Chronisch unterernährt

Hunger: Wie verbreitet er auf der Welt ist, welche Ursachen und Folgen er hat und wie versucht wird, gegen ihn anzukämpfen.

Wie ist das, über längere Zeit nicht genug zu essen zu haben? Wie fühlt sich Hunger an? Derzeit könnten 821 Millionen unterernährte Menschen auf der Welt aus eigener Anschauung darauf antworten. 124 Millionen davon leiden unter akutem Hunger. Sie haben weniger Nahrung, als ihr Körper braucht.
Über akute Hungersnöte berichten die Medien durchaus. Kaum dagegen über chronischen Hunger, ein Zustand dauerhafter Unterernährung, der stärker verbreitet ist. Er geht meistens mit Armut einher: Die Betroffenen können sauberes Wasser, gesunde Nahrung und medizinische Versorgung nicht bezahlen, geschweige denn die Bildung ihrer Kinder. Eine Form chronischen Hungers nennt die Welthungerhilfe „verborgenen Hunger“: Zwar ist genug zu essen da, die Ernährung ist jedoch einseitig. Der langfristige Mangel wichtiger Stoffe wie Vitamin A, Eisen, Jod oder Zink führt dazu, dass Kinder sich geistig und körperlich schlecht entwickeln. Schwere Krankheiten sind die Folge oder sogar der Tod. Nährstoffmangel kann die Entwicklung ganzer Regionen ausbremsen.
Zwei Milliarden Menschen leiden unter verborgenem Hunger, ein Teil davon in Industrieländern. Dort gelten arme, kranke, ältere Menschen und Kinder als Risikogruppen. Für Fehlernährung anfällig ist auch, wer sich über lange Zeit einseitig ernährt – aus Faulheit oder aufgrund ständigen Zeitdrucks. Magersucht, Ess-Brech-Sucht und wahnhafte Formen vermeintlich gesunden Essens können weitere Gründe für Unterernährung sein.
Ärmere Menschen in reichen Ländern wissen möglicherweise nicht, wie sie sich günstig, aber ausreichend versorgen können. Manchmal ist ihnen die Bedeutung einer vielseitigen Verpflegung nicht klar. Oder sie können sich gesunde Ernährung schlicht nicht leisten. Mitte 2018 ging die Nachricht um, dass immer mehr Australier auf Lebensmittelhilfen angewiesen seien – trotz anhaltenden Wirtschaftswachstums. Grund: hohe Lebenshaltungskosten, vor allem bei den Mieten, und immer unsicherere Arbeitsbedingungen.

Viehhirten im Bezirk Turkana im Nordwesten Kenias leiden unter einer Dürre. – Foto: (c) Lena & Martin Parlasca

Die Befürchtung, die Erde könne nicht alle ernähren, ist vorerst unbegründet. Zurzeit leben rund 7,7 Milliarden Menschen. Der Welternährungsorganisation FAO zufolge könnte die globale Landwirtschaft aktuell jedoch 12 Milliarden ernähren. Wieso kommt es trotzdem zu Hungersnöten und Mangelernährung? Die Ursachen sind vielfältig. Korruption, Wirtschaftskrisen und das Bevölkerungswachstum sind mitverantwortlich. Kriege zerstören landwirtschaftliche Infrastruktur; Bauern können ihre Felder nicht mehr bestellen. Wo großflächig Pflanzen zur Herstellung von Agrartreibstoffen angebaut werden, bleibt der Bevölkerung häufig nicht genug Land, um sich selbst zu versorgen. Gleiches gilt beim Anbau von Agrarprodukten für den Massenexport. Dass ein Fünftel der 1,2 Milliarden Afrikaner unterernährt ist, schreiben Ernährungsexperten der Universität Pretoria in Südafrika darüber hinaus einem Politikversagen zu: Viele Regierungen seien bestenfalls darauf aus, die Produktion zu steigern, entwickelten aber keine langfristigen Strategien, um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen.
Der Großteil der Menschen in den Ländern des Südens lebt von der Landwirtschaft. Durch Landraub verlieren Kleinbauern ihre Flächen ganz oder teilweise. Internationale Handelsabkommen und eine Subventionspolitik reicher Staaten erschweren ihnen den Zugang zu den Märkten, indem sie Agrarunternehmen aus den Industrienationen Preisvorteile verschaffen. Mit dem Klimawandel verändern sich in manchen Regionen der Welt die Jahreszeiten und die Verteilung des Regens: Dürren und Überschwemmungen nehmen zu und wirken sich direkt auf die Landwirtschaft aus.
Seit Jahrzehnten bemüht sich die Weltgemeinschaft, den Hunger zu bekämpfen. Mit Erfolg: Zwischen 1990 und 2015 ging die Zahl der Hungernden weltweit trotz Bevölkerungswachstums um 216 Millionen zurück. Doch seither steigt sie wieder an. So haben die Vereinten Nationen den Kampf gegen den Hunger auf ihre „Agenda 2030“ gesetzt: eines von 17 Zielen zur nachhaltigen Entwicklung, die bis zum Jahr 2030 umgesetzt werden sollen. Alle UN-Mitgliedsstaaten haben die unter breiter Beteiligung der Zivilgesellschaft entwickelte Agenda im September 2015 verabschiedet. Schon bald soll niemand mehr hungern müssen! Wie soll das gehen? Nicht gemeint ist, einzig die Mägen zu füllen, sondern zu ermöglichen, dass alle Menschen selbst dauerhaft für ihre Ernährung sorgen können. Das soll über viele Wege geschehen: Produktivität und Einkommen von Kleinbauern verdoppeln, Nachhaltigkeit verbessern, Widerstands- und Anpassungsfähigkeit von Pflanzen steigern, Bodenqualität erhöhen, genetische Vielfalt bewahren, Verschwendung von Ressourcen verringern, Investitionen in landwirtschaftliche Infrastruktur erhöhen, Handelsbeschränkungen und –verzerrungen abbauen.
Die 17 Ziele der „Agenda 2030“ sind letztlich miteinander verwoben: Wenn auf weniger Ungleichheiten, stärkeren Klimaschutz, mehr Nachhaltigkeit von Konsum und Produktion, mehr Frieden und Gerechtigkeit hingearbeitet wird, baut das auch den Hunger ab. Die Ernährungs- und Landwirtschafsorganisation der UN hat eine „Zero Hunger-Kampagne“ lanciert, um möglichst viele Menschen und Organisationen beim Kampf gegen den Hunger einzubeziehen – Politiker, Unternehmer und  Wissenschaftler, aber auch einfache Leute, Alt und Jung.
„Hirn, Herz und Hände“ ist ein Slogan der Kinder und Jugendlichen der Fokolar-Bewegung, die sich der Kampagne angeschlossen haben. Er will sagen: Sie wollen sich über die Vielschichtigkeit des Problems informieren, sich und andere für die Not der Betroffenen sensibilisieren und konkret mit ihrem Konsumverhalten zur Verminderung des Hungers beitragen. Dazu gehört, Nahrungsgüter bewusster einzukaufen und weniger zu verschwenden. Denn angesichts der Vielzahl hungernder und unterernährter Menschen ist es beschämend, dass rund ein Drittel der Lebensmittel weggeworfen wird. In Zahlen sind das weltweit im Jahr 1,3 Milliarden Tonnen, die anstatt in hungrigen Mägen im Müll landen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2019)
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