschaftlichen Leben teilhaben, sondern steht am Rand. Menschen in Armut sind einsamer, ärmer an sozialen Kontakten. Armut setzt sich oft fort in mangelnder schulischer Bildung und fehlendem praktischen Wissen – wie man Strom spart, Geld einteilt, günstig einkauft und kocht. Bald leidet die Gesundheit. Arme werden häufiger und schneller krank und schlechter gesund. Die prekären Bedingungen sind bei vielen Menschen Ursache für Depressionen und Suchterkrankung. All das verstärkt die materielle Armut und erschwert eine Rückkehr in die Normalität, den Arbeitsmarkt und ein selbstbestimmtes Leben. Wissenschaftler sagen: Armut ist mehrdimensional.

Was Armut ist, wer zu den Armen gehört und welche Lebensumstände als „Leben in Armut“ bezeichnet werden sollten, ist auch unter Sozialwissenschaftlern, Sozialarbeitern und Politikern umstritten. Nicht zuletzt deshalb schwanken auch die statistischen Angaben – je nachdem, wie Armut gemessen, wo die „Armutsgrenze“ gezogen wird. Sicher muss man deshalb genau hinschauen, wenn damit Politik oder öffentliche Meinung gemacht wird. Aber letztlich dürfen die Diskussionen um ein paar Prozentpunkte rauf oder runter nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir auch in unseren Wohlstandsgesellschaften ein Problem haben. Und das – so mahnen nicht mehr nur die Wohlfahrtsverbände – dürfen wir nicht schönreden!
Besonders häufig von relativer Armut bedroht sind etwa in Deutschland (nach dem Armutsbericht 2017 des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes) Alleinerziehende, Familien mit drei und mehr Kindern, Erwerbslose, Menschen mit niedrigem Qualifikationsniveau sowie Ausländer oder Menschen mit Migrationshintergrund generell. Im Zehn-Jahres-Vergleich ist bei Familien mit drei und mehr Kindern die Armut zwar etwas zurückgegangen, doch insgesamt auf sehr hohem Niveau verblieben. Bei den Rentnerinnen und Rentnern stieg die gemessene Armut innerhalb von zehn Jahren von 10,7 auf 15,9 Prozent.
Die Ursachen für Armut sind sehr unterschiedlich: der Mangel an preiswertem Wohnraum und der Rückgang des sozialen Wohnungsbaus; die Trennung vom Lebenspartner oder dessen Tod; Arbeitslosigkeit; plötzliche schwere Erkrankung, die zum Verlust des Jobs führt; das Einkommen durch Arbeit oder Rente reicht nicht.

Auch wenn die Gründe nicht in persönlichem Versagen liegen, schämen sich viele ihrer Armut. Gerade ältere Menschen trauen sich oft nicht, um Hilfe zu bitten. Nicht allen ist ihre Lage anzusehen. Zahlreiche Betroffene achten bewusst auf sich und ihre äußere Erscheinung. Sie fallen im Alltag kaum bis gar nicht auf. Viele von ihnen wissen auch gar nicht, dass ihnen Unterstützung zusteht; andere scheuen den Gang zum Sozialamt aus Stolz oder Scham oder aus Furcht vor der Stigmatisierung als Almosenempfänger. Deshalb gibt es auch eine „Dunkelziffer der Armut“. Wissenschaftler schätzen sie um bis zu zwei Drittel höher als die „offizielle Armut“, die man an den Sozialhilfe-Statistiken ablesen kann.
Bettler und Obdachlose gehören zu den Ärmsten der Armen in unserer Gesellschaft, sind allerdings „nur“ die Spitze eines Eisbergs, den wir in seiner Breite und Tiefe manchmal gern übersehen würden. Armut ist eine Frage der Gerechtigkeit: Wenn wenige Reiche fast 45 Prozent des Vermögens besitzen und mindestens ein Drittel keines hat, ist das ungerecht. Und wenn in einer Gemeinschaft die Unterschiede zu groß werden, kann das nicht lange gut gehen. In den zurückliegenden beiden Jahren ist deshalb – logischerweise – die  kritische Ungleichheitsdebatte lauter geworden. Man kann nur hoffen, dass das nicht nur Wahlkampfreden waren, sondern dass auch Taten folgen. Der zunehmenden Ungleichheit und tiefen Verunsicherung der Menschen bis in die Mittelschichten müssen wir uns als Gesellschaft stellen.
Armut, Menschenwürde, Gleichheit und Gerechtigkeit sind eng miteinander verwoben. Und ein persönlicher wie auch gesellschaftlicher Maßstab dafür, wie ernst wir es mit der Gleichheit und Würde meinen, ist die gelebte Solidarität mit jedem und jeder Einzelnen und zwischen den Generationen und Bevölkerungsgruppen. Letztlich geht es dabei um das Menschenbild, das wir unserem Miteinander zugrunde legen!
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2018)
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