Eine Mystik des Wir

Als erster Papst hat Franziskus am 10. Mai eine Siedlung der Fokolar-Bewegung besucht: kurz, aber intensiv.  In seiner Ansprache setzte er Akzente für das Leben der Bewohner und unterstrich wesentliche Elemente der Fokolar-Spiritualität – beides eingebunden in sein Verständnis von Kirche.

Als „pastoralen Blitz“ bezeichnete die italienische Tageszeitung „Avvenire“ den Besuch des Papstes am 10. Mai in Loppiano (Toskana), der ersten von inzwischen 25 Siedlungen der Fokolar-Bewegung. Klar, dass ein Papstbesuch immer größere Dimensionen hat und nicht nur die Menschen betrifft, die er besucht. Das machte auch die Medienresonanz deutlich: 247 Journalisten von 74 Medien hatten sich im Vorfeld akkreditiert; allein in Italien haben 1,6 Millionen Zuschauer das Geschehen an den Bildschirmen miterlebt; am Tag danach erschienen 90 Berichte.

Erstmals hat ein Papst eine Siedlung der Fokolar-Bewegung besucht. Rund 7.000 Personen waren nach Loppiano gekommen. – Foto: (c) D. Salmaso / CSC Audiovisivi

Klar ist aber auch, dass der Besuch eines Papstes vor allem für diejenigen, denen er gilt, ein außergewöhnliches  Ereignis ist. Schon bei der Ankündigung des Besuches – 100 Tage zuvor – hatte Fokolar-Präsidentin Maria Voce nicht nur die Bewohner der Siedlung, sondern die ganze Bewegung eingeladen, sich gemeinsam darauf vorzubereiten: vor allem durch das Bemühen, das Evangelium in den Alltag hinein zu buchstabieren, Tag für Tag lebendiges Wort zu sein. Damit verband sie die Hoffnung, dass der Papst auf „ein Volk“ treffe, „das das Evangelium lebt und einzig und allein durch die gegenseitige Liebe verbunden“ und so „ein Widerschein des trinitarischen Lebens auf Erden“ ist. Die 850 Bewohner aus 65 Ländern in Loppiano hatten sich diese Worte zu Herzen genommen: In kleinen Gruppen hatten sie sich regelmäßig getroffen und einander erzählt, wo das Evangelium in ihrem Alltag „gegriffen“ hatte. Freude, Geduld, Verfügbarkeit kennzeichneten so die Vorbereitung auf das Großereignis, zu dem 7000 Personen anreisten.
Franziskus kam mit dem Hubschrauber und fuhr direkt zur Kirche Theotokós (Gottesgebärerin). Sie bildet den inneren und äußeren Mittelpunkt der Siedlung. In der Kirche verweilte er kürzer als vorgesehen und wollte so offensichtlich Zeit gewinnen für die Begegnung mit den Bewohnern dieser – wie er sagte – „kleinen Stadt, die weltbekannt ist, weil sie aus dem Evangelium entstanden ist und sich aus dem Evangelium nähren will“. Deshalb sei sie „Wahlheimat und Inspirationsort vieler, auch von Brüdern und Schwestern anderer Religionen und Überzeugungen“. Hier „fühlen sich alle zu Hause!“ Und „weil sie ein Bild der Sendung der Kirche heute sein will, wie das Zweite Vatikanische Konzil sie umschrieben hat“, wollte auch er sie sehen.

Empfangskomitee: Maria Voce, Präsidentin der Fokolar-Bewegung, Kopräsident Jesús Morán und der Ortsbischof von Fiesole. – Foto: (c) R. Orefice / CSC Audiovisivi

Pastoralbesuche sind für diesen Papst nichts Außergewöhnliches. Er verlässt den Vatikan gern und häufig – um zu den Menschen zu gehen, dorthin, wo er Kirche sieht, und dorthin, wo er Kirche gern sehen möchte. Als Hirte kommt er – nimmt auf, ermutigt, unterstreicht und rückt ins Licht. Diesen Eindruck kann man auch von seinem zweistündigen Aufenthalt in der Fokolar-Siedlung gewinnen. Ausgehend von drei Fragen wandte er sich an die Bewohner, sah sie aber im großen Kontext der Kirche, einer Kirche, wie Franziskus sie sich wünscht und wie er sie wohl in Loppiano zumindest in Teilen verwirklicht sieht: offen, nicht in sich abgeschlossen, im Dialog mit und im Dienst an den Menschen. Trotzdem ist sein „Weiter so!“ aber keine Einladung, einfach fortzufahren wie bisher, sondern vielmehr mit „Demut, Offenheit, Zusammenwirken, Risikobereitschaft“ immer neu jene kreative Dynamik zu leben, die dem authentischen Leben nach dem Evangelium entspringt.
Das gilt aber wohl nicht nur für Loppiano, sondern für die gesamte Bewegung. Denn der Besuch war Teil einer Reihe von Kurzbesuchen 1, mit denen Franziskus den charismatischen Realitäten und Gemeinschaften in der Kirche Sichtbarkeit geben wollte. Er unterstreicht ihre Vielfalt und Vitalität, den Reichtum, ihre tiefe Verwurzelung in der kirchlichen Tradition, aus der heraus sie dann sagen können, was Christentum heute bedeutet: sich der Menschheitsfamilie, ihrer Einheit annehmen.
In seiner Rede – insbesondere mit dem, was er frei und losgelöst vom Manuskript sagte – unterstrich Franziskus wesentliche Elemente der Spiritualität der Einheit, wie „eine dem Evangelium entsprechende Mystik des Wir“. Was für ihn bedeutet, gemeinsam unterwegs sein, bis zur Selbsthingabe eintauchen „in die Geschichte der Männer und Frauen unserer Zeit“. Diese Mystik des Wir „rettet uns vor jedem Egoismus und vor jedem egoistischen Interesse“. Sie sei jedoch „nicht nur eine geistliche Tatsache, sondern eine konkrete Wirklichkeit mit wunderbaren Folgen“ – auf gesellschaftlicher, kultureller, politischer und wirtschaftlicher Ebene. Nähe und Dialog nennt Franziskus als wesentliche Grundlagen und Schlüssel der Begegnung mit den Menschen.
Der Papst spricht auch vom „synodalen Stil“, der in Loppiano gelebt werde: als Gottesvolk unterwegs mit dem Meister, Jesus, was die Dynamik des gegenseitigen Zuhörens und des Austausches der Gaben unter allen bewirke. Eine Kultur der Einheit bedeute ja keinesfalls Gleichförmigkeit, Uniformität, sondern sei genau das Gegenteil davon.

Papst Franziskus im Gespräch mit buddhistischen Mönchen aus Thailand, die mit der Fokolar-Bewegung verbunden sind. – Foto: (c) R. Orefice / CSC Audiovisivi

Ein besonderes Echo fand in vielen sein Appell zur „schöpferischen Treue“. Zehn Jahre nach dem Tod der Gründerin Chiara Lubich und mitten in einem Prozess der weltweiten Neuausrichtung empfanden sie den Hinweis, der ursprünglichen Inspiration treu und gleichzeitig offen zu sein für das Wehen des Geistes, als Bestärkung. Für Franziskus schließt das ein: „mit Mut die neuen Wege gehen, die der Heilige Geist vorschlägt“ und sogar Verrücktheiten wagen. In diesem Zusammenhang verweist er auf die Notwendigkeit, im Hören auf das Wort Gottes und im Hören auf die Menschen zu Baumeistern gemeinschaftlicher Entscheidungsfindung zu werden.
Auf dem Platz vor der Kirche, die der Mutter Gottes geweiht ist, in der ständigen „Mariapoli“ 2 kommt Franziskus dann auf Maria zu sprechen, die – so wiederholt er mehrfach – Laiin war. „Ihr seid Werk Mariens; sie ist Mutter der Kirche, Mutter der Einheit.“ Um wie sie mit und von Jesus zu leben, könne es helfen, sich vorzustellen: „Wie hätte Maria vor allem in konfliktbeladenen Situationen des Lebens ihres Sohnes reagiert?“ Sie sei „die Frau der Treue, der Kreativität, des Mutes, der Zuversicht, der Geduld, des Ertragens.“

Die Bewohner der Siedlung kommen aus 65 Nationen. – Foto: (c) C. Mendes / CSC Audiovisivi

Es war eine dichte Rede 3, tiefgründig und theologisch, und sie ist zu vertiefen, wie auch die Fokolar-Präsidentin unterstreicht. Der Papst hat gezeigt, dass Erfahrungen wie die der Bewegung „ein Schatz für die Kirche und für die Menschheit“ sind, so ein italienischer Journalist. Sie müssen folglich in den Dienst gestellt werden. Dieser Verantwortung ist sich Maria Voce bewusst. Und Franziskus hat ein klares, weitreichendes Ziel aufgezeigt: eine Kultur der Begegnung schaffen und an einer globalen Gesellschaft des Bündnisses mitbauen. – Nicht nur Angehörige der Bewegung könnten erschrecken, wäre da nicht auch sein sympathischer Hinweis gewesen, jene menschliche Haltung zu erbitten, „die der Gnade Gottes am nächsten kommt“: den Humor, und sein tröstender Zuspruch: „Ihr seid erst am Anfang!“
Gabi Ballweg

Städte auf dem Berg
Die Siedlungen der Fokolar-Bewegung wollen Zeugnis geben, von einer Gesellschaft, deren einziges Grundgesetz die gegenseitige Liebe ist, und zeigen, wie das Leben des Evangeliums alle Lebensbereiche prägen und erneuern kann. Loppiano ist die erste von weltweit 25 mit unterschiedlichen Ausprägungen. Die Idee dazu geht zurück auf einen Besuch der Gründerin, Chiara Lubich, 1962 in Einsiedeln und auf die Erfahrung der zeitlich begrenzten Sommertreffen der Bewegung, die „ Mariapolis “ („ Städte Mariens “).

1 Er besuchte die Gemeinschaften „Padre Piò“, „Tonino Bello“ und „Nomadelfia“.
2 s. Städte auf dem Berg
3 Die gesamte Rede findet sich auf: www.vatican.va

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2018)
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