Standpunkte: Erst vor die eigene Haustür schauen

Hendrik Keitlinghaus, 53, aus Wadersloh in Westfalen, ist auf einem Bauernhof groß geworden und hat als Softwareentwickler in den Bereichen Abfallwirtschaft und erneuerbare Energien ständig mit Landwirten zu tun.

Dünger, Insektenvernichtungsmittel, Monokulturen: Den Landwirten wird schnell der Schwarze Peter fürs Insektensterben zugeschoben. Allerdings sind sie nicht allein-, vielleicht nicht einmal hauptverantwortlich. Wir beobachten seit über zehn Jahren, dass im Winter die Temperatur öfter stark schwankt. Mal wird es erstaunlich warm und man sieht die Mücken tanzen, dann wieder kalt und sie verschwinden wieder. Die zu früh aus dem Winterschlaf erwachenden Insekten finden aber während der wenigen warmen Tage keine Nahrung und müssen „hungrig“ zurück in den Winterschlaf. Somit sind die Reserven schnell aufgezehrt, bevor der Frühling wirklich kommt, und die Insekten sterben.
Die Landwirte stehen unter enormem Produktionsdruck. 2015 gaben die Deutschen nur 10,2 Prozent ihres Konsums für Lebensmittel aus. Franzosen (13,2) und Italiener (14,5) dagegen bis zu 40 Prozent mehr. Die Deutschen sparen beim Essen und fahren dafür mehr in den Urlaub. Diese Mentalität führt dazu, dass die Landwirte billig produzieren müssen, um zu überleben: kein Wunder, wenn sie jede Produktionsmaßnahme nur noch nach ökonomischen Gesichtspunkten betrachten. Sollen sie umweltschonender produzieren, muss man auch bereit sein, mehr für ihre Produkte zu zahlen. Die Landwirte würden liebend gern weniger intensiv produzieren, weil sie als Familienbetrieb sowieso daran interessiert sind, nachhaltig zu wirtschaften, um den Betrieb der nächsten Generation in gutem Zustand übergeben zu können.
Das soll die Landwirte nicht davon freisprechen, ihren Teil für den Artenerhalt zu leisten! Andererseits sollten viele Menschen, die ihnen vorschnell Schuld zuschieben, zuerst vor ihre eigene Haustür schauen: Immer mehr Vorgärten werden als Steinwüsten gestaltet, nahezu pflanzenfrei! Da findet sich keine Biene, keine Hummel, kein Schmetterling mehr. Sogar pflegeleichte Pflanzen („Friedhofsgehölze“) werden gerodet und durch Steine ersetzt, weil sich keiner mehr die Mühe machen will, sie zu pflegen. Ich ermuntere dazu, die eigenen Kleinflächen sinnvoller zu nutzen: Mit nur einem einzigen ökologisch wertvollen Vorgarten kann man schon einen Großteil der gesamten Straße mit Schmetterlingen „versorgen“. Und im Gegensatz zum Landwirt muss der Besitzer von seinem Vorgarten ja nicht leben.
Jede kleine Fläche mit blühenden Pflanzen gibt den Insekten wieder größere Chancen. Aus diesem Grund legen Landwirte blühende Streifen am Rand ihrer Nutzflächen an. Die erste Maßnahme in einer insektenfeindlichen Umgebung hat eine mehrfach größere Wirkung als die hundertste. Und je mehr kleine Flächen insektenfreundlich angelegt sind, desto leichter kann die Vernetzung unter ihnen funktionieren.
Noch eine Anregung für alle, die den Insekten (und in der Folge den Vögeln) helfen wollen: Sammeln Sie in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis etwas Geld und geben Sie es einem Landwirt mit der Bitte, für ein Jahr einen Blühstreifen anzulegen. Sie werden schon auf offene Ohren stoßen, wenn Sie ihm nur 10-20 Cent pro Quadratmeter dafür anbieten!

Standpunkt: Jeder Eingriff hat eine Wirkung.

Assunta Stalf, (50) hat Gartenbau studiert und lebt im oberbayerischen Fischbachau. Seit 18 Jahren arbeitet sie in der Gärtnerei eines Berufsbildungswerkes und bildet Gärtnerinnen und Gärtner aus.

Wenn ich sage, dass ich Gärtnerin bin, finden viele das toll! – Stimmt! Aber auch bei uns geht es darum zu produzieren. Die Betriebe sind Zwängen unterworfen und kleine (Familien)Betriebe, die noch viel Handarbeit machen und ein vielfältiges Sortiment anbieten, sterben nach und nach aus. Weil ich in der Ausbildung tätig bin, können wir noch viel ursprünglich Gärtnerisches machen, angefangen von der Vermehrung bis zur fertigen Pflanze. Normalerweise ist das eine monotone Massenproduktion; da wird bei Zierpflanzen auch viel Chemie wie Wuchshemmstoffe und Pflanzenschutzmittel eingesetzt.
Im Gemüsebau verzichten bereits viele BIO-Betriebe komplett auf den Einsatz chemischer Mittel. Die Produkte sind dann im Vergleich zum konventionellen Gemüse wegen des höheren Aufwands teurer. Aber Kunden entscheiden sich bewusst dafür, da man die Pflanze schließlich isst.
Bei Zierpflanzen steckt häufig viel Chemie drin. Das ist den wenigsten bewusst, wenn sie im Discounter günstige Pflanzen kaufen. Wenn man stattdessen seine Pflanzen beim ortsansässigen Gärtner kauft, kann man hinter die Kulissen schauen und sich informieren, wie produziert wird. Konventionelle Gärtner kultivieren ihre Pflanzen nach den Grundsätzen des integrierten Pflanzenschutzes und unterliegen so bestimmten Auflagen. Die chemischen Pflanzenschutzmittel sind streng reglementiert. Eine Behörde prüft, ob und wie wir sie einsetzen und ob wir nicht zu viel ausgebracht haben.
Der Einsatz wird auch auf ganz natürliche Weise eingeschränkt, nämlich dann, wenn ein Schädling, wie der Thrips, Resistenzen bildet und ihm nur noch durch Nützlinge Einhalt geboten werden kann. Wir sind kein biologischer Betrieb, weil das mit der Vielfalt unserer Pflanzen sehr schwierig ist. Über den Einsatz von Nützlingen haben wir aber vieles ganz gut im Griff. Viele Faktoren spielen mit – die Jahreszeit, die Temperatur, das Wetter, die Luftfeuchtigkeit und neben den Schädlingen noch viele andere Schaderreger wie Pilze. Auch der Einsatz von Nützlingen ist nicht ganz ungefährlich, weil sie eventuell die heimischen Insekten verdrängen oder sogar vertilgen.
Auf jeden Fall ist es ein sehr komplexes Thema. Trotzdem kann jeder im Kleinen etwas für mehr (Insekten-)Leben tun. Ich freue mich immer über Kunden, die bienenfreundliche Pflanzen in ihre Balkonkästen setzen möchten und Nachbarn, die sich von meiner wilden Blumenwiese anstecken lassen und sterile Rasenstücke in lebendige insektenfreundliche Minibiotope verwandeln. So dürfen auch Brennnesseln bei mir an bestimmten Stellen wachsen, als Nahrungsquelle für Schmetterlinge. Und als Sud versorgen sie meine Pflanzen mit Nährstoffen und wirken sogar gegen Blattläuse. Allerdings dürfen auch die bei mir leben. Selbst bemerkenswerte Kolonien an meiner Weidenhecke sind oft nach ein paar Wochen verschwunden. Insekten und Vögel freuen sich über den Blattlaussnack; der Wind wirkt unterstützende und erschwert ihre Lebensbedingungen; übrig bleibt eine gesunde Weide.
Es gibt vieles in der Natur zu entdecken und ich bin mir bewusst, dass jeder meiner Eingriffe eine Wirkung hat. Achtsamkeit und Geduld sind wichtige Begleiter im Zusammenspiel von Natur und Kultur.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2018)
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