„Beyond all borders“

Grenzen, Barrieren, Mauern: Wir begegnen ihnen jeden Tag. Dass und wie ein friedliches Zusammenleben jenseits davon möglich ist, wollten die Jugendlichen der Fokolar-Bewegung beim „ Genfest “ in Manila zeigen. Und für dieses Ziel miteinander wieder neu die Ärmel hochkrempeln.

Fotos: (c) K. Venturillo / CSC audiovisivi; Youth for a United World

Es ging um Ab- und Ausgrenzung, Hindernisse, Ängste und Grenzlinien. Oder besser darum, wie man sich nicht davon bestimmen und einengen lässt. „Beyond all borders“ (über alle Grenzen hinweg) verstanden die Jugendlichen der Fokolar-Bewegung keinesfalls als Einladung zur Selbstüberschätzung oder Verausgabung, sondern als Ermutigung zur Begegnung jenseits von persönlichen, sozialen, religiösen, kulturellen und geografischen Barrieren. Vom 6. bis 8. Juli trafen sich dazu gut 6000 junge Leute aus über 100 Ländern in Manila, der Hauptstadt der Philippinen, zum „Genfest“.

Der 20-jährige Manuel Ledergerber aus der Schweiz war dabei und weiß den bunten Mix aus Tanz, Musik, Choreografien, persönlichen Erfahrungen des Festivals im „World Trade Center“ zu schätzen. „Allerdings: Für eine beeindruckende Show muss ich nicht ans andere Ende der Welt reisen“, schreibt er. „Das Programm möchte mehr sein.“ In ihrem Alltag wollen die Jugendlichen ein Zeichen setzen: „Ein friedliches, konstruktives und freundschaftliches Zusammensein von Religionen und Kulturen, eine geeinte Welt, ist möglich.“ Und beim Genfest sollte deutlich werden, „dass es sich lohnt, dafür die Ärmel hochzukrempeln.“
Deshalb ging es auch nicht um programmatische oder theoretische Reden – auch wenn an einem Vormittag über hundert Foren und Workshops angeboten wurden, in denen die Jugendlichen mit Experten einzelne Aspekte vertiefen konnten. Vor allem wollten sie beim Genfest bündeln, was weltweit lebt – und selbst eine Erfahrung der Begegnung über Grenzen hinweg machen. So haben viele von ihnen auf dem Weg nach Manila einen Zwischenstopp eingelegt: An 20 verschiedenen Orten in Südostasien haben sie Solidaritätsaktionen zugunsten der Bevölkerung umgesetzt, sind in andere kulturelle und religiöse Zusammenhänge eingetaucht, haben das Gespräch mit Menschen und Institutionen vor Ort gesucht. Projekte gelebter Geschwisterlichkeit.

Lisa Reitbrecht (24) aus Wien hingegen war direkt auf die Philippinen gereist. 25 junge Leute aus zwölf verschiedenen Ländern trafen sich in den Tagen vor dem Genfest und übten und übten und übten – Songs und Schrittfolgen für das Bühnenprogramm. „Es war für mich eine unglaubliche Erfahrung. Und natürlich gab es auch schwierige Momente, da wir die Songs unter Zeitdruck lernen sollten und es unterschiedliche Vorstellungen gab, wie die Performance dann aussehen sollte. Wir sind sicherlich an unsere persönlichen Grenzen gestoßen. Aber wir haben versucht, alles gut im Team zu kommunizieren und einen gemeinsamen Weg zu finden. Alle Mühen und Schwierigkeiten fühlten sich aber minimal an, als wir dann auf der Bühne standen.“

Genauso wichtig wie Musik und Choreografien – Ausdruck kultureller Vielfalt – waren die Erfahrungsberichte. So erzählten Noé (Mexiko) und Josef (USA), deren Wohnorte direkt auf beiden Seiten der Landesgrenzen liegen. Noé muss jeden Morgen stundenlang Schlange stehen, um zur Schule auf der anderen Seite der Grenze zu gelangen. Woher nimmt er Hoffnung? Aus der Freundschaft mit Josef und anderen US-amerikanischen Jugendlichen. Gemeinsam setzen sie sich für gegenseitigen Respekt ein.
Azeez hingegen ist Iraker und lebt nach seiner Flucht in Frankreich. Er stellt den Jugendlichen eine Frage: „Habt ihr euch schon mal vorgestellt wie es wäre, wenn ihr eines Tages plötzlich alles verliert: Familie, Zuhause, Träume? Was würdet ihr tun?“

Dann sind da Egide und Jean Paul, der eine aus Ruanda, der andere aus Burundi. Sie haben sich kennengelernt, als Jean Paul an einer Bushaltestelle angegriffen und fast erschlagen wurde. Egide hat ihn gerettet und monatelang gepflegt. Das war außergewöhnlich, bedenkt man, dass ein Konflikt in beiden Ländern tiefe Wunden geschlagen hat.
Zwei Freundinnen, eine aus Madrid und die andere aus Katalonien, berichten von ihrem Bemühen um Dialog trotz klarer Meinungsverschiedenheiten im jüngsten Katalonienkonflikt. Und davon, wie sie zunächst lernen mussten, einander zuzuhören. „Das war gar nicht so leicht. Wir haben gemerkt, wie schnell wir reagieren und überzeugen wollen. Wir haben die Gegensätze in unseren Sichtweisen nicht auflösen können. Aber wir verstehen einander jetzt besser und können so auch andere zum Zuhören einladen.“
Berichte von Lebenswegen und Projekten, von „Fragmenten der Geschwisterlichkeit“, kleinen Schritten, die Menschen und Völker aufeinander zu gemacht haben. Auch in Manila blieben die jungen Leute nicht passiv, sondern engagierten sich einen Nachmittag lang: Da konnte man mitarbeiten im Sozialzentrum Bukas Palad, einen Stadtteil von Unrat säubern, sich mit der muslimischen und hinduistischen Gemeinde treffen, Waisen- oder Krankenhäuser besuchen oder Straßentheater spielen. Und an allen Tagen war die „ExPlo“ geöffnet: eine interaktive Ausstellung, „die nicht Kriege, Eroberungen und Auseinandersetzungen der Menschheitsgeschichte zeigen wollte, sondern das, was sie auf dem Weg des Friedens, der Freundschaft zwischen Personen, Völkern und Kulturen vorangebracht hat“, so die „Kuratorin“ Erika Ivacson. Die junge ungarische Künstlerin hat wie viele der Jugendlichen vor, während und nach dem Genfest im Hintergrund gearbeitet; unabhängig vom Rampenlicht sind sie dabei an ihre Grenzen gegangen. Denn ein solches Großereignis ist auch eine logistische Herausforderung. Schon deshalb war das Programm „durchgetaktet“. Und Marie Deregowski, Studentin aus Köln, erzählt: „Nach dem Programmende gab es immer einen fast brutalen Cut, wenn aufgerufen wurde, welche Gruppen als Erstes zu ihren Bussen mussten. Das hat das interkulturelle Feiern leider ziemlich abgewürgt.“ Trotzdem „war es für mich besonders toll, das große Netzwerk erfahren zu dürfen. Ich hatte das Gefühl, dass die Welt gleichzeitig kleiner und größer wird: Kleiner, weil ein Land auf einmal gar nicht mehr so weit weg ist, wenn man jemanden kennt, der dort lebt. Und größer, weil man seinen eigenen Blick unglaublich erweitert, wenn man Menschen anderer Kulturen trifft.“
Zum Abschluss des Genfestes starten die Jugendlichen das Projekt „Pathways for a United World”: Es geht um Wege und Aktionen, die Menschen und Völker einander näherbringen. In den kommenden Jahren wollen sie so ein Netz aus Aktionen über die Welt spannen, mit dem Ziel, im eigenen Umfeld Denken und Handeln im Sinn von Frieden und Solidarität zu verwurzeln. Fokolar-Präsidentin Maria Voce gab den Jugendlichen dafür drei Worte mit auf den Heimweg: lieben (das Volk des anderen wie das eigene) – neu anfangen (und nie die Hoffnung auf eine andere Welt aufgeben) – teilen (Reichtum, Ressourcen, persönliche und gemeinschaftliche Lasten). Und sie lädt die Jugendlichen ein, Männer und Frauen der Einheit zu sein, globale Menschen im besten Sinne des Wortes. Die Erfahrung in Manila ist dafür – wohl nicht nur für Lisa – Ansporn: „Erfüllt von der unglaublichen Atmosphäre und einem starken Gemeinschaftsgefühl kehre ich zurück nach Wien mit dem Wissen, dass es viele junge Menschen gibt, die sich für eine bessere, friedlichere Welt einsetzen.“

Genfest
Das erste große Festival der „Gen“, der zweiten Generation der Fokolar-Bewegung, fand 1973 statt. Seitdem haben sich die „Jugendlichen für eine geeinte Welt“ immer wieder getroffen – zuletzt 2012 in Budapest. Bei den internationalen Begegnungen wollen sie einander bestärken in ihrem Engagement für eine geeinte, bessere Welt. Meist haben die jungen Leute dabei konkrete Projekte für die folgenden Jahre angestoßen. Das diesjährige – elfte – Genfest fand erstmals außerhalb Europas statt: vom 6. bis 8. Juli in Manila. Parallel oder zeitlich versetzt fanden und finden weltweit 20 weitere regionale oder nationale Begegnungen mit demselben Motto „ beyond all borders “ (über alle Grenzen hinweg) statt.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2018)
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