Angewiesen auf andere

„Ich will ja keinem zur Last fallen.“ Das hört man oft, wenn jemand krank oder pflegebedürftig wird oder anderweitig Hilfe benötigt. Einerseits verständlich, andererseits aber auch beängstigend: Denn wer das äußert, hat offenbar wenig Vertrauen in die Tragfähigkeit von Beziehungen. Was mag hinter einer solchen Aussage stecken? Und wie reagieren?

Inge Saalwirth
Köln
Seit 2007 weiß ich, dass ich an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) erkrankt bin. Die Muskeln werden schwächer; ich nutze einen Rollstuhl. Als ich noch gesund war, konnte ich meine Fähigkeiten voll einbringen und Anerkennung erfahren. Da ich gern selbst über mein Leben bestimme, fällt es mir nicht leicht, in vielem auf andere angewiesen zu sein. Ich habe das Glück, in einer Gemeinschaft zu leben und mit meinem Budget eine Assistentin anstellen zu können. Doch nicht bei jeder Hilfskraft „fühlt es sich richtig an“. Deshalb ist mir wichtig zu entscheiden, wer welche Tätigkeit übernimmt.
„Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ 1 Dieses Wort von Jesus ist für mich wesentlich. Ich dachte immer, ich kann es nur leben, indem ich die anderen liebe. Bis ich verstand, dass ich es genauso umsetze, wenn ich mich lieben lasse. Diese Entdeckung hat mir sehr geholfen.
Was, wenn sich mein Zustand verschlimmert? Wie viel kann ich denen zumuten, die mich zu Hause pflegen? Sollte es für sie eine Überlastung werden – die zeigt sich für mich schon, wenn sich eine Beziehung in den Rollen Pflegende und Gepflegte erschöpft – dann würde ich in ein Hospiz gehen wollen, um die Beziehungen zu den Menschen, die mir wichtig sind, frei von der Pflegeabhängigkeit leben zu können.
1 Johannes 13,35

Veronika Dörrer
Wiener Neudorf
Wen könnte ich bitten? Es geht um nichts Großes, nur um eine kleine Hilfestellung. Manchmal fällt es mir schwer zu bitten. Habe ich Sorge, meine Grenzen zu zeigen? Bin ich zu stolz? Oder brauche ich nur ein offenes Ohr, jemanden, dem ich von meinen Schwierigkeiten erzählen kann? Andere um Hilfe zu bitten, ist für mich Zeichen von Vertrauen, von Freundschaft. Dabei vertraue ich darauf, dass mein Gegenüber „nein“ sagt, wenn es zu viel wird.
Sind Menschen aus meinem nahen Umfeld auf Hilfe angewiesen, in ihrer Selbstständigkeit eingeschränkt, liegt es an mir, immer wieder zu fragen, meine Unterstützung anzubieten. Ich kann Zeichen geben, dass mir Bitten willkommen sind.
Sicher haben ältere Menschen oft die Sorge, anderen zur Last zu fallen. Andererseits: Was haben unsere Eltern, Verwandten, Freunde, Wegbereiter nicht alles für uns getan? Jetzt haben wir Gelegenheit, ihnen etwas von ihrer Last abzunehmen und sie unsere Liebe und Wertschätzung spüren zu lassen. Mich hat die Feststellung einer Bekannten bewegt, nachdem eine gemeinsame Freundin von uns, die ihre zunehmende Gebrechlichkeit geduldig angenommen hatte, verstorben war: „Ich habe mich immer gefreut, wenn ich eine kleine Besorgung für sie machen konnte.“ Die Freude liegt gerade in der Gegenseitigkeit.

Clemens Metzmacher
Diplom-Psychologe und Supervisor, Dresden
Wem fällt es nicht schwer, Hilfsbedürftigkeit zu akzeptieren? Umso mehr, wenn klar ist, dass sie langfristig bleiben wird. Möglicherweise ist die positive Beziehung zu sich selbst gefährdet – möglicherweise eine tiefgreifende Bedrohung. Zudem ändert sich die Beziehung zu anderen – es entstehen gegenseitige Abhängigkeiten und wechselseitige Belastungen. Auch wenn man das nicht will, lässt es sich nicht bestreiten. Insofern lässt sich eine solche Aussage als Bedürfnis nach eigener Würde und Autonomie verstehen.
Ob diese Aussage als beängstigend gehört wird oder das Vertrauen infrage stellt, ist zuerst einmal eine Frage an uns als Zuhörende, denn dort entsteht die Botschaft. Welche Bedeutung will ich der Aussage geben? Beim Hinhören können wir wählen.
Oft sind die Impulse von Hilfebedürftigen und ihren Angehörigen vielstimmig und widersprüchlich; sie bewegen sich zum Beispiel zwischen Dankbarkeit, Autonomiewünschen, Wut und Schuldgefühlen. Geäußert wird vielleicht nur ein Aspekt. Wenn jedoch die vielen Stimmen in ihrer Widersprüchlichkeit gezeigt und gewürdigt werden, ohne sie schnell glattzubügeln, entstehen neue Spielräume. Dann kann dies als Einladung wirken, die Beziehung neu auszuloten: „Was brauchst Du und was brauche ich jetzt gerade?“

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2018)
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