Die Füße, nicht den Kopf

All jene, die in der Alten- und Krankenpflege arbeiten oder zu Hause einen Angehörigen pflegen, würden wahrscheinlch kein Wort darüber verlieren:

Es gehört zu ihrer täglichen Arbeit, anderer Leute Füße zu waschen. Ich war noch nicht in der Verlegenheit, das tun zu müssen. Und ich gestehe, es würde mich wohl auch Überwindung kosten. Weniger bei der Fußwaschungs-Liturgie am Gründonnerstag in manchen Kirchen, denn dafür tritt wohl jede Kandidatin und jeder Kandidat extra sauber an. Nein, Respekt fordert es mir ab, wenn ich an Füße nach langen Wanderungen oder anstrengenden Arbeitstagen denke.
Jesus erwartet von denen, die ihm nachfolgen wollen, die Bereitschaft, „einander die Füße zu waschen“. Seinerzeit ein Sklavendienst. Seine Jünger waren daher entsetzt, als ihr Herr und Meister sich mit Wasserschüssel und Handtuch vor sie hinkniete und es vormachte. Sich runter beugen, die Augenhöhe verlassen, vor dem anderen auf die Knie gehen, sich klein machen. Das kratzt am Stolz. Ich demütige mich damit. Mache den anderen groß. – Eine starke, umwerfende Geste!
Es geht nicht um saubere Füße. Es geht um meine Haltung anderen gegenüber. Hab ich immer recht? Weiß ich immer alles ganz genau? Erwarte ich nicht, dass er dies tut und sie sich derart verhält? Es geht darum, den anderen hochzuschätzen, auch wenn er mir auf die Nerven geht oder in meinen Augen gerade einen Fehler macht. Ihm urteilsfrei begegnen. Ihm dienen. Das fordert heraus! Peter Dettwiler, reformierter Pastor aus Zürich, hat aus dieser Einstellung heraus eine neue Perspektive auf die Geschichte seiner Kirche mit den Wiedertäufern gefunden. Und über den Atlantik hinaus zur Versöhnung beigetragen
„Einander“ die Füße waschen, sagt Jesus. Also nicht nur ich den anderen, sondern auch die anderen mir. Das kann ich vielleicht nicht einfordern, wohl aber zulassen. Im Idealfall ist also die Bereitschaft, den anderen hochzuschätzen, dem anderen zu dienen, gegenseitig. Etwas von dieser Geste, dieser wechselseitigen Haltung von Achtung und Dienstbereitschaft finde ich wieder in der Begegnung von Papst Franziskus und dem muslimischen Großimam Al-Tayyeb Anfang Februar in Abu Dhabi.
Wenn Sie die folgenden Seiten vor diesem Hintergrund lesen, können Sie weitere Beispiele entdecken, wie Menschen sich auf unterschiedliche Weise in den Dienst anderer stellen. – Vor uns liegt die Fasten- und Passionszeit. Sie scheint gut geeignet, mal genauer hinzuschauen, wie es mit unserer Bereitschaft aussieht, einander „die Füße zu waschen“.
Herzlichst, Ihr

Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2019)
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