Europa: Wenn Vertrautheit wächst…

Von Portugal bis Russland, von Griechenland bis Island: Fast ganz Europa vertraten die insgesamt über 2 600 Menschen, die im Juli und August in den Dolomiten zusammenkamen.

Ihre Ferien bestanden aus Vorträgen, geistlichen Impulsen, Gesprächsgruppen, Workshops, Ausflügen und Spielen. Dabei konnten sie sich kennenlernen und ausloten, wie ein Leben miteinander bei aller Verschiedenheit an Alter und Konfession, Sprache und Mentalität aussehen kann.

Fotos: (c) European Mariapolis

Das Auto, in dem ich hatte mitfahren können, lud mich in Tonadico ab. Derkleine Ort gehört zur Gemeinde „Premiero San Martino di Castrozza“ in den Dolomiten. In einem historischen Gebäude war ein „Info-Point“ für die europaweite Zusammenkunft eingerichtet. Hier erfuhr ich, wo ich für die bevorstehende Woche untergebracht war: auf einer Almhütte sechs Kilometer entfernt und 500 Höhenmeter weiter oben. Dort mit meinem Gepäck hinzukommen, sei aber kein Problem, beruhigte mich der Herr vom Info-Point. Zwei Minuten später stellte er mir ein junges Paar aus Slowenien vor, das gerade auch eine Almhütte zugewiesen bekommen hatte und bereit war, einen Wildfremden wie mich dorthin mitzunehmen. Mit ein paar Brocken Englisch, Italienisch und Deutsch lernten wir uns unterwegs etwas näher kennen.

650 Personen in unserer Woche, danach sollte es noch drei weitere Wochen mit ebenso vielen Teilnehmern geben. 350 hatten in einem großen Hotel in San Martino di Castrozza Quartier bezogen. Ein fest installiertes Zelt davor bot Platz für alle 650 Leute. Dort fanden gemeinsame Programmpunkte statt: Gottesdienste zum Beispiel, Konzerte oder die Tagesmottos, angelehnt an die Spiritualität der Fokolar-Bewegung, die in kurzen Video-Clips vorgestellt wurden: „Heute lebe ich für dich.“ – „Auf das Schmerzhafte achten.“ – „Das suchen, was vereint.“ An jedem Tag erzählten einige Teilnehmer von der Bühne, wie sie zu Hause versucht hatten, sich in ihrem Alltag an ähnlichen Mottos zu orientieren. Eine Tschechin schilderte, wie sie zur Zeit der kommunistischen Regierung offen als Christin gelebt und daraufhin trotz guter Leistungen schlechte Schulnoten bekommen hatte und nicht ihren gewünschten Beruf ergreifen konnte. Ein slowenisches Ehepaar berichtete, dass eines ihrer vier Kinder von einem Auto angefahren und verletzt wurde. Bei ihren Bekannten ernteten sie Unverständnis, dass sie darauf verzichteten, den Fahrer anzuzeigen. Der besuchte das Kind im Krankenhaus, entschuldigte sich bei der Familie und zeigte sich aus Dankbarkeit über ihr Verhalten sehr großzügig. Es entwickelte sich eine Freundschaft mit ihm. – Die persönlichen Zeugnisse von Menschen, die sich von Gott getragen gefühlt oder an ihm gezweifelt hatten, trugen bei, sich über die nationalen Grenzen hinweg kennenzulernen. Auch Wanderungen, Mahlzeiten und Gesprächsgruppen boten Gelegenheiten, Leute anzusprechen, sich voneinander zu erzählen.
Europa präsentiert sich derzeit gespalten. Vorurteile zwischen Ost und West leben wieder auf, Spannungen zwischen Nord und Süd nehmen zu. Auch in der Fokolar-Bewegung spiegelte sich in den letzten Jahren diese Entwicklung wider, trotz des gemeinsamen Ziels, für eine stärkere Einheit unter den Völkern zu leben: Gegensätzliche politische Überzeugungen, unterschiedliche Vorstellungen von christlichen Werten und Glaubensvollzügen führten zu Zerreißproben unter den Nationen, aber auch innerhalb einzelner Länder. Was dagegen unternehmen? Ein Leben miteinander unter mehreren Nationalitäten, wenn auch nur für kurze Zeit, ein Besinnen auf die gemeinsamen spirituellen Wurzeln könnte bewirken, die Verschiedenheit weniger als beängstigend und wieder mehr als Bereicherung zu erleben, so die Hoffnung. In vielen Ländern finden „Mariapolis“, die Sommertreffen der Fokolar-Bewegung statt. Warum nicht eine „Europäische Mariapoli“ organisieren? Vor über zwei Jahren entstand diese Idee und bald darauf begannen die ersten Vorbereitungen. Der Titel „Aim high! – Ziel hoch hinaus!“ spielt auf die Gipfel der Dolomiten wie auch auf das Niveau der Beziehungen untereinander und in Europa an.
Dudelsack spielen lernen, gemeinsame Spiele für Groß und Klein, Folklore-Tänze, eine Führung „Auf den Spuren von Chiara Lubich“ in Tonadico, Basteln mit Strohhalmen, „Unglaubliche Experimente der Physik“, „Ein Rosenkranz für Katholiken und Protestanten“: Viele Anwesende brachten ihre Ideen und Interessen ein und boten nachmittags Workshops an. Für Themen, die ursprünglich nur für eine Sprachgruppe vorgesehen waren, interessierten sich unerwartet auch Personen anderer Nationalitäten, sodass Improvisationstalent gefragt war.  

Neben Hotels und Herbergen gab es Selbstversorgerhäuser, einfache Unterkünfte, die günstig waren, aber auch außerhalb lagen. Eine Gruppe aus Bulgarien, die dort untergebracht war, fühlte sich wegen der schlechten Busverbindung ausgegrenzt. Als Teilnehmer anderer Nationalitäten ihre Enttäuschung bemerkten, stellten sie den Bulgaren ihre Autos zur Verfügung oder organisierten Fahrdienste für sie. Und sagten anschließend, sie selbst seien die Beschenkten gewesen: dank der persönlichen Begegnung und tiefer Gespräche, die sich auf den Fahrten ergaben.

Die Vertrautheit wuchs; Zugewandtheit und Offenheit füreinander steckten an. Ukrainer und Russen, deren Staaten sich seit 2014 in der Ostukraine bekämpfen, gingen miteinander Kaffee trinken. Ein Ehepaar gestand: „Wir wollten uns trennen. Die Tage hier hätten unsere letzten miteinander sein können. Aber jetzt wollen wir die Entscheidung nochmal überdenken.“ Und eine Dame bekannte: „Ich verstehe mich eigentlich als Atheistin, aber in diesen Tagen verspüre ich eine besondere Freude. Vielleicht hat die was mit Jesus zu tun.”
Beim Programm im Zelt erinnerte ein Video mit Originalaufnahmen an die Mariapoli 1959. Vor sechzig Jahren waren am selben Ort über mehrere Wochen verteilt mehr als 10 000 Menschen aus zahlreichen Ländern zusammengekommen. Volksgruppen trafen aufeinander, die sich wenige Jahre zuvor im Zweiten Weltkrieg noch feindselig gegenübergestanden hatten. So kurze Zeit danach fehlte es an vielem: Es gab nicht genug Betten und Teller für alle. Aber die Bereitschaft war riesig, einer für den anderen einzustehen, miteinander zu teilen, zugunsten anderer zu verzichten. Das Erlebnis der im Kleinen vereinten Menschheitsfamilie, des einen Volkes Gottes aus vielen Nationalitäten ließ Chiara Lubich von einer geeinten Welt träumen: „Wenn eines Tages alle Völker lernten, sich und ihre Idee von Heimat hintanzustellen zugunsten der gegenseitigen Liebe unter den Staaten, wäre das der Beginn einer neuen Ära.“ Einige italienische Abgeordnete, die damals dabei waren, begannen zu überlegen, wie sie die Nächstenliebe in der Politik umsetzen könnten. Sie versprachen, die Heimat und die Partei der anderen wie die eigene wertzuschätzen.

Auch heute stellen sich Politiker hinter dieses Versprechen: Abgeordnete und Diplomaten mehrerer Länder hatten entsprechende Videobotschaften zur Europäischen Mariapoli geschickt. Ihr Zeugnis regte viele Teilnehmer zum Abschluss an, sich vorzunehmen, mit der gleichen Offenheit und Verfügbarkeit mit den Menschen in ihrer Umgebung umzugehen.
„Leider macht meine Heimat, das Vereinigte Königreich, gerade keinen sehr vereinten Eindruck“, bedauerte ein Herr aus Großbritannien öffentlich. „Die Landschaft der Dolomiten hier ist fantastisch! Aber noch fantastischer war, dass wir uns zum Teil ohne Worte verstanden haben, in der Sprache der Liebe, des Mitgefühls, der Großzügigkeit, der Freundschaft. Schade, dass nicht noch mehr meiner Landsleute das miterleben konnten!“
Wilhelm Rauscher aus Freiburg war schon 1959 als 17-Jähriger in Tonadico  dabei gewesen. „Für mich war es wie eine Rückkehr zu den Quellen. Diese Art von Geschwisterlichkeit spielt sich nicht nur auf einer spirituellen Ebene ab. Das wäre für mich zu eng. Daher war ich froh, dass auch die politische Dimension einbezogen ist. Man könnte ja resignieren, verzweifeln! Aber in dieser Atmosphäre wird auch der Glaube an politische Effekte wieder stärker.”
Clemens Behr

Mariapoli
Ende 1943 begann Chiara Lubich in Trient mit Freundinnen ihren Alltag am Wort Gottes auszurichten, im Dienst aneinander und an jedem Nächsten. Immer mehr Menschen schlossen sich ihnen an: Die Fokolar-Bewegung entstand. Den Sommer 1949 verlebten sie in Tonadico in den Dolomiten. Ganz ausgerichtet auf Gott und die Gemeinschaft untereinander verstand Lubich viele Aspekte des christlichen Glaubens völlig neu: Monate großen Lichts und tiefer Freude, die sie „ Paradies 49“ nannte. In den Jahren danach kamen immer mehr Leute mit in die Dolomiten. Sie gaben dem Zusammenleben auf Zeit den Namen „ Mariapoli“, Stadt Mariens, und sahen darin ein Modell für die Gesellschaft. 1959 nahmen über 10 000 Personen aus aller Welt teil. In der Folge verbreiteten sich die Sommertreffen der Fokolar-Bewegung in vielen Ländern.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2019)
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