Selbstbild, Fremdbild, Feindbild?

„ Identität “

Der Begriff ist relativ jung und wird als eigenständiger Ausdruck erst zum Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt.
Durch die von René Descartes entwickelte Erkenntnistheorie erfuhr die Identitätstheorie eine wesentliche Prägung. Der Philosoph und Naturwissenschaftler definiert Substanz als etwas dauerhaft Seiendes, das in jedem Ding als Träger seiner Eigenschaften fungiert. Jeder Mensch verfügt ihm zufolge zeitlebens über einen ihm innewohnenden Wesenskern, in dem alle Grundzüge seiner selbst verankert sind. Das Verhalten sei immer identisch mit dem inneren Wesenskern.
Erst mit Sigmund Freuds Konzept der Identifizierung als psychischem Mechanismus verbreitete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch die Idee einer prozesshaften Identität. Für die endgültige wissenschaftliche Anerkennung sorgte der Psychoanalytiker Erik H. Erikson, der Identitätsbildung als Folge eines achtstufigen Phasenmodells sieht. Ich-Identität ist bei Erikson das Gefühl, ein zusammengehöriges Ganzes zu sein. Dieses Gefühl ist nicht statisch, sondern muss durch das Ich als Prozess, der Wirklichkeit verarbeitet, permanent hergestellt werden.
Danach erfährt der Identitätsbegriff eine wissenschaftliche Konjunktur. So findet man ihn als Synonym für den Sinn des Lebens oder den Subjektbegriff, als Äquivalent der Seele, Nation oder Kultur oder als Kollektiveinheit von Gruppierungen.

Geheim!
Das Bild, das sich andere von einer Person machen, kann stark von deren Selbstbild abweichen. Jemand kann seine Umwelt aber auch bewusst über seine Identität im Unklaren lassen oder eine andere Identität vortäuschen. Schriftsteller verwenden Pseudonyme, Nutzer sozialer Medien und verdeckte Ermittler Deck-, Tarn- oder Aliasnamen. Informanten, die zur Aufdeckung schwerer Kriminalfälle beitragen, und Aussteiger aus kriminellen Vereinigungen, deren Leben bedroht wird, nehmen zuweilen zu ihrem Schutz eine neue Identität an.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2018)
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