Lob der Unauffälligkeit

Auf wen schauen wir? Eher auf die, die laut, witzig, provokant, reich oder mächtig sind? Maria von Nazaret war das jedenfalls nicht. Sie hatte andere Stärken.

Laut muss es sein, schrill, auffällig, um sich von der Masse abzuheben. Blinkende Schriftzüge, aufpoppende Banner und große Schlagzeilen sollen meine Blicke einfangen, flimmernde Bilder mich zum Geldausgeben animieren. Nehme ich das Alltägliche noch wahr? Ich rege mich auf, dass die Nachrichten immer nur von Unfällen und Skandalen, Konflikten und Katastrophen handeln. Aber liegt das nicht auch an mir? Daran, dass die aufbauenden Nachrichten unter dem Radar meiner Wahrnehmung durchrutschen? Dass sie sich nicht festsetzen im Gehirn und ich sie schnell wieder vergesse?
Es soll schocken, „heftig“ sein, damit es angeklickt wird. Abstruses, Niedliches, Aufrührendes, Witziges, Peinliches will auf allen möglichen digitalen Kanälen Aufmerksamkeit erhaschen. Kaum ist das eine bemerkt, drängt sich schon das Nächste auf. Wer sich nicht verweigert, ist in Gefahr, rastlos getrieben zu werden von einem zum anderen, ohne Halt oder Ziel.
Zum Meinungsmacher steigt rascher auf, wer prägnante, einfache Botschaften verbreitet. In der Arbeitswelt setzt sich durch, wer seine Ellbogen gebraucht. Und funktioniert nicht auch immer mehr die Politik so? Knackige Slogans und markige Sprüche dringen leichter durch als tiefgründige Auseinandersetzungen um die komplexen Inhalte dahinter. Verkürzungen und Verfälschungen bleiben dabei nicht aus. Der Schein siegt über das Sein, Oberflächliches über Verwurzeltes.
Maria von Nazaret ist dazu ein Gegenentwurf. Die Frau, die uns die Bibel als die Mutter von Jesus Christus vorstellt, ist eher ein Mensch der leisen Töne. Wie viele Leute, die wir leicht übersehen, hat sie sich nicht in den Vordergrund gerückt. Normal, alltäglich, unauffällig kommt sie daher. So scheint es. Genauer betrachtet, hätte sich manches ohne ihr umsichtiges Reden und Tun nicht ereignet, ja, wäre die Geschichte anders verlaufen!

Dezent, sensibel, entschieden
Peinlich droht es für den Bräutigam zu werden, als bei der Hochzeit zu Kana der Wein ausgeht. Nach dem, was der Evangelist Johannes berichtet, ist Maria sensibel für die Verlegenheit, in der das Brautpaar steckt und die sich schnell auf die Feierlaune der Festgäste auswirken könnte. Sie macht Jesus darauf aufmerksam. Offenbar ist sie überzeugt, dass er die Not beheben kann, obwohl er zuvor noch nicht mit besonderen Taten aufgefallen war. Sie lässt sich nicht davon irritieren, dass er sie zunächst barsch abweist, sondern wendet sich schon mal an das Dienstpersonal mit dem Rat, seinen Weisungen zu folgen. Maria bleibt hier keinesfalls passiv. Sie folgt ihren Überzeugungen und weiß genau, was sie will. Sie bereitet Jesus den Boden, damit er wirken kann. Und es hat den Anschein, als änderte er seine Haltung („Meine Stunde ist noch nicht gekommen“) auf ihren Impuls hin schließlich doch und als würde er den Mangel an Wein nicht zuletzt auch ihr zuliebe beheben.
Ohne ihr Mitwirken vor zwei Jahrtausenden gäbe es das Christentum so nicht. Als der Gottesbote der jungen Maria ankündigt, sie werde durch das Wirken Gottes einen Sohn zur Welt bringen, durchkreuzt das völlig ihre Lebenspläne. Schließlich ist sie verlobt. Ein uneheliches Kind bringt ihr in Verwandtschaft, Gemeinde, ihrem gesamten Umfeld die größten Schwierigkeiten ein. Und überhaupt, wie das Kind ohne Zutun eines Mannes entstehen soll, ist nicht nachzuvollziehen. So stimmt sie den Plänen nicht einfach zu, sondern bringt Unklarheiten und Bedenken zur Sprache: „Wie soll das geschehen?“ Erst nachdem sie eine Erklärung bekommen hat, willigt sie ein. Dann aber mit ganzem Herzen. Ähnlich wie bei der Hochzeit zu Kana ist Maria hier „Ermöglicherin“: Dank ihres Beitrags, ihres „Mitspielens“ im Dialog mit Gott kommt seine Kraft zur Entfaltung.
Als es brenzlig wird, läuft Maria nicht weg. Sie steht zu Jesus, als er gefoltert wird und einige seiner engsten Gefolgsleute ihn verraten. Sie bleibt bei ihm und bei denen, die mit ihr ausharren, als er den gewaltsamen Tod erleidet und die meisten seiner Freunde weglaufen. Das zeugt von großer Treue und Standfestigkeit. In aller Trauer und Enttäuschung, trotz eigener Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit ist sie selbst in Tagen der Verzweiflung und des Zusammenbruchs eine Stütze für andere, ein Fels in der Brandung.

Verankert, kooperativ, unterstützend
Woher nimmt sie die Kraft dazu? Verankert ist Maria in ihrer Beziehung zu Gott. Ihren Glauben hatten ihre Eltern, Verwandten, Lehrer, ihr Volk grundgelegt. Die Begegnung mit Gottes Geist bei der Verkündigung und all die Ereignisse in ihrem Leben an der Seite von Jesus „bewahrt sie im Herzen“. All das hat ihr Verhältnis zu Gott noch tiefer verwurzelt. Von dort bezieht sie ihren Halt, darin liegt ihre Kraftquelle.
Maria verweist mich auf viele Frauen und Männer, Kinder und Ältere, an denen ich achtlos vorübergehe, weil sie nicht groß in Erscheinung treten. Weil sie ganz normal sind und kein Aufhebens um sich machen. Auch dann nicht, wenn sie jemandem einen Handgriff abnehmen oder Mut machen, wenn sie sich einfühlsam und aufopferungsvoll um andere kümmern oder wenn sie leiden, an einem schweren Schicksal zu tragen haben. Nur zu leicht übersehe ich, wie wertvoll ihr stiller Beitrag für die Gesellschaft ist, was für eine innere Stärke und Tiefe, welche Weisheit und welche Fähigkeiten sie haben, welches Potenzial in ihnen steckt. Maria kann sich vermutlich gut in ihnen wiederfinden. Und ich kann lernen von ihrer feinfühligen Wachsamkeit für das scheinbar Unscheinbare.
Nicht, dass ich Unauffälligkeit an sich für einen Wert halte. Aber Maria macht den „Normalen“, Gewöhnlichen, Unscheinbaren Mut! Weil sie mit ihrer dezenten Art Großes erreicht hat. Mehr als andere, die viel Aufhebens machen und groß auffallen, aber schnell wieder vergessen sind. Denn was bleibt? Gott hat sie ausgewählt, hat sie „mitarbeiten“ lassen, auch wenn sie in den Augen der Menschen nicht aus der Menge hervorstach, auch wenn sie keine Superheldin, keine schrille, keine mächtige Frau war. Und sie wiederum hat sich nicht vor ihm, vor seinen Anliegen, seinen Plänen gedrückt, auch wenn sie aus einfachen Verhältnissen stammte, nicht studiert hatte, sich seinen Anfragen nicht gewachsen fühlte.
Lebte Maria heute, würde sie wohl nicht in den Zeitungen landen, nicht in die Talkshows eingeladen und in den sozialen Netzwerken keine große Schar von „Followern“ haben. Wie wär’s, wenn ihr Stil zu reden, zu handeln, zu sein der meine, der unsere wäre? Wer sagt denn, dass nur die Schrillen, Lauten, Mächtigen die Geschichte prägen können?
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2018)
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