Welches Maß?

Wir sind als Jungen zusammen durch Feld und Wald gestreift, haben Flöße gebaut, Holz gehackt, gemeinsam für Klassenarbeiten gelernt.

Weil wir vier Fahrradkilometer auseinander wohnten, hatten wir auf halber Strecke einen knorrigen Baum auserkoren, um Botschaften in Geheimschrift auszutauschen: In einem Loch versteckten wir unsere Zettel. Bilder, Gerüche, Empfindungen kommen wieder hoch. Bei unseren Familien gingen wir wechselseitig ein und aus. Wir waren verschieden, aber haben vieles voneinander gelernt. Wir waren einander vertraut, aber nicht in allem einer Meinung. All das geht mir durch den Kopf, wenn ich an Freundschaft denke. Wir waren Freunde. Wir sind es heute noch, auch wenn wir uns nur noch alle paar Jahre sehen. Ja, die Zeit hat manche Körnchen Fremdheit in die Beziehung gestreut, doch die gemeinsamen Erlebnisse und die alte Vertrautheit bleiben tragfähig

Titelbild unter Verwendung einer Illustration von (c) cienpies (iStock)

Im Johannesevangelium wirbt auch Jesus um eine Beziehung der Vertrautheit, des Vertrauens: „Vielmehr habe ich euch Freunde genannt“, erinnert er jene, die ihm nachfolgen (Johannes 15,15). Er will ihnen offenbar auf Augenhöhe begegnen. Denn zuvor distanziert er sich vom unmündigen Abhängigkeitsverhältnis der Knechte von ihren Herren. Er sieht auch in denen, die ihm heute nachfolgen wollen, Freunde. Das heißt doch, er schenkt ihnen Vertrauen, er will sie einweihen, will sich und die Pläne Gottes, seines Vaters, mitteilen. Sie sollen mittragen, mit Verantwortung übernehmen, mit anpacken, um die Pläne zu verwirklichen. – Manches von dem, was die nächsten Seiten über Freundschaft offenlegen, lässt sich auch auf diesen Bezug hin abklopfen und wirft Fragen über meine „Freundschaft mit Christus“ auf, wie ein Buch von Wilfried Hagemann in unserem Verlag heißt.
Freunde haben mir selbstlos den Rücken frei gehalten, als ich während des Studiums im Prüfungsstress steckte. Freunde sind in schweren Stunden – Ärzte hatten einen Tumor entdeckt – nicht von meiner Seite gewichen, um meine Ängste zu teilen und mir Mut und Kraft zu spenden. Bis sich herausstellte, dass der Tumor gutartig war. Ihnen verdanke ich viel. Denn ihr Verständnis von Freundschaft hatten sie an Jesus ausgerichtet. Und dessen Messlatte liegt sehr hoch: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“, heißt es nur zwei Verse vor seinem obigen Zitat.
Herzlichst, Ihr

Clemens Behr

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2019)
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