Aufruf an jedes wache Gewissen

Offener Brief an Papst Franziskus und Großimam Ahmad Mohammad Al-Tayyeb

Sehr geehrter Papst Franzsikus,
sehr geehrter Herr Ahmad Mohammad Al-Tayyeb ,

Es erkennt das Recht aller auf Freiheit an, verdammt Terrorismus, will Dialog und eine „Kultur der Annahme des Anderen“: Das gemeinsame Dokument, das Sie am 4. Februar bei einer interreligiösen Konferenz mit 700 Vertretern verschiedener Religionen in Abu Dhabi unterzeichnet haben, ist beachtlich! Ein sichtbares Zeichen einer belastbaren Brüderlichkeit. Ein Beleg, dass Christen und Muslime trotz aller Unterschiede eine Vielzahl ethischer Werte gemeinsam haben. Eine starke Ermutigung für alle, denen eine bessere Verständigung zwischen den Religionen ein Anliegen ist!
Dabei beinhaltet die Schrift nicht bloß nette Worte. Sie hat es in sich! Der Schulterschluss eines Papstes mit einem hochrangigen Vertreter des Islams empört manche Christen. Nicht jeder muslimische Politiker und Prediger ist erfreut, wenn er liest, „alle unmenschlichen Praktiken und volkstümlichen Bräuche, welche die Würde der Frau erniedrigen,” seien einzustellen.
Sie fordern, Gesetze zu ändern, „die Frauen hindern, ihre Rechte voll zu genießen.” Sie erkennen den Fortschritt von Wissenschaft und Technologie an, brandmarken aber auch wachsende Ungerechtigkeit, einen Verfall ethischer Prinzipien und eine Schwächung des Verantwortungsbewusstseins. Sie prangern die Gier nach maßlosem Gewinn und Gleichgültigkeit an. Sie stellen sich ausdrücklich hinter die Familie als Kern der Gesellschaft und gegen alle Praktiken, „die das Leben bedrohen”. Sie treten für den Schutz von Kindern, unterdrückten, behinderten Menschen ein. Sie sind überzeugt, dass Religion niemals Gefühle von Feindseligkeit weckt oder zu Gewalt und Blutvergießen auffordert.
Mag die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate Ihren Besuch auch benutzt haben, sich in strahlenderem Licht darzustellen, als es die Menschenrechtslage rechtfertigt. Immerhin hat sie zugelassen, was es zuvor nicht gab: Erstmals hat ein Papst die Arabische Halbinsel betreten; die Christen des Landes konnten vor aller Augen Gottesdienst feiern; hochrangige Juden, Christen und Muslime konnten sich treffen und öffentlich Klartext reden, auch zu problematischen Themen. Das zeugt von ernsthaftem Willen, Frieden und Verständigung voranzubringen.
Freilich wird mit den Worten und Gesten nicht gleich alles gut. In Pakistan werden Muslime weiter Christen der Blasphemie bezichtigen; Boko Haram wird weiter im Namen des Islams Nigeria terrorisieren. Dennoch ist Abu Dhabi ein Meilenstein! Sie haben Christen wie Muslimen jede Rechtfertigung aberkannt, ihre Religion politisch gegeneinander zu instrumentalisieren. Wenn die Religionen ihre Gläubigen tatsächlich großflächig zur Zusammenarbeit erziehen, ist das auch Mahnung an die Politik, sich stärker für Frieden einzusetzen.
Sie haben beide gezeigt, dass Sie Ihre Religion im Dienst an einer versöhnten Menschheit sehen, einen gemeinsamen Weg gehen wollen, für eine Abrüstung der Herzen stehen. Sie schreiben das Dokument im Namen Gottes, der Völker und „der unschuldigen menschlichen Seele“ und verstehen es als „Aufruf an jedes wache Gewissen“. Bleibt zu wünschen, dass möglichst viele den Geist der Brüderlichkeit von Abu Dhabi aufnehmen und verbreiten.

Mit freundlichen Grüßen,
Clemens Behr

Papst Franziskus
82, heißt mit bürgerlichem Namen Jorge Mario Bergoglio. Der argentinische Jesuit wurde im März 2013 vom Kardinalskollegium zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt.

Ahmad Mohammad Al-Tayyeb
73, ist ein ägyptischer Islam-Gelehrter. Er wurde im März 2010 auf Lebenszeit zum Scheich der Azhar ernannt, einer wissenschaftlichen Institution des Islam von internationalem Rang mit Sitz in Kairo. Damit ist er auch Imam der dortigen Al-Azhar-Moschee. Er führt den Titel „Großimam“ und ist eine religiöse Autorität des sunnitischen Islam.

Das Dokument „Die Brüderlichkeit aller Menschen – für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ finden Sie hier.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2019)
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