Wenn Jahre keine Rolle spielen.

Obwohl sie kein geselliger Typ ist, hat Celine Schieferer tragfähige Freundschaften. „ Frei lassen “ und „ ganz im Herzen haben “ sind die Pole, zwischen denen sich das für sie abspielt.

Celine Schieferer, 67, lebt in Salzburg. Als Sozialarbeiterin hat sie ein Frauenhaus mitbegründet und dort auch jahrelang gearbeitet. Als sie „ausgebrannt“ war, hat sie durch die Arbeit in einem Museum einen Kontrapunkt gesetzt. Berufliche und örtliche Wechsel waren Teil ihres Lebens. Jetzt ist sie im Ruhestand, alleinstehend und immer wieder neu am Hinhören, was dran ist.
Da ich alleinstehend und kein allzu geselliger Typ bin, ist das Thema Freundschaft für mich eine Herausforderung. Ich ziehe mich auch gern zurück und bin sehr sensibel. Das Thema Einsamkeit ist dann nicht so ganz weit weg. Dann frage ich mich, mit wem ich zum Langlaufen gehen kann, wo andere zu zweit oder dritt unterwegs sind.
Und doch hab ich auch Freundschaften. Manche dauern schon über 30 Jahre an, und manchmal waren da auch fünf oder zehn Jahre ohne Kontakt dazwischen. Selbstverständlich haben sich in diesen langen Zeitspannen nicht nur meine Lebensentwürfe und -umstände, sondern auch die der anderen teilweise sehr verändert. Wenn es tief und ehrlich ist, wenn man einander im Kern kennengelernt hat – sozusagen ohne jede äußerliche Hülle, gleichermaßen nackt und nicht mehr weiterwissend – dann spielen weder die Jahre noch die Entfernung eine Rolle. Wesentlich scheint mir, dass man seine Verletzlichkeit, Schattenseiten, Fehler gezeigt hat, zeigen konnte, also als ganzer Mensch wahrgenommen und geschätzt wird.
Dann geht es darum, den anderen im Herzen zu haben – auch wenn er ganz andere Wege geht. Eine Freundin hat zwischendurch auch spirituell vielfältige Wege eingeschlagen und sogar einige Zeit in Japan gelebt. Von einer anderen kam nach zehn Jahren eine Karte, just als ich fast unbeweglich im Bett lag. Und wieder „zehn Jahre später“ hatte sie in der Nähe zu tun (sie wohnt jetzt 200 Kilometer weiter), just als ich nicht wusste, wie ich die versprochenen Deutschstunden für eine zugezogene Frau angehen sollte; bessere Hinweise konnte ich mir nicht wünschen, denn sie hat sich auf Lerntechniken spezialisiert.
Einander frei lassen und einander ganz drin haben – das ist innere Arbeit und erfordert gegenseitigen respektvollen Umgang, wenn die andere etwas von sich preisgibt und wenn eine etwas (noch) für sich behalten will; keine Ratschläge (außer erbetene), auch wenn der andere Unvorstellbares tut; ihn mit diesen – nicht immer wohltuenden – Erfahrungen als neu gereiften Menschen wiederentdecken und sich bei allem eine gewisse Neugier bewahren auf die Entwicklungen des anderen.
Natürlich habe ich auch Freunde in der Nähe, die ich häufiger sehe. Aber auch da geht es darum, den anderen „sein“ zu lassen. Freundschaft ist nicht da, wo man einer Meinung ist, sondern wo man den anderen frei lässt.
Ich kann allein sein, mich zurückziehen, aber es gibt auch Momente der Einsamkeit. Dann schau ich auf mich, denke, dass andere in vielem so viel lockerer sind. Da kommt schnell eine ganze Palette an Gedanken auf. Und ich habe mühsam gelernt: Da hänge ich irgendwo zwischen Himmel und Erde – in gewisser Weise am Kreuz. Aber dann – wenn ich mir das bewusst mache – spüre ich auch: Da ist noch Jemand; da habe ich einen Platz und bin nicht allein – eine Freundschaft besonderer Art! Und dann: Geh ich wieder – spontan – allein langlaufen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2019)
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