9 Fragen an Maria Voce

Ausführliche Version der Antworten

Worüber ich lachen kann?
Wirklich herzhaft kann ich lachen, wenn mir ein Patzer passiert, weil ich abgelenkt bin. Ich gehe zum Beispiel spazieren, ohne darauf zu achten, wohin ich meine Füße setze, übersehe eine Stufe und liege plötzlich der Länge nach auf dem Boden. Dann muss ich so lachen, dass ich erstmal gar nicht wieder aufstehen kann.
Einmal bin ich von einer Auslandsreise zurückgekehrt und zu Hause in meinem Fokolar sagten die anderen zu mir: „Was trägst du denn da Komisches?“ Und erst in dem Moment hab ich gemerkt, dass ich einen Mantel anhatte, der mir mindestens zwei Nummern zu groß und zudem noch ein Herrenmantel war. Da musste ich so lachen – und nicht nur ich! Auch beim Gedanken an den armen Kerl, der wohl mit meinen Mantel abgezogen war, der ihm viel zu klein sein musste. – Dann haben wir natürlich gegenseitig versucht, die Mäntel zurückzutauschen.
Auch ein komischer Film, eine schlagfertige Antwort, ein treffender Witz kann ganz lustig sein. Aber diese anderen Momente bringen mich fast zum Platzen vor Lachen.

Was mich ärgert?
Ich muss wirklich sagen, richtig wütend werde ich nie. Mich kann schon mal etwas verärgern, aber einen Anflug von Wut verspüre ich nicht. Höchstens Bedauern über das, was passiert ist, über ein böses Wort, das zu mir gesagt wurde, oder über etwas, das mich gestört hat.

Foto: (c) CSC Audiovisivi – Archivio

Mein wichtigstes Erlebnis?
Sicher die Begegnung mit dem Charisma der Einheit während meiner Studienzeit an der Universität: Mich faszinierte eine Gruppe von Studenten, weil sie so stark zusammenhielten und das Christentum überzeugend lebten: Sie liebten konkret, waren immer verfügbar, bereit, jedem einen Dienst zu erweisen, verurteilten nie. Daher interessierte ich mich für sie und entdeckte, dass die Wurzel ihres Handelns in einer entschiedenen Nachfolge Gottes und dem Leben nach dem Evangelium lag.
So lernte ich die Fokolare kennen, durch die sich mein Leben völlig geändert hat. Nicht, dass ich das Evangelium vorher nicht gekannt hätte – ich kam durchaus aus einer christlichen Familie – aber es zu kennen bedeutet ja noch nicht, es auch zu leben. Mein Leben änderte sich in den Moment, als ich erstmals jemandem wirklich in dem Bewusstsein zuhörte: Das ist mein Bruder, ein Kind Gottes wie ich; in ihm ist Jesus – der Sohn Gottes schlechthin – gegenwärtig.

Meine Schwäche(n)?
Ich glaube, meine größte Schwäche ist die Neugier: Wenn zwei Personen vor meiner Tür reden, spitze ich unweigerlich die Ohren, um zu verstehen, was sie sagen. Oder wenn ich auf dem Schreibtisch von jemandem einen Zettel liegen sehe, schaue ich automatisch, was darauf geschrieben steht. Diese Neugier möchte ich besiegen, aber ich muss mich jedes Mal bewusst entscheiden, sie beiseite zu lassen und stattdessen zu tun, was gerade zu tun ist.
Daher rührt auch der Wunsch, alles unter Kontrolle zu haben. Ich vertraue den anderen, ich weiß, dass sie vieles besser machen als ich, trotzdem möchte ich mich selbst überzeugen, wie sich die Dinge weiter entwickeln; nicht aus Misstrauen, sondern auch hier aus Neugier.

Meine Stärke(n)?
Sicher mein Optimismus, und damit das Vertrauen in andere, das aus diesem Optimismus erwächst. Ich vertraue vor allem Gott, aber ich vertraue auch den Menschen: nicht nur jenen, die ich gut kenne, sondern auch denen, die mir unbekannt sind. Manchmal merke ich, dass es schlecht war, jemandem zu vertrauen, aber das bedauere ich nicht, denn es ist schöner, anderen zu vertrauen, selbst wenn sie dich enttäuschen, als kein Vertrauen zu haben. Ich bin also froh, so optimistisch zu sein.
Dann bin ich wohl auch ziemlich gastfreundlich. Es fällt mir leicht, Beziehungen aufzubauen, auch weil ich aus einer großen Familie komme, also gewohnt bin, viele Leute um mich zu haben und sie zu mögen. Ich bin ein geselliger Mensch.

Mein Lieblingsort?
Die ganze Welt gefällt mir. Bei einem Lieblingsort denke ich jedoch an ein gemütliches Haus, wo Personen mit mir zusammen sind. Wo ich also nicht allein wohne, sondern wo ich mit anderen leben kann, die meine Ideen teilen, mit denen ich einen wahrhaftigen, tiefen Austausch pflegen kann, nicht nur mit Worten, sondern auch mit dem Leben. Dort, wo das Haus steht, sollte es nicht zu kalt sein, sonnig, am besten am Meer! Ja, am Meer würde ich dieses Haus sehen, aber auch in einer Stadt, nicht abgelegen auf dem Land, denn ich bin gern unter Leuten, geh gern raus, Geschäfte anschauen. Mir gefällt es, im Kontakt mit anderen zu sein.
Nachdem ich die Fokolar-Bewegung kennengelernt hatte, drängte es mich bald, aus dem Haus zu gehen – denn dort war ich allein und kannte noch niemanden – und mich unter die Menschenmenge auf einer der Hauptstraßen Catanias zu mischen, wo ich damals lebte. So war ich auf Tuchfühlung mit den Menschen, auch wenn ich sie nicht persönlich kannte.

Meine Kraftquelle?
Gut schlafen, nachdem ich alle Sorgen dem Vater im Himmel anvertraut habe, der einen Weg finden wird, die Probleme zu lösen, wenn der Moment dafür gekommen ist. Also wenn ich gut den gegenwärtigen Moment lebe, frei von Sorgen zu Bett gehe und gut schlafe, habe ich am nächsten Morgen wieder neue Kraft.

Was mir Sorgen macht?
Alles, was nach Konflikt, Gegensätzen riecht: seien es die Kriege, eine Auseinandersetzung in der Familie, die Mühe, eine Lösung für ein gesundheitliches Problem zu finden. Alles, was ungeklärte und ungelöste Situationen betrifft, macht mir Sorgen.
Oft bleibt die Situation, wie sie ist; man kann gar nichts machen. Wenn ich aber etwas tun kann, versuche ich, den Konflikt zu lösen oder anderen dabei zu helfen, eine Lösung zu finden.

Was mir bei der Leitung der Fokolar-Bewegung wichtig ist?
Mir liegt am Herzen, dass die Bewegung ein authentisches Zeugnis für das Charisma der Einheit ist. Mir liegt am Herzen, dass ich auf eine Gruppe von Personen zählen kann, die das verkörpern. Vielleicht nicht auf alle, aber ich bin mir sicher, dass jetzt, in diesem Moment, ein Kern von Leuten etwas tut, um das Charisma der Einheit zu bezeugen. Zu wissen, dass es diese Gruppen gibt – in vielen Teilen der Welt – gibt mir Ruhe, gibt mir die Sicherheit, dass die Bewegung weitergehen wird, denn in diesen kleinen Gruppen können neue Ideen entstehen, neue Formen der Inkarnation; die Sicherheit, dass dieses Charisma weitergetragen wird, bis sich erfüllt, wofür Gott es ins Leben gerufen hat, wovon unsere Gründerin Chiara Lubich geträumt hat und worum Jesus dem Evangelium zufolge zuletzt gebetet hat: „Vater, dass alle eins seien.“
Ich habe also den Traum von der universalen Geschwisterlichkeit im Herzen, der sich jedoch nur dank kleiner Gruppen verwirklichen kann, die dementsprechend leben und die es tatsächlich gibt.

Foto: (c) CSC Audiovisivi – Archivio

Maria Emmaus Voce
81, stammt aus Aiello Calabro, Süditalien. Als Studentin der Rechtswissenschaften in Rom lernte sie 1959 die Fokolar-Bewegung kennen. Später studierte sie Theologie und Kirchenrecht. Sie lebte in Fokolar-Gemeinschaften in Syrakus, Catania und Istanbul. Zusammen mit Chiara Lubich, Gründerin der Fokolar-Bewegung, überarbeitete sie die Statuten der Bewegung. Nach dem Tod von Chiara Lubich wurde sie 2008 zur Präsidentin der Bewegung gewählt.

(Eine Kurzform der Antworten ist erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2019)
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