Kennen wir uns?

Ein halbes Jahr lang habe ich in einer Wohngemeinschaft mit einem 90-jährigen Herrn mit fortgeschrittener Demenz gelebt.

Erst im hohen Alter hatte ich ihn kennengelernt. Was mag er für ein Typ gewesen sein? Wie bewegte und verhielt er sich? Konnte er sich gut ausdrücken? Wenn er uns etwas mitteilen wollte, ergaben seine Worte keinen Sinn; die Sätze passten nicht zusammen. Namen, Orts- und Zeitangaben fehlten: Wir wussten nicht, von wem er spricht und ob es sich gestern oder in seiner Jugend zugetragen hatte. Uns war klar: Es kommt nicht auf die Inhalte an, sondern darauf, wie wir in diesen Momenten mit ihm umgehen: ob wir uns ganz auf ihn einstellen oder auf vermeintlich Wichtigeres ausweichen – ob er sich von uns angenommen oder aber übergangen fühlt. Vom Verstand her war das klar, aber in der Umsetzung erforderte es viel Geduld, Ausdauer und immer neue Übung. Es gab Momente, in denen er völlig verloren schien und auch wir mit ihm nichts anzufangen wussten. In anderen drückten ihn Ängste nieder, über deren Gründe wir nur spekulieren konnten. Oder in denen ihn etwas zu Tränen rührte, das uns verborgen blieb. Dann aber gab es auch Stunden, in denen ein spitzbübischer Humor und schauspielerisches Talent durchblitzten, dass es nur so eine Freude war: also doch eine einzigartige Persönlichkeit!

Cover NEUE STADT Sept/Okt. 2019 – Foto: (c) ivanastar (iStock)

Es muss gar nichts mit Demenz zu tun haben: Manchmal kommen mir auch sehr vertraute Menschen ganz plötzlich fremd vor. Ganz anders, als ich sie bisher zu kennen glaubte. Haben sie sich im Laufe der Zeit verändert? War ich zuvor einer Illusion erlegen? Hatte ich in ihnen nur gesehen, was ich sehen wollte? Zuweilen erkenne ich mich selbst nicht wieder: So blöd, wie ich mich verhalten habe! Wie konnte ich nur dieses nicht mitbekommen oder jenen Fehler machen? Dann bin ich mir selbst ein Rätsel. Diese Erfahrung müsste mich eigentlich demütig machen und verständnisvoll. Denn wenn der Mensch schon sich selbst ein Geheimnis ist, wie viel mehr dürfen es dann seine Mitmenschen für ihn sein! Aber die Gefahr ist groß, dass ich andere mit ihrer Andersartigkeit eher abkanzle, wegen der Fremdheit mit ihnen möglichst wenig zu tun haben möchte, mich von ihnen zurückziehe. Damit raube ich mir die Chance, eingefahrene Gleise zu verlassen und neue Horizonte kennenzulernen. Nicht so, wenn ich mir Neugier auf den anderen und Unvoreingenommenheit bewahre.

So wünsche ich mir und Ihnen die Wachheit und den Entdeckergeist eines Detektivs: um den Menschen um uns herum nachzugehen in dem, was sie bewegt und was sie verändert – auf der Spur der Persönlichkeit, die sie und die wir selbst wirklich sind.
Herzlichst, Ihr

Clemens Behr

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2019)
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