Was erwarten wir denn?

Warten und erwarten kennzeichnen den Advent, eine für viele „besondere Zeit “.
„Adventlich leben “ ist aber eine Haltung, die nicht nur auf vier Wochen beschränkt sein sollte.

„Die Hälfte des Lebens ist warten, die andere Hälfte laufen.“ Klar, ganz so generell kann man es natürlich nicht sagen. Aber gerade in Bezug auf so manche Prozesse im Zusammenleben in Familie, mit Freunden, in Lebens- und Freizeitgemeinschaften oder im beruflichen Alltag scheint darin auch ein Funke Wahrheit zu stecken. Wie oft geht es da ums Warten oder Abwarten? Warten auf Antworten, Rückmeldungen; abwarten, bis sie oder er Dinge klärt, Prozesse nachvollzieht, sich Rahmenbedingungen klären und alle Beteiligten bereit sind, sich auf den inneren oder äußeren Weg zu machen. Und dann? Dann muss es oft schnell gehen – fast scheinen sich die Dinge dann plötzlich zu überschlagen, die Zeit drängt, Termine sind einzuhalten und wer diesen „Moment“ verpasst, hat dann manchmal sogar das Nachsehen.
Warten ist nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung, erst recht nicht „abwarten“. Das klingt hilflos, passiv, ausgeliefert. Abwarten und nichts (mehr) tun können: fast unerträglich. Dabei weiß ich aus Erfahrung, dass dieses „Abwarten“ bis Dinge reifen und sich klären, alles andere als Passivität ist. Innerlich ist das oft harte Arbeit: den anderen frei lassen, ihm die Zeit zugestehen, damit er klären kann, was noch unklar ist. Das lässt einen nicht unberührt man denkt auch selbst noch mal nach, bezieht andere Sichtweisen ein. Gleichzeitig gilt es, dranzubleiben, weder den Menschen noch das Anliegen so ohne Weiteres aufzugeben und dann wieder die Initiative zu ergreifen. Das erfordert Geduld, aber kein Sich-Ergeben; Hoffnung und keine Resignation; Durchhalten, aber keine Verbissenheit.
Wartezeiten in diesem Sinn haben viel mit Erwartung zu tun. Und damit ist es ja auch so eine Sache. Die positive, freudige Erwartung auf etwas Schönes, ein besonderes Ereignis kennt wohl jeder. Darauf lebt man hin, richtet alles darauf aus. Man bereitet das Haus, den Rahmen, sich selbst – innerlich und äußerlich – vor. Energie und Fantasie werden freigesetzt, kaum eine Mühe scheint zu groß. Und je länger es dauert, umso größer wird die Erwartung – umso mehr und bunter und schöner malt man sich aus, wie es dann sein wird. Idealtypisch. Erwartung wandelt sich so unter Umständen in eine Erwartungshaltung, die oft Projektionsfläche von Vorstellungen und Träumen wird. Realistisch bleibt das selten. Allzu leicht wird Unerwünschtes, Negatives übertüncht oder ausgeblendet. Und wenn es dann anders kommt, ist die Enttäuschung groß. Dabei liegt die ja oft gerade darin begründet, dass wir vorher einer Täuschung verfallen waren. Trotzdem ist es dann schwer, manchmal sogar schmerzlich, sich der Realität, dem Neuen oder ganz anderen zu stellen: sie wahr- und anzunehmen, angemessen zu reagieren.

Zeit des Wartens und Erwartens
Bald ist Advent. Aus christlicher Sicht ist es die Zeit des Wartens und Erwartens. Natürlich: Wer im Advent bewusst wartet, weiß, worauf und warum. Er hat ein Ziel vor Augen. Er wartet auf das Unerklärliche an Weihnachten: dass Gott Mensch wird – und mit ihm die Welt ein bisschen menschlicher. Und dieses Kommen ist geschichtlich gesehen Vergangenheit. Trotzdem will es sich immer wieder neu ereignen. Die Bibeltexte vom Advent mahnen ausdrücklich: „Denn ihr wisst nicht, wann der Herr kommt“ (Markus 13,35). Und: „Der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ (Lukas 12,40) Er soll sogar kommen „wie ein Dieb in der Nacht“ (1. Tessalonicher 5,2). Der Advent lädt deshalb sicher in erster Linie dazu ein, in uns den Weg zu bereiten, uns persönlich zu prüfen, ob wir denn bereit sind, wenn Gott zu uns kommen will. In unseren Alltag. Heute. Mitten rein. Hätten wir dann Zeit für ihn? Wären wir bereit? Oder müssten wir erst unseren Terminkalender befragen? Würden wir ihn erkennen oder unseren idealtypischen Vorstellungen erliegen?

“Warte-Mensch“ sein
Christen erwarten die Ankunft Jesu Christi. Sie sind „Warte-Menschen“, die darauf hoffen und in der Zuversicht leben, dass Gott in ihr Leben kommt und nicht nur ihr persönliches Leben, sondern auch die Geschichte, die Welt zu einem guten Ziel führt. Trotzdem: Angesichts der gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen nehmen wir – wenn wir ehrlich sind – auch unter Christen oft ganz anderes wahr: Resignation. Angst. Sorge. Die Befürchtung, den festen Boden unter den Füßen zu verlieren. Hilflosigkeit und Enttäuschung scheinen viele im Blick auf die Zukunft zu lähmen. Und manchmal kann ich mich  auch persönlich da nicht ausnehmen.
Vielleicht ist ja genau die Adventszeit 2018 die Einladung, mir neu und ehrlich die Frage zu stellen: Was erwarte ich denn eigentlich? Traue ich diesem Gott, auf den ich mein Leben ausgerichtet habe, wirklich auch heute noch zu, dass er Großes tut? An mir? An meiner Umgebung, an den Menschen, an denen mir liegt? Und an meiner Kirche, meinem Land? Ich bin überzeugt, dass das nicht bedeutet zu beschönigen oder zu verharmlosen. Und es ist auch kein passives Abwarten. Sondern es heißt: hinschauen, die Ent-Täuschung zulassen, sie erkennen und immer wieder neu hindurchschauen – auf den, der kommt! Denn: Gott ist im Kommen – nicht irgendetwas oder irgendwer! Er ist da!

Adventlich leben
Bin ich, sind wir solche „Warte-Menschen“, die ahnen und hoffen, dass es mehr gibt, die sehnsüchtig danach Ausschau halten, und darauf vertrauen, dass Gott der Immanuel ist, der „Gott mit uns“? So auf die Welt, die Gesellschaft zu schauen, ist nicht naiv. Und sicher auch nicht immer so leicht, wie es sich hier liest. Es ist ein aktiver Prozess, braucht Geduld, aber kein Sich-Ergeben; Hoffnung und keine Resignation; Durchhalten, aber keine Verbissenheit. Adventlich leben heißt in diesem Sinn wohl auch, immer wieder neu um die Zuversicht zu ringen, dass Gott genau ins Dunkel kommt – hier und heute schon da ist.
Die Zuversicht, dass mitten im Dunkel ein helles Licht aufstrahlen wird, hat schon der Prophet Jesaja verkündet. Und er hat den Menschen seiner Zeit damit Hoffnung und Zukunft vermittelt. Vielleicht bedeutet adventlich leben heute ja vor allem, erwartungsvoll und zuversichtlich in die Zukunft blicken, nicht aus Naivität, sondern weil wir einer Zusage Glauben schenken. Und vielleicht ist genau das auch das größte Geschenk, das wir uns und unseren Mitmenschen heute machen können. In diesem Sinn sollte der Advent nicht nur auf ein paar Wochen im Jahr begrenzt sein und das Warten und Erwarten nicht nur die Hälfte unseres Lebens kennzeichnen.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2018)
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