Wie ein Schilfrohr im Wind

Validation nach Naomi Feil

1960er-Jahren war es üblich, an Demenz erkrankte Personen wieder an „ die Realität“ heranzuführen. Sie sollten wieder „funktionieren“. Die in einem Altenheim in den USA beschäftigte Gruppentherapeutin Naomi Feil erkannte, dass sich die Personen dadurch jedoch eher zurückzogen oder feindselig verhielten. Sie begann daher, deren Realität, Verhalten und Gefühle zu akzeptieren und nicht zu beurteilen. Diese für gültig zu erklären und zu bestätigen, bedeutet validieren. Feil entwickelte eine Theorie, um das Verhalten desorientierter Menschen besser zu verstehen, und eine Technik, die ihnen hilft, ihre Würde wiederzugewinnen.
Validation ist zugleich eine Haltung. Sätze wie: „Nehmen Sie sich doch zusammen! Sie schaffen das!“ setzen verwirrte Menschen unter Druck und bewirken das Gegenteil. In der Zeit mit ihnen bin ich voll und ganz für sie da. Das spüren sie. Ich stelle mich nicht über sie, bemitleide sie aber auch nicht. Ich nehme sie, wie sie sind. Sie fühlen sich angenommen, ernst genommen, verstanden. Dann können wir ins Gespräch kommen, Vertrauen aufbauen.
An einem Angehörigenabend nahm eine Tochter mit ihrer verwirrten Mutter teil: Die Tochter war darüber verzweifelt, dass ihre Mutter sie Mama nennt. Ich habe der Tochter vorgeschlagen: „Fragen Sie sie doch: ‚Was ist dir denn das Liebste an deiner Mama?’“ Sofort antwortete die Mutter, obwohl ich sie nicht direkt angesprochen hatte: „Dass sie so schön gesungen hat!“ Das zeigt, welche unerwarteten Fähigkeiten noch vorhanden sind. Selbst wenn Menschen in mehreren Welten leben, nehmen sie ihre Umgebung wahr, nehmen Anteil und haben ein Empfinden. Desorientierte Menschen wandern in Zeit und Raum hin und her. Anscheinend hatte die alte Dame das Bedürfnis, bei ihrer Mutter zu sein. Wenn die Tochter antworten würde: „Du bist 90! Wie kannst du mich für deine Mama halten?“, würde sie sich verloren fühlen.
Ich gehe mit wie ein Schilfrohr im Wind. Ist die Person angespannt, erbost, grantig? Dann werde ich nicht locker und lustig sein, sondern mit ernster Stimme sagen: „Sie finden etwas nicht in Ordnung. Was ist es, was Sie stört?“ Die alte Person wird es mir sagen, dann können wir weiterreden. So kann ich jedes Gefühl begleiten, sei es positiv oder negativ. Hier kann die Musik uns gut weiterhelfen, denn es gibt zu jeder Gefühlslage ein passendes Lied. Beginne ich eines zu singen, stimmen sie oft ein. Desorientierte Menschen können früh Gelerntes oft selbst dann noch abrufen, wenn sie die Sprache fast verloren haben.
Ich arbeite regelmäßig mit Validationsgruppen, fünf oder sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Vorher lade ich sie einzeln dazu ein, schlage eine auf sie zugeschnittene Aufgabe vor und frage, ob sie die übernehmen möchten: die Gruppe begrüßen, Kekse und Getränke verteilen, Lieder anstimmen, vorlesen, Bewegungen anleiten. Im Schutz der wöchentlichen Gruppe blühen sie auf und bekommen Selbstsicherheit. Ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl wächst; dadurch wird vieles möglich. Mich erstaunt immer wieder, wie sich die Kommunikation entwickelt; die Würde, die sie aus der Mitverantwortung ziehen. Das Schönste ist, wenn sie mich mitten im Gespräch fragen: „Was sagen Sie denn dazu?“ Dann weiß ich, wir sind auf einer Ebene.

Foto: privat

Kathrin Fellhofer
(57) aus Maria Enzersdorf bei Wien arbeitet seit 2003 mit desorientierten Menschen im hohen Lebensalter. Leitbild im Umgang mit ihnen ist für die diplomierte Krankenschwester die Validation nach Feil – als Methode wie auch als innere Haltung.

www.fellhofer-validation.at



(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2019)
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