Insekten haben Schlüsselfunktionen.

Was ist dran am Bienensterben? Warum verschwinden Insektenarten? Was hat das für Folgen für die Umwelt und den Menschen? – Fragen an den Münchner Schmetterlingsforscher Andreas Segerer. 

Imker bezweifeln, dass es ein Bienensterben gibt. Umweltverbände dagegen zeichnen ein bedrohliches Szenario. Wem sollen wir trauen, Herr Segerer?
Wir können einen deutlichen Rückgang der Insektenpopulationen nachweisen, in ganz Europa und sogar weltweit. Es ist ein Insekten- und kein Bienensterben! Die Faktoren, die dazu beitragen, wirken allerdings nicht an allen Orten zur gleichen Zeit und in gleicher Stärke. Es kann also sein, dass die Bienen bei uns weniger betroffen sind als anderswo und bestimmte Schmetterlinge stärker zurückgehen als andere Insekten. Fakt ist, dass die Zahlen dramatisch sind.

Wo macht sich das bemerkbar?
Die Anfänge lassen sich schon im frühen 19. Jahrhundert nachweisen, mit Beginn der Agrar- und der industriellen Revolution. Mittlerweile ist der Rückgang so stark, dass es auch der Bevölkerung auffällt: wenn im Sommer die Windschutzscheiben der Autos nicht mehr so stark verunreinigt werden oder am Sommerflieder nur noch wenige Falter zu finden sind.

Und der Rückgang betrifft sowohl die Insektenmasse als auch die Menge der Arten?
Beides hängt zusammen. Das Verschwinden einer Art in einem Gebiet ist nur der letzte Akt eines längeren Prozesses. Am Unteren Inn oder im Raum Regensburg haben wir dramatische Bestandseinbrüche um 90 bis 99 Prozent: Nicht nur spezialisierte, sogar Allerweltsarten werden weniger. Der Braune Bär zum Beispiel, ein farbiger Nachtfalter, der am Löwenzahn lebt, also keine besonderen Ansprüche an seine Nahrungspflanze stellt. Allerweltsarten verarmen genetisch, weil ihre Lebensräume immer mehr beschränkt werden. Betonlandschaften und mit Chemie „beglücktes“ Ackerland zwischen ihren Lebensräumen schaffen Barrieren, die Artgenossen aus benachbarten Populationen nicht mehr überwinden können, was den Austausch der Gene verringert oder ganz unterbricht.

Aber es gibt doch Naturschutzgebiete.
Die bieten aber keinen ausreichenden Schutz mehr. Denn es gibt Faktoren, die überregional wirken, wie der Stickstoffüberschuss. Stickstoffe kommen zu 63 Prozent aus der industriellen Landwirtschaft und der Rest zu etwa gleichen Teilen aus Verkehr, Industrie und Abwässern. Wenn Gülle und Kunstdünger auf die Felder gebracht werden, verbreiten sich Stickstoffverbindungen über die Luft und das Wasser flächendeckend. So werden auch Naturschutzgebiete gedüngt und ehemals nährstoffarme Standorte wie Mager-Rasen und Heiden. Viele an nährstoffarme Bedingungen angepasste Pflanzen vertragen das nicht und mit ihnen verschwinden die Insekten, die von ihnen leben.

Nun sind Insekten so klein, was haben die schon für eine Bedeutung?
Insekten sind die größte Tiergruppe der Welt! Von den 1,3 Millionen bekannten Tierarten sind allein eine Million Insekten. Auch wenn man alle höheren Organismen betrachtet, also Tiere, Pflanzen, Pilze und höhere Einzeller, sind die Insekten dominierend. Sie besitzen in den Kreisläufen der Natur ganz entscheidende Schlüsselfunktionen:
Insekten produzieren ihre Nachkommen auf Masse. Und 99 Prozent davon dienen als Proteinquelle für andere Tiere: andere Insekten, Amphibien, Reptilien, Vögel, kleine, aber auch große Säugetiere wie Ameisenbär, Affen; sogar der Mensch hat Insekten auf dem Speiseplan. Wenn diese Nahrungsquelle abnimmt, gefährdet das eine Menge anderer Tierarten.
Die zweite Schlüsselfunktion ist die Bestäubungsleistung: 90 Prozent der Blütenpflanzen und 75 Prozent der Nutzpflanzen wie Obstbäume werden von Insekten bestäubt. Der wirtschaftliche Nutzen in Euro wird auf einen dreistelligen Milliardenbetrag beziffert.
Zudem sind Insekten maßgeblich an der Beseitigung organischer Materie beteiligt. Stirbt ein Reh, leisten sie die Hauptarbeit, dann erst Bakterien und Pilze. Neben Tierkadavern verarbeiten Insekten auch Dung und Pflanzenmaterie.
Können diese Schlüsselfunktionen nicht mehr voll erfüllt werden, kommt es zu Kaskadenwirkungen in den Ökosystemen, die irgendwann zusammenbrechen können. Ob einzelne Arten aussterben, ist gar nicht das Thema! Arten sind immer wieder in natürlichen Prozessen ausgestorben und neu entstanden. Aber wenn Schlüsselfunktionen in den Ökosystemen zusammenbrechen, ist die Menschheit mit dran.

Kehren wir zu den Gründen zurück, die zum Insektensterben führen.
Der zentrale Grund ist das ungebremste Bevölkerungswachstum und damit verbunden der Ressourcenverbrauch. Mehr Rohstoffe werden genutzt als nachwachsen. Insgesamt nutzt die Menschheit die Ressourcen von 1,7 Erden. Die Deutschen leben sogar auf Kosten von 3,2 Erden. Das ist so, als ob wir jeden Monat 3,2 mal mehr von unserem Konto abheben als reinkommt. Dann hängt es bloß davon ab, wie dick das Polster ist, bis wir pleite sind.
Dahinter steckt eine auf Ausbeutung basierte Wirtschaftsweise. Ursache speziell für das Insektensterben ist die veränderte Landnutzung. In Mitteleuropa sind das die intensive Landwirtschaft und der weiter um sich greifende Flächenfraß – das Zubetonieren. Der Anbau in Monokulturen – nur eine Pflanzenart pro Fläche – schreitet voran. Fahrt aufgenommen hat das etwa Mitte des 20. Jahrhunderts, als noch die ganze Chemie dazukam, Kunstdüngung, die Gülle aus der Massentierhaltung, Insekten- und Pflanzenvernichtungsmittel.

Mangelnde Vielfalt bei Pflanzen bedeutet auch mangelnde Vielfalt bei Insekten?
Weil viele Insekten auf bestimmte Ackerwildkräuter angewiesen sind. Man sieht zum Beispiel kaum noch Kornblumen auf den Feldern. Daran lebt ein Kleinschmetterling, der Kornblumenplattleibfalter. Werden die Kornblumen weggespritzt, gibt es ihn auch nicht mehr. Unter den Insektengiften gehören die Neonikotinoide zu den schlimmsten, auch wenn sie die Insekten nicht mehr direkt töten. Von ihnen kriegen die Bienen Alzheimer, weil so „wenig“ Gift drin ist, dass sie ihren Orientierungssinn verlieren, nicht mehr in den Stock finden, die Immunabwehr geschwächt wird und sie dann verenden.

Es ist also gut, dass die EU im April das Neonikotinoid-Verbot verschärft hat?
Das ist ein richtiger Schritt. Aber damit sind ja nicht alle Insektizide verboten. Dann werden eben andere Substanzen angewendet. Aus der Sicht eines Ökologen und Insektenforschers gehören Herbizide und Insektizide in den Giftschrank und nicht in die Routineanwendung. Die gehören dann herausgekramt, wenn Not am Mann ist, also die Wanderheuschrecke bei uns einfällt. Genauso wenig wie Antibiotika etwas in der Massentierhaltung zu suchen haben.

Lässt sich das Artensterben noch aufhalten? Was müsste passieren?
Der Schwede Johan Rockström und Mitarbeiter haben Studien zu „Planetaren Belastungsgrenzen“ veröffentlicht. Demzufolge ist der Verlust an genetischer Vielfalt, also das Artensterben, bei Weitem die größte Gefährdung für die Menschheit. Nummer zwei ist der Stickstoff- und Phosphorüberschuss. Der Klimawandel kommt erst an dritter Stelle und wird nicht annähernd so bedrohlich gesehen.
Der Gesetzgeber müsste ganz klare Pflöcke einrammen, an denen Agrar- und Agrochemie-Konzerne nicht vorbeikommen: national, EU- und am besten weltweit. Wir bräuchten eine soziale UND ökologische Markwirtschaft mit knallharten Spielregeln. Aber das kommt wohl erst, wenn Klimawandel und Insektensterben weiter zunehmen und sich die Probleme weiter verschärfen, etwa in Form neuer, ökologisch bedingter Flüchtlingswellen aus Afrika.

Passen Artenvielfalt und erneuerbare Energien zusammen?
Ein klassischer Zielkonflikt! Auf 20 Prozent, also einem Fünftel der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland stehen Energiepflanzen: Die werden nicht ökologisch nachhaltig angebaut; das sind zum Beispiel Maisfelder in Monokultur, die massiv gespritzt werden.
Windkraftanlagen schädigen Vögel und Fledermäuse. Fledermäuse können zwar den Rotoren ausweichen, ohne geschreddert zu werden. Allerdings trifft sie dann ein Luftdruckabfall, der ihre Lungen zerreißt. Weil sie aber Nachtfalter, also Schädlinge fressen, vermehren diese sich und die Bauern spritzen mehr Insektizide. Damit geht die Zahl der Bestäuber zurück und bestimmte Pflanzen vermehren sich nicht mehr so stark. Daran sieht man die Verkettung in einem Ökosystem. Daher sind nicht nur ein paar Fledermäuse gefährdet.
Deshalb sind Energiewende und Naturschutz, so wie es bei uns läuft, unvereinbar. Meine Meinung ist, dass wir nicht hätten komplett aus der Kernenergie aussteigen sollen. Man muss Schnittmengen suchen, ein Gleichgewicht, wo Schadwirkungen für die Umwelt möglichst gering sind. Das ist ein Dilemma!

Wir müssten die Konsumgewohnheiten und unsere Haltung zur Natur überdenken.
Müssen! Auf Kosten von 3,2 Erden zu leben, ist eine Unverschämtheit unseren Mitbewohnern und Enkeln gegenüber. Aber es ist schwer, von unserem Lebensstil wegzukommen. Auch die Menschen in den Entwicklungsländern sagen ja nicht: Ihr in Europa,  nehmt euch ein bisschen zurück!, sondern: Wir wollen auch so leben! – Wir sitzen in der Zwickmühle. Erst, wenn es wehtut, wird man umdenken.

Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!
Clemens Behr

Foto: (c) Katholische Akademie Bayern

Andreas Segerer
1961 in Regensburg geboren, hat dort Biologie studiert und seine Doktorarbeit über urtümliche Mikroorganismen geschrieben, die in kochender Säure leben. Seit 1998 arbeitet er als Schmetterlingsforscher in der Abteilung Entomologie (Insektenkunde) der Zoologischen Staatssammlung München. Mit fast 22 Millionen Objekten steht ihm hier eine der weltweit größten naturkundlichen Forschungssammlungen zur Verfügung. Segerer ist Präsident der Münchner Entomologischen Gesellschaft, mit über 400 Mitgliedern einer der bedeutendsten insektenkundlichen Vereine im deutschsprachigen Raum.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2018)
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