In der Schule der Berge

Walter Depprich freut sich, wenn er in der Natur unterwegs sein kann. Mit seinen Touren als Berg- und Wanderführer will er die Lebensfreude der Teilnehmer stärken.

Walter Depprich. – Alle Fotos: (c) Walter Depprich

Ohne sein kleines Navigationsgerät, das wie ein robustes Handy aussieht, zieht er nicht los. Den genauen Tourenverlauf speichert Walter Depprich darauf ab. Und die satellitengestützte Erkennung der aktuellen geographischen Position erleichtert die Orientierung: Sich verlaufen ist damit praktisch ausgeschlossen. Selbst dann, wenn es querfeldein geht. Denn Walter Depprich liebt es, als besondere Leckerbissen „weglose“ Abschnitte in seine Touren einzubauen. Natürlich sofern das gefahrlos möglich ist und die Menschen, die er begleitet, sich darauf einlassen. Er erinnert sich noch, wie er anfing, den Wald hinter seinem Haus abseits der üblichen Wege mit Karte und Kompass zu durchstreifen: „Wenn ich genau da rausgekommen bin, wo ich geplant hatte, hat es richtig gekribbelt. Oder wenn ich unvorhergesehen durch ein Brennnesselfeld musste oder sich vor mir ein Weiher auftat, der nicht eingezeichnet war.“ Aus noch einem Grund hat er das Navigationsgerät immer dabei: Im Fall der Fälle kann er damit einen Notruf absetzen samt genauer Koordinaten, wo er sich gerade befindet. „Beim Klettern habe ich einmal die Bergrettung gebraucht“, erzählt der 71-Jährige. Er hatte unten am Seil gesichert, die Kletterpartnerin war vorgestiegen. „Und dann ist gleich am Anfang ein Stein herausgebrochen: Sie fiel und blieb vor meinen Füßen liegen. Ein Knöchel war verletzt und wir brauchten einen Helikopter, der sie ins Krankenhaus brachte.“

Je schwerer die Tour, desto weniger Leute: Zwischen fünf und fünfzehn Teilnehmer haben die Gruppen, die die Bergführer vom Alpenverein begleiten. Walter Depprich kann von unterschiedlichen Typen berichten: „Die Ehrgeizigen sind schon am Parkplatz nicht mehr zu halten. Die rennen los wie Jungvieh, das zum ersten Mal auf die Weide gelassen wird. Und ich will sie ja auch nicht einbremsen. Wir machen einen Treffpunkt an einem markanten Punkt aus, dort sollen sie dann auf die Gruppe warten. Und daran halten sie sich auch.“
Depprich verteilt die Tourenbeschreibung und fragt, wer den Weg ausfindig machen will. „Es ist immer jemand dabei, der das gern macht. Leute, die engagiert mitgehen und nicht hinterherdackeln wollen. Ich schaue auf die Sicherheit und darauf, dass wir uns nicht verlaufen. Aber so kann ich mich um die anderen Teilnehmer kümmern, mal mit dem einen reden, mal mit der anderen. Beim Wandern kommt man sich ungezwungen nahe, da sind die Menschen offener. So bildet sich ganz natürlich Gemeinschaft.“ Beim Gehen beachtet er besonders, wenn einer dem anderen hilft. „Oder wenn sich zwei ganz verschiedene Typen unterhalten. Dann spreche ich sie nachher an und sage, dass ich das toll finde.“ Es gibt die Typen, die immer hinten bleiben. Auch die hat er im Blick. „Manche sind einfach nicht so schnell. Andere wollen ein bisschen für sich sein, Abstand zur Gruppe haben. Ich frage auch nicht: ‚Gehen wir zu zügig?’ Es könnte ihnen peinlich sein oder sie unter Druck setzen. Ich gehe einfach langsamer. Auch wenn ich nicht vorausgehe, das Tempo bestimme trotzdem ich.“ Um die Unsicheren braucht er sich keine Gedanken zu machen, solange der Weg leicht ist. „Aber wenn das Gelände kritisch wird, hole ich sie zu mir, lasse siedirekt hinter mir gehen. Das gibt ihnen Sicherheit.“

Eine Schneeschuhtour im Winter verlief über einen Grat. Rechts und links ging es bergab. „Die Frau hinter mir sagte plötzlich: ‚Walter, mir geht’s nicht gut. Ich hab Angst!’ Da hab ich den anderen zugerufen: ‚Wir kehren um, die Situation wird unsicher, wir riskieren nichts. Wir schauen, dass wir wieder alle gesund runterkommen.’ Da hat auch keiner gemuckst.“
Der Bergführer aus Ungerhausen bei Memmingen ist nicht nur in den Alpen zu Hause. Er begleitet auch Wandertouren in Italien: Amalfi-Küste, Sardinien, Toskana. Wenn die Teilnehmer von der Kraft, der Technik oder der Kondition her überfordert sind, ist das immer auch ein Sicherheitsrisiko. Daher informiert er sie schon bei der Tourenausschreibung über Schwierigkeitsgrad, Streckenlänge und anspruchsvolle Passagen. Er wagt sich auch in Gegenden vor, die er selbst noch nicht bereist hat. „Vor zwei Jahren habe ich eine Wanderwoche auf Sardinien geplant. Ich hatte Tourenvorschläge angefordert, aber die Beschreibungen waren sehr dürftig“, berichtet der Unterallgäuer. Über Tourenportale im Internet recherchierte er Details, veränderte den Streckenverlauf, verglich und ergänzte, bis er alle nötigen Informationen zusammen hatte. „Wenn ich dann die Beschreibung habe, lerne ich die so auswendig wie ein Gedicht.“ Trotzdem kommt sie sicherheitshalber auch auf sein Navi.

Zum Bergsport ist Walter Depprich erst recht spät gekommen. „Früher habe ich im Dorf Fußball gespielt. Ich war sogar Verbandsschiedsrichter. Fußballist zwar auch ein Mannschaftssport, aber letztlich immer ein Wettkampf. Dann das viele Geschrei am Sonntag auf dem Sportplatz! Irgendwann habe ich gespürt: Das ist jetzt nicht mehr meins.“ Walter und seine Frau Marianne haben sechs Kinder und mittlerweile viele Enkel. Nach und nach entdeckten sie das Wandern für sich. „Mit 40 habe ich mein erstes Bergbuch bekommen und mich an die ersten Touren gewagt.“ Sie waren nicht nur ein guter Ausgleich zur Arbeit, sie taten auch seiner Gesundheit gut. „Ich war beruflich sehr angespannt. Mein Bruder hatte eine Schreinerei mit hundert Beschäftigten. Ich hab mich um die Organisation gekümmert. Das war wahnsinnig stressig, die Augen haben zu zittern angefangen und ich bekam Rückenbeschwerden.“ In den Bergen befand er sich in einer anderen Welt: „Du konzentrierst dich auf den Weg, auf die Natur. Mit jedem Schritt höher geht es leichter, weil die Sorgen und der ‚Schmutz’ des Alltags unten bleiben.“ So ging er immer öfter in die Berge. Nach und nach ging es ihm besser. „Mit 53 kam ich in eine Midlife-Crisis und wollte nochmal was ganz Neues anfangen.“ Das Arbeitsamt machte ihm jedoch wenig Hoffnung. „Da habe ich gedacht, dass ich im Deutschen Alpenverein eine Bergführerausbildung mache.“ Aber auch der winkte ab: Er sei relativ alt; für den Verein rentiere sich die Investition nicht mehr. Walter Depprich fand dann doch eine Möglichkeit: über einen anderen Verein, der bescheinigte, Walter Depprich als qualifizierten Bergführer brauchen zu können. „Allerdings musste ich die zweijährige Ausbildung selbst zahlen. Aber ich wollte das unbedingt!“
So genau er selbst die Exkursionen auch plant, nicht immer ist Walter Depprich mit dem Ergebnis zufrieden: „Es kommt vor, das ich denke, die Strecke kenne ich gut, weil ich die Tour schon gemacht habe.“ Aber dann stellt sich heraus, dass er schwierige Passagen einfach vergessen hatte, seine Mitstreiter also nicht darauf vorbereitet hat. „Dann stehe ich auch dazu und sage, ich habe da einen Fehler gemacht. So lerne ich auch daraus. Das ist für mich ein Anspruch: dass ich immer wieder etwas dazulerne. Ich lerne auch von denFehlern anderer: Wenn ich lese, jemand ist abgestürzt, passe ich genau auf, welche Fehler da passiert sind.“

In den Bergen, sagt Walter Depprich, lernt man fürs Leben. „Du lernst, dir Ziele zu setzen, sie zu verfolgen. Manchmal kostet das viel Kraft und Energie. Du lernst, Verantwortung zu übernehmen, für dich selbst und für andere. Und wenn du alt werden willst, musst du in den Bergen verzichten lernen.“ Heißt: Den Gipfel oder die vereinbarte Strecke aufgeben, wenn die eigenen Kräfte nachlassen oder das Wetter umschlägt. Denn dann kann es gefährlich werden. „Im Winter bei einer Schi- oder Schneeschuhtour komme ich manchmal an eine Stelle, die in mir ein ungutes Gefühl erzeugt, obwohl der Lawinenlagebericht sicher war. Auch hier ist Verzichten angesagt“, sagt er: „Du musst umkehren oder einen andern Weg wählen. – Berge haben etwas Spielerisches, aber auch ihr Ernsthaftes. Deswegen faszinieren sie mich.“

Einigen Bekannten hat Walter Depprich einmal angeboten, sie auf einen leichten Klettersteig mitzunehmen. Bis auf eine Person waren sie noch nie geklettert. Sie ließen sich darauf ein und er bereitete sie gut vor: brachte die Ausrüstung mit, zeigte, wie man Gurte anlegt und das Seil benutzt, und übte mit ihnen im leichten Gelände das Abseilen. „Wir haben uns Zeit gelassen am Klettersteig; ich habe mich in der Mitte der Gruppe aufgehalten und alle im Auge gehabt.“ So kamen sie gut oben an. „Jeder freute sich, dass er es geschafft hatte! Wir haben Brotzeit gemacht und die Aussicht genossen.“ Walter Depprich befestigte das Seil am Gipfelkreuz. So sollte es 40 Meter einen Abgrund gerade hinuntergehen. Das verlangte Mut, Überwindung, Vertrauen! „Mit dem, der Klettererfahrung hatte, habe ich abgesprochen, dass er aufpasst, dass jeder die Gurte richtig anlegt und ins Seil einklinkt. Ich habe mich zuerst abgeseilt und von unten gesichert.“ So kam einer nach dem anderen herunter. „Das war ein wahnsinniges Erlebnis für die Leute: Sie hatten ein Strahlen im Gesicht, dass sie so etwas geschafft hatten!“ Eine Person vertraute ihm nachher an, dass ihr Ehepartner vor drei Jahren gestorben war und sie das seither blockiert hatte: „‚Ständig ist das präsent; ich traue mich nichts Neues mehr anzufangen’, sagte sie. ‚Ich glaube, das hat sich jetzt gelöst!’ Und später versicherte sie mir, dass die Blockade verschwunden war. Sie war befreit und wieder offen.“

Walter Depprich wünscht sich, dass bei den Teilnehmern die Lebensfreude gestärkt wird. Daher ist für ihn ein Zeichen für eine gelungene Tour, wenn viel gelacht wird. „Durchs Lachen bekommt man für den Alltag wieder Schwung. Das Gemeinschaftserlebnis gibt neues Vertrauen, mit schwierigen  Arbeitskollegen umgehen zu können, oder neue Kraft in der Partnerschaft.“ Bei einer Schneeschuhtour kam seine Gruppe an einen Hang mit einem gemütlichen und einem steilen Teil, der erst weiter unten flach auslief. „Ich habe vorgeschlagen, dass wir das steile Stück alle mit den Schneeschuhen hinunterrennen, bin los und hab das vorgemacht. Es dauerte nicht lange, da hat es mich überschlagen. Der Schnee war so tief, dass nichts passieren konnte. Einer nach dem anderen ist gefolgt, hat sich überschlagen und dann wieder aufgerappelt. Das war witzig und hat ein riesiges Gelächter gegeben!“

Am Ende so mancher Tour sind alle ausgepowert, aber glücklich, eine Herausforderung geschafft zu haben. Zum Abschluss kommt die Truppe nochmal zusammen. „Dann sage ich als Erstes: ‚Danke, dass nichts passiert ist!’ Im Stillen denke ich mir dabei noch: ‚Danke, lieber Gott!’ Und wenn sich die Leute bei mir bedanken für die schöne Tour, dann sage ich: Mein Beitrag war nur die eine Hälfte. Die andere Hälfte, das war die Gruppe, das war euer Anteil, weil ihr so gut mitgemacht und zusammengehalten habt!
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2019)
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