VON und FÜR – viel mehr als ein Laden

Am 14. März jährt sich der Todestag von Chiara Lubich zum zehnten Mal. Viele Menschen, die der Fokolar-Gründerin persönlich begegnet sind, berichten davon, dass sie in ihnen eine tiefe Sehnsucht angesprochen habe:  Spuren der Liebe im eigenen Leben, in zwischenmenschlichen Beziehungen, in Kirche und Gesellschaft zu entdecken und zu hinterlassen. Auf Spurensuche in einem und um einen Secondhandshop in der Schweiz.

Wenn sich eine betagte Frau vom auserlesenen Tafelgeschirr ihrer Mutter trennt, schwingt Wehmut mit. Auch die Träne, die dabei fließt, ist verständlich. Ita Nelly Lengacher kann das nachfühlen und nimmt sich Zeit, hört zu. – In einer Ecke steht ein junger Ägypter ratlos vor der Babykleidung. Er sucht etwas für das Kind, das in Kürze geboren werden soll. Ita Lengacher berät, hilft beim Aussuchen. Nach ein paar Wochen kommt die junge Familie zurück; stolz stellt der Vater das eingekleidete Neugeborene vor. – Oft verlassen Kundinnen das Ladengeschäft nicht nur mit einem kurzen Gruß oder einem knappen Händedruck. Herzliche Umarmungen machen deutlich, dass sie hier mehr gefunden haben als nur ein gutes Schnäppchen.

Ita Lengacher – Fotos: (c) Marcel Caduff

„Die Beziehungen sind das Schönste; der Austausch, das Dasein für die Leute, die kommen.“ Ita Lengacher ist pensionierte Lehrerin und seit fünf Jahren „Geschäftsführerin“ des Ladengeschäfts „VON und FÜR“. „Von einer Kultur des Habens zu einer Kultur des Gebens“ steht als Motto auf einem Flyer, der kurz, knapp und – so möchte man fast sagen – unaufgeregt über die Initiative informiert. „In unserem Secondhandshop leisten Gebende und Kaufende einen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit. Das ‚Mehr’ der einen dient dem ‚Weniger’ der andern. Lassen Sie Güter kreisen. Der gesamte Reingewinn ist für Bedürftige und Projekte im In- und Ausland bestimmt.“ Irgendwie greift das. Und es ist keine Seltenheit, dass Menschen schon eine ganze Weile anstehen, wenn der kleine Laden im schweizerischen Baar, Kanton Zug, gut 30 Kilometer von Zürich entfernt, am Mittwochnachmittag und Samstag seine Türen öffnet. Das gut 100 Quadratmeter große Ladenlokal im „roten Haus“ – wie die Einwohner der 25 000-Seelen Gemeinde es wegen seines Anstrichs bezeichnen – in der Heidengasse ist hell, sauber. Auf Regalen und Tischen sind die Waren angeordnet: Geschirr, Gläser, Dekoratives, Kleidung, Taschen, Schmuck, Spielsachen, Werkzeuge und vieles mehr. Trotz der unbestreitbaren Fülle wirkt es nicht chaotisch; ansprechend, beinahe liebevoll ist alles präsentiert, „anmächelig“, wie Schweizer sagen. Wie in jedem Secondhandladen sind auch die Waren hier gebraucht, aber nicht verbraucht, zu schade zum Wegwerfen. „Wir schauen uns die Dinge, die man uns bringt, gut an und müssen auch manches ablehnen“, erklärt Ita Lengacher.

Jedes Stück ist ordentlich mit einem Preisschild versehen. Pullover, Hemden, Blusen und Hosen kosten einheitlich vier Franken. „Unsere Kunden schätzen diese niedrigen Preise natürlich“, erzählt Ita Lengacher. „Aber viele wollen auch ein Zeichen setzen gegen die Wegwerfmentalität unserer Gesellschaft. Eine Kundin sagte mir neulich, dass sie schon seit Jahren in keinem Kleidungsgeschäft mehr war, weil sie hier bei uns immer findet, was sie braucht – für jeden Anlass.“
Mit Ita Lengacher helfen etwa 20 Personen regelmäßig in dem Laden, alle ehrenamtlich. „Die einen kommen jede Woche, andere nur alle paar Wochen. Die meisten sind pensioniert; andere finden hier nach schwierigen Lebensphasen wieder einen Einstieg in eine regelmäßige Tätigkeit.“ So ein Mann, der Unterstützung vom Sozialamt bezieht, weil er nachweislich zweimal die Woche regelmäßig und zuverlässig bei „VON und FÜR“ mitarbeitet: „Für mich ist das die Rettung, dass ich euch gefunden habe,“ wiederholt er oft.
Rechtlich und finanziell ist der Laden Teil des Vereins „Kleinbetriebe Eckstein“. In ihm sind verschiedene Aktivitäten der Fokolar-Bewegung zusammengefasst. Verkaufszahlen sind den Mitarbeitern von „VON und FÜR“ nicht so wichtig. Über einen jährlichen Reingewinn von 40 000 bis 50 000 Franken freuen sie sich aber doch. Denn das Geld fließt in soziale Projekte; Aushänge im Laden informieren darüber.

Wie alles angefangen hat? Es muss in den 1980er-Jahren gewesen sein. Bei einer der monatlichen telefonischen Konferenzschaltungen mit den Angehörigen der Fokolar-Bewegung weltweit hatte Chiara Lubich über die Armut im Sinn des Evangeliums  gesprochen. Sie ist „für uns vor allem Auswirkung gelebter Liebe“, hatte sie erklärt und hinzugefügt: „Wir wissen, wie leicht wir nach und nach mehr oder weniger unnütze und überflüssige Dinge zu Hause anhäufen. Es handelt sich vielleicht nur um einen Bleistift, der zu viel ist, ein Buch, ein Kleidungsstück, ein Instrument, ein Bild, ein Teppich, Wäsche, Möbel, große oder kleine Dinge, Geld … Warum sammeln wir das nicht alles und stellen es denen unter uns zur Verfügung, die es brauchen, oder den Armen?“

Ein „Fagotto“ machen, die nicht gebrauchten Habseligkeiten in ein Bündel schnüren und sie weitergeben war eine Praxis, die schon in den Anfangszeiten der Bewegung in Trient üblich war. Und sie fand nun in der wohlhabenden Schweiz eine fantasievolle Aktualisierung. Denn die Einladung Lubichs nahmen viele auf. Was sie übrig hatten, brachten sie in die Fokolargemeinschaften. Einiges konnte sofort wieder in Umlauf gebracht werden, weil man wusste oder herausfand, wem es dienen konnte. Anderes blieb aber übrig, darunter auch Abendkleider. Weil dafür kein Bedarf war, wurden sie in den Keller verstaut und später verkauft. Der Erlös ging an Bedürftige.
Fast jede Fokolargemeinschaft der Schweiz wurde so zu einem kleinen Umschlagplatz „von und für“. Und wenn man zu nationalen Treffen zusammenkam, brachte man mit, was in jeder Region übrig war; wieder kamen Dinge ins Kreisen. Das war natürlich mit Aufwand verbunden. Und wo sollte man das, was nicht gebraucht wurde, zwischenlagern? Die Idee eines festen Standorts kam auf. Als 1991 bei einem Besuch von Chiara Lubich auch ein nationales Zentrum der Bewegung in der Schweiz Gestalt annahm, fand „VON und FÜR“ in einem Zimmer in Baar ein erstes Zuhause. „Geöffnet war das damals nur, wenn hier Begegnungen stattfanden. Man brachte mit, was übrig war; kaufte ein, was nützlich war.“ Aber die Initiative sprach sich herum – auch über die Grenzen der Bewegung hinaus. Menschen aus Gemeinde und Umgebung brachten Dinge und „kauften“ ein. Das Zimmer wurde eng. Marie-Rose und Meinrad Kissling, die früher ein eigenes Geschäft hatten, waren extra aus der französischen Schweiz nach Baar gezogen und haben „VON und FÜR“ zu einer guten Basisstruktur verholfen. Und als man den Neubau des roten Hauses auf dem Gelände des Begegnungs- und Bildungszentrums Eckstein plante, wurden im Erdgeschoss zwei Räume für gewerbliche Nutzungen berücksichtigt. Am 28. März 2003 fand so dann die feierliche Eröffnung des neuen Ladens statt. Dazu gehört auch ein 45 Quadratmeter großer Keller. Dort lagern die Mitarbeiter fein säuberlich verpackt und gekennzeichnet all das, was nicht zur jeweiligen Jahreszeit passt.
Beziehungspflege, gelebte Solidarität, Zeichen gegen die Wegwerfmentalität, Beitrag zur Verringerung von Abfallbergen und für Umweltschutz, Ausgleich zwischen Arm und Reich, ehrenamtliches Engagement, sinnvolle Beschäftigung und Beitrag zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft – die Initiative „VON und FÜR“ kann zu all diesen Inhalten Erfahrungen beitragen, kleine, aber sicher keine unbedeutenden. Sie ist damit weit mehr als ein einfacher Secondhandladen. Und aus Baar ist sie ohnehin kaum wegzudenken.

Foto: (c) CSC

Chiara Lubich,
1920–2008, „ gehört zu den wenigen ganz großen spirituellen Stimmen unserer Zeit “ (Kardinal Karl Lehmann). Die Gründerin der Fokolar-Bewegung und der „ Spiritualität der Einheit“ verstand die Liebe zu Gott und die Liebe zum Bruder, zur Schwester immer als zwei Seiten einer Medaille. Ihr diesjähriges Jahresgedächtnis stellt die soziale Dimension des Charismas der Einheit in den Mittelpunkt.
Lubich bekam u. a. den Preis zum Augsburger Friedensfest, den „Templeton-Preis für den Fortschritt der Religion“, den UNESCO-Preis für Friedenserziehung. Sie war Ehrenbürgerin vieler Städte und erhielt zahlreiche Ehrendoktorwürden.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2018)
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