Nachtdienste machten ihr nichts aus.

45 Jahre hat Brigitte Czegley als Krankenschwester gearbeitet. Jetzt besucht sie ehrenamtlich Senioren im Altersheim. Den Dienst an pflegebedürftigen Menschen sieht sie als Berufung an.

Foto: privat

„Heute hat mir die Pflegedienstleitung eine ältere Dame zugewiesen, die hat nichts zu antworten gewusst.“ Brigitte Czegley hatte sich ihr erst vorgestellt und dann gefragt, was die Dame gern machen möchte. Keine Reaktion. Manche Seniorinnen und Senioren, die sie einmal in der Woche ehrenamtlich im Altersheim besucht, sind dement. Brigitte Czegley sah sich in dem Zimmer um. Ein Mantel hing am Haken und eine Mütze. „Kommen Sie, gehen wir raus. Heute scheint die Sonne!“
Beim Spaziergang im Garten des Heims begann die Dame plötzlich zu summen. „Da haben wir uns in eine Schwingschaukel gesetzt, ich habe Frühlingslieder gesungen und sie hat eingestimmt.“ Brigitte Czegley hat bei ihrem Besuchsdienst schon öfter erlebt, dass die älteren Leute darauf anspringen, wenn sie Lieder singt, Reime aufsagt oder ein Gebet spricht. „Was im Gehirn irgendwo abgespeichert ist von früher, kommt dann wieder hervor. Auch diese Dame hat mitgemacht und mich angelächelt. Aber ich weiß nicht, was wirklich bei ihr ankommt.“
Schon am Vormittag war Brigitte Czegley in dem Altenheim ihres Ortes Allersberg südlich von Nürnberg gewesen, wie jede Woche. Zwanzig bis dreißig Bewohner machen mit, wenn sie von halb zehn bis elf Uhr Volksliedersingen anbietet. „Die ersten sind schon eine Viertelstunde vorher da“, erzählt die begeisterte Sängerin. Manchmal begleitet sie die Lieder auch mit ihrer Flöte. „Heute haben wir den Frühling herbeigesungen. Es ist eine Freude, mit welcher Begeisterung die Bewohner dabei sind! Die Gemeinschaft tut ihnen gut.“
Seit einem halben Jahr ist Brigitte Czegley im Altenheim für Menschen da, die selten oder nie Besuch bekommen. Bis September letzten Jahres war die 64–Jährige noch als Krankenschwester im Dienst. Insgesamt 45 Jahre lang. Sie war also schon beruflich im Pflegebereich tätig. „Aber jetzt habe ich Zeit zum Zuhören, muss nicht um 5 Uhr aufstehen, habe keinen Nachtdienst. Daher empfinde ich das nicht als Arbeit.“
Mit acht Geschwistern ist Brigitte Czegley aufgewachsen. Als zweitältestes Kind hat sie sich um die Jüngeren gekümmert. So wollte sie eigentlich Erzieherin werden. „Andererseits haben mich schon in jungen Jahren Geschichten fasziniert wie ‚Das Pestbüblein’ oder ‚Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern’, in denen es um Kranke geht. Die sind mir tief ins Herz gefallen.“ Ging es jemandem schlecht oder hatte jemand Schmerzen, hatte sie schon als Kind das Gefühl: „Da möchte ich hin, da will ich helfen.“
Mit 17 Jahren begann sie in Nürnberg die Ausbildung am St. Theresien-Krankenhaus, quer durch die Stationen: Allgemeinmedizin, Chirurgie, HNO, Gynäkologie, Urologie… Mit 21 hat sie geheiratet. Dass die Ehe zehn Jahre kinderlos blieb, schob sie auf den Stress, die wechselnden Schichten, die Wochenenddienste. Daher der erste Wechsel: zu einer großen Firma als Betriebskrankenschwester. „Da habe ich jedes Wochenende frei gehabt. Aber die Mitarbeiter kamen meist wegen kleiner Wehwehchen. Das hat mich nicht ausgefüllt.  Ich wollte für Menschen da sein, die es wirklich nötig haben.“
Dem Ehepaar Czegley wurde nach dreizehn Jahren ein Sohn geschenkt. Sie zogen von einem Nürnberger Vorort nach Allersberg. Um sich besser um ihn kümmern zu können, arbeitete Brigitte nicht mehr Vollzeit. Später folgten wieder zehn sehr anstrengende Jahre in der Inneren Abteilung einer Klinik.
Sich auf die Patienten einstellen, ihnen erklären, was sie bei einer OP erwartet, welches die nächsten Handgriffe sind, darauf kommt es in ihrem Beruf an, sagt Brigitte Czegley: „Wenn jemand eine Venenoperation hatte, habe ich sie darauf vorbereitet, dass ich das Bein dafür rasieren musste. Bei einer Bauchoperation, dass sie vorher etwas zum Abführen bekamen, damit Magen und Darm leer waren. Wenn ich sie in ihren Betten zu Untersuchungen gefahren habe – EKG, Lungenaufnahmen, MRT -, was mit ihnen als nächstes passierte. Das Gespräch suchen, das nahm ihnen die Angst.“
In der Klinik wuchs ihr die Arbeit über den Kopf; sie wollte in eine Ambulanz wechseln. Zu der Zeit war eine Nachbarin auf eine Palliativstation in Nürnberg eingeliefert worden. Brigitte Czegley fuhr sie besuchen. Nachdem sie eine Weile an ihrem Bett gesessen hatte, kam eine Krankenschwester ins Zimmer, wollte sich nach dem Befinden der Patientin erkundigen und ob sie etwas bräuchte. „Wir haben nicht geklingelt!“, entfuhr es Brigitte Czegley: Dass eine Pflegekraft ohne akuten Anlass nach den Patienten sieht, kannte sie nicht. Ihr selbst blieb kaum Zeit, mal fünf Minuten mit einem Patienten zu reden, den Angehörigen Mut zu machen oder sie zu trösten. „Das schien mir bei meinen bisherigen Arbeitsstellen alles so unsensibel!“
Manchmal hatte sie sich aber doch mehr Menschlichkeit erkämpft. Bei einer Chefvisite musste eine Patientin dringend auf die Bettschüssel. Der Chefarzt hatte dafür kein Verständnis. „Ich habe ihm gesagt, er soll schon mal ins nächste Zimmer gehen, und mich um die Patientin gekümmert. Nachher habe ich einen Anpfiff bekommen, aber das war es mir wert!“ Ein andermal war eine Frau verstorben. Der Sohn war erst 17. „Obwohl viel auf der Station los war, habe ich mich hingesetzt, geredet, mit ihm gebetet. Das hat ihm Halt gegeben. Mein Gespür hatte mir gesagt, jetzt ist das dran. – Oft hab ich mich gefragt: Wie würde ich in der Situation als Patient behandelt werden wollen? Aber das wirklich umzusetzen, war dann nicht immer möglich.“
Beim Besuch auf der Palliativstation fiel ihr auf, dass hier vieles ganz anders ablief, als sie es bisher gewohnt war: langsamer, harmonischer, ruhiger. Auch aufgrund eines besseren Personalschlüssels. „Da hab ich gedacht, ja, so möchte ich auch arbeiten!“

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Im darauffolgenden Jahr 2006 wurde im Krankenhaus der Kreisstadt Roth eine Palliativstation eröffnet. Brigitte Czegley bewarb sich. Bei ihrer bisherigen Stelle war das Kollegium auch deshalb traurig, sie zu verlieren, weil sie viele Nachtdienste übernommen hatte. Die machten ihr nichts aus. Schwerer zu ertragen war der Schichtwechsel bei der neuen Arbeit. „Sechs verschiedene Schichten! Und ich war nicht mehr die Jüngste. Die Umstellung mit den damit verbundenen Schlafstörungen habe ich nur geschafft, weil ich keine volle Stelle hatte.“
Auf Palliativstationen kommen Patienten, deren Krankheit nicht mehr heilbar ist, häufig in der letzten Lebensphase. Akute Leiden und Komplikationen werden hier noch behandelt. Brigitte Czegley erinnert sich an eine Frau, die nicht sterben konnte. „Ihr Lebensgefährte kümmerte sich um sie. Aus erster Ehe hatte sie drei Töchter. Ich fragte ihn, ob er eine Ahnung habe, warum sich die Sterbephase so hinzog; ob sie noch etwas zu bereinigen hätte.“ Unter Tränen erzählte er vom gespannten Verhältnis mit der ältesten Tochter, zu der seit zehn Jahren kein Kontakt mehr bestand. „Ich machte ihm klar, dass das Zerwürfnis der Grund sein könnte. Wenn er seiner Lebensgefährtin noch einen Dienst erweisen wolle, sollte er die Tochter anrufen und bitten, schnellstmöglich zu kommen.“ Sie kam tatsächlich, konnte aber nicht damit umgehen, dass ihre Mutter nicht mehr ansprechbar war. „‚Aber hört sie mich denn noch?’, wollte sie weinend wissen. ‚Sagen Sie ihr alles, was Sie noch aussprechen möchten’, riet ich und ging aus dem Zimmer.“ Später bekam Brigitte Czegley mit, wie erleichtert die Tochter war, dass sie ihrer Mutter noch vieles hatte sagen können. „Noch in der gleichen Nacht ist die Frau gestorben.“ Auch zwischen dem Lebensgefährten und der Tochter bahnte sich eine Wiederannäherung an. „Wenn jemand nicht loslassen kann und dann doch noch Versöhnung geschieht, bewegt mich das so, dass ich noch Jahre später daran denke.“
Belastend fand es Brigitte Czegley, wenn jüngere Menschen todkrank waren. Oder Leute, zu denen sie einen persönlichen Bezug hatte. „So wie eine unheilbar kranke 25-Jährige, die ich aus unserem Ort gut kannte, auch ihre Eltern. Da weiß man wirklich nicht, was man sagen soll. Das ist einfach schlimm.“ Kamen die Patienten nicht aus dem Bekanntenkreis, fiel es ihr leichter mitzuteilen, was sie selbst trägt: „Der Glaube an die Auferstehung; dass man Gott alles hinhalten kann. Wenn ich gemerkt habe, da passt es, habe ich auch mal ein Segensgebet gesprochen. Manche wollten nichts davon hören. Aber zu 95 Prozent waren die Menschen sehr dankbar dafür.“
Einmal im Nachtdienst war ein Clan Sinti und Roma gekommen: Besuch bei einer markanten Persönlichkeit, die im Zirkus aufgetreten war und nun im Sterben lag. „Wir hatten nicht genug Stühle für alle. Meine Arbeitskollegen haben sich oft aufgeregt in solchen Fällen, auch wenn türkische Großfamilien kamen: ‚Das können wir doch nicht zulassen!’ Ich hatte noch andere zu versorgen, habe aber Kissen gebracht, und wir haben uns alle bei der sterbenden Artistin auf dem Boden gehockt. Sie haben sie noch geschminkt und ihr ein Glitzerkostüm angezogen, glücklich, die letzten Stunden bei ihr verbringen zu können.“ Noch größer war die Herausforderung, wenn Großfamilien die kleine Teeküche in Beschlag nahmen und richtig zu kochen anfingen. „Ich finde aber, es gehört dazu, das zu tolerieren. Zumal wenn man sieht, wie viele Leute einsam sterben. Mir ging es darum, die Menschen so Abschied nehmen zu lassen, wie sie es möchten.“
Einmal im Monat konnten Brigitte Czegley und ihre Kollegen in der Supervision ansprechen, was sie belastete. Wenn sie mal nicht mehr weiter wusste, legte sie die Situation auch im Gebet Gott in die Hände. „Da habe ich ein großes Vertrauen.“ Ansonsten fand sie bei ausgedehnten Spaziergängen, beim Radfahren und bei der Gartenarbeit einen Ausgleich. „Meine Eltern hatten eine Gärtnerei. Da zu arbeiten hätte mir auch gelegen. So habe ich meine kreative Seite zum Hobby gemacht: Wo immer ich war, habe ich Blumen mitgebracht oder einen Zweig und damit die Station dekoriert. Patienten und Angehörige freuen sich, wenn das Ambiente stimmt, das Zimmer schön hergerichtet ist. Das hat sich so eingebürgert, dass die Kollegen das nach meinem Ausscheiden weiterführen wollten.“
Die langjährige Erfahrung von der Palliativstation kommt Brigitte Czegley jetzt beim ehrenamtlichen Dienst im Altenheim zugute. „Letzte Woche hat ein Mann meine Hand nicht mehr losgelassen. Fast zwei Stunden saß ich bei ihm. Er hatte so eine Unruhe. Da habe ich gemerkt, dass er nicht mehr lang zu leben hat, und das den Pflegern gesagt. Daraufhin haben sie öfter nach ihm geschaut.“ Am nächsten Tag starb der Mann.
Eine alte Dame ist blind und hört auch sehr schlecht. Ihre einzige Tochter lebt in Amerika. Die Dame möchte am liebsten immer jemanden bei sich haben. „Ihr lese ich ihre Lieblingsgeschichten vor, ziemlich laut. Dann erzählt sie aus ihrem Leben. Und seit einiger Zeit, dass sie sterben will. Zuletzt hat sie Essen und Trinken verweigert. Daraufhin wird sie wohl in ein Hospiz verlegt werden.“ Hin und wieder reicht Brigitte Czegley ihr ein Glas Wasser; daran nippt sie noch ein bisschen.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2018)
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