Endstation oder Durchgang?

Der Tod ist tabu: Was das Leben zu bieten hat, wird ausgekostet! Was danach kommt, interessiert später. Sollte es aber schon jetzt.

Die Lebenserwartung Neugeborener in unseren Ländern liegt bei über 81 Jahren. Vor zweihundert Jahren wurden die Menschen im Durchschnitt nur etwa 36 Jahre alt. Wie weit lässt sich unser Leben verlängern? Technologie- und Internetkonzerne in den USA wie die Google-Tochter Calico lassen Molekularbiologen, Mediziner und Genetiker erforschen, wie sich das Altern aufhalten lässt. Den Tod durch Verquickung des menschlichen Körpers mit intelligenten digitalen Modulen eines Tages ganz zu besiegen, hoffen manche Wissenschaftler und Unternehmer sogar. Für andere eine grauenhafte Vorstellung: Ein Unsterblicher verliere sein Wesen, werde zum Nicht-Menschen ohne eigene Identität, Lebenszeit und Lebensphasen, meinte der Konstanzer Philosophieprofessor Jürgen Mittelstraß schon vor einigen Jahren. „Träume vom unbegrenzten Leben führen aus dem Leben hinaus“, warnte er bei einem Vortrag in Frankfurt.
Die Endlichkeit des Lebens und die Unumkehrbarkeit des Todes zu akzeptieren, fällt schwer. Ist damit alles aus? Sicher ist: Der Tod ist unausweichlich. An ihm kommen selbst die Intelligentesten, Reichsten, Ausgefuchstesten nicht vorbei. Er nimmt uns alles, was uns lieb ist: Es bleibt keine „weitere Option“, kein Plan B, kein Hintertürchen. Dennoch tun wir überwiegend so, als gäbe es ihn nicht.
Was passiert beim Sterben? Medizinisch gesehen, verringern sich die Vitalfunktionen, bis sie vollständig erlöschen: Der Herzschlag lässt nach, Puls und Atmung werden schwächer und unregelmäßig. Gehirn und Nervenzellen werden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt; mit der mangelnden Durchblutung sinkt die Körpertemperatur. Der Stoffwechsel geht zurück, mit der Hirnaktivität schwinden Wahrnehmung und Bewusstsein, die Muskulatur erschlafft, Nervenreflexe lassen nach. Das Herz bleibt stehen – der sogenannte klinische Tod. Innerhalb der ersten etwa zehn Minuten können die Vitalfunktionen mittels künstlicher Beatmung, Herzmassage oder Defibrillator noch reaktiviert werden. Danach ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Hirnfunktionen unwiderruflich versagen. Organe und Gewebe überleben noch eine Weile, bevor auch ihre Funktionen ausfallen. Nach spätestens 24 Stunden hat der Körper den Stoffwechsel ganz eingestellt; mit dem Absterben der letzten Zelle tritt der biologische oder Organtod ein; der Verwesungsprozess beginnt.
Damit ist noch nichts darüber ausgesagt, was in der sterbenden Person vorgeht, wie sie den Prozess erlebt. In der Sterbebegleitung Tätige berichten, dass selbst wenn kein Bewusstsein mehr erkennbar und keine Kommunikation mehr möglich ist, offenbar noch etwas abläuft: wenn der Tod tagelang nicht eintritt, obwohl die Flüssigkeitszufuhr längst eingestellt wurde, sondern erst, nachdem eine liebe Person eintrifft, ein belastendes Problem gelöst, Versöhnung geschehen ist. Wodurch wird diese Verzögerung gesteuert? Ist die Ursache der ungeheure Lebenswille? Kommen hier Vorstellungen von der Seele zum Tragen, die zusammen mit Körper, Geist und Psyche den Menschen ausmacht? Wir stoßen in Bereiche vor, die wissenschaftlich nicht befriedigend erforscht werden können. Auch auf die Frage, was nach dem Tod kommt, müssen wir ehrlicherweise sagen: Wir wissen es nicht! Aber wir können uns dafür interessieren, welche unterschiedlichen Vorstellungen es dazu gibt. Und eine Antwort aus dem Glauben suchen.
Die Auffassungen anderer Weltreligionen skizzieren wir bei “Sterben, Tod- und dann?”. Das Christentum lehrt die Auferstehung von den Toten und ein ewiges Leben. Dieser Glaube speist sich aus den Osterereignissen: Jesus Christus, Sohn Gottes, wurde ans Kreuz genagelt und nahm die Sünden der Menschen auf sich. Er starb, wurde begraben, ist am dritten Tag auferstanden und zu seinem Vater in den Himmel aufgefahren, wo er lebt. Seine Auferstehung: ein unglaubliches Ereignis, das die Einstellung zu Leben und Tod in ihren Grundfesten erschüttert und komplett verändert!
Lange Zeit haben den Christen die Vorstellungen von Belohnung und Strafe, Himmel und Hölle Angst gemacht: Himmel als paradiesischer Ort, an dem sie ganz nahe bei Gott sind; die Hölle als Ort schrecklicher Qualen weit weg von ihm.
Gott verheißt den Menschen ein Leben in Fülle. Er liebt sie und sehnt sich, schon während ihrer Erdenzeit von ihnen geliebt zu werden – auch in den Mitmenschen. Die Menschen sind frei, sich darauf auszurichten. Der Tod ist ein Durchgang, der zur Begegnung mit Gott führt. Angesichts dessen unendlicher Größe erkennt der Mensch sich selbst, Stärken und Unzulänglichkeiten, seine Gottnähe oder –ferne. Gott kann das Leben des Menschen vollenden, sodass er in dessen Reich ein neues, ewiges Leben führen kann.
Wie läuft die Auferstehung ab? Wie genau sieht das ewige Leben aus? Das lassen auch die christlichen Vorstellungen offen. Immer wieder hat man Christen eine Vertröstung auf das Jenseits vorgeworfen, so als würden sie sich mit dem Blick auf ein ewiges Leben nicht ganz auf das diesseitige einlassen. Ein Einwand, den das konkrete Engagement vieler Christen für Mitmenschen und Gesellschaft in Politik, Wirtschaft, Kunst, Erziehung leicht entkräftet. Das wiederum ist kein Alleinstellungsmerkmal von Christen: Auch viele Menschen ohne religiöses Bekenntnis, die den Tod als absolute Endstation sehen, setzen sich uneigennützig für das Gemeinwohl ein.
Der Glaube kann helfen, sich ganz im Jetzt zu verankern und zugleich frei und weit ausgestreckt in der Hoffnung auf ein großes Danach zu leben. Gerade die Endlichkeit unseres Lebens macht es so wertvoll. Anstatt sie zu verdrängen oder zu bekämpfen, lohnt es, sie sich immer neu vor Augen zu führen. Denn sie hilft, unsere Lebenszeit nicht zu verschwenden, sondern gut zu nutzen. Das können wir von Menschen lernen, die dem Tod nahe waren und sich daher sehr intensiv mit ihm auseinandergesetzt haben. Bei vielen von ihnen hat sich damit die Einstellung zu dem, was im Leben zählt, grundlegend erneuert.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2018)
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