„Ateliers Solidaires“

Fabienne Julen Simonet liebt kreatives Gestalten. Dass aus ihrem Hobby ein vielfältiges, gemeinnütziges Netzwerk wird, hätte sie sich nie träumen lassen.

Alle Fotos: privat

Mit 20 Kilo geschenkten Quitten steht Fabienne Julen Simonet in ihrer Küche. Manchmal wachsen die vielfältigen Auswirkungen der von ihr initiierten „Ateliers solidaires“ sogar ihr über den Kopf. Doch so schnell lässt sich die in der Umgebung von Genf lebende Walliserin nicht unterkriegen. Schließlich bekam sie im Laufe des Jahres jede Menge Marmeladengläser geschenkt, und wozu gibt es ein Netzwerk, wenn nicht, um dort Hilfe zu suchen? So findet sie bald eine Mitstreiterin, mit der sie die Quitten verarbeiten und für den späteren Verkauf zugunsten eines sozialen Projektes bereiten kann. „Das war eine wunderbare Gelegenheit, uns besser kennenzulernen“, sagt Fabienne Julen Simonet. „Und zu zweit geht diese etwas eintönige Arbeit viel besser von der Hand!“
Vor drei Jahren gab Fabienne ihre Arbeit als Ergotherapeutin auf, um mit ihrem frisch pensionierten Mann mehr Zeit in ihrem Häuschen in der Provence zu verbringen und sich vermehrt sozial zu engagieren. Sie meldete sich dazu bei einer Zeitbörse an. Dort bieten Menschen freiwillig Talente und Arbeitskraft an und beziehen dafür im gleichen Zeitumfang gratis die Dienste anderer. Fabienne gab Kochrezepte weiter oder bot kreative Ateliers an, im Gegenzug besuchte sie – französischer Muttersprache – Deutsch- und Englisch-Konversation oder ließ sich an den Flughafen fahren.
„Damals ließ mich die Aufforderung von Papst Franziskus, an die Ränder zu gehen, nicht los“, erzählt sie. „In der Fokolar-Bewegung, wo ich engagiert bin, fragten wir uns zudem, wie wir uns besser mit den Menschen an unserem Ort vernetzen könnten, um dieses ‚nach draußen gehen’ zu verwirklichen.“ Es war jedoch nicht einfach: Die einen waren schon älter und hatten nicht mehr viele Kräfte, die jüngeren beruflich oder familiär bereits total ausgelastet.

Während Fabienne für ihre Freundin Francine Kandarouff ein Info-Bulletin über deren Indien-Hilfswerk „Asskam“ schrieb, dachte sie: Warum nicht einige der Kreationen aus den Ateliers für Asskam verkaufen? Denn Fabienne war berührt von dem, was Asskam leistet. Das Hilfswerk unterstützt Projekte für Kinder von Prostituierten. Francine verbringt jedes Jahr einige Zeit in Indien, um die Arbeit zu begleiten.
Die Idee wurde in den Ateliers begeistert aufgenommen und die Verkaufsaktion zur Gelegenheit, mit allen, die mitgearbeitet hatten, rund um ein indisches Buffet zusammen zu kommen und um kleine Weihnachtsgeschenke zu erstehen. Eine Equipe half beim Kochen, Aufstellen von Tischen und Bänken und beim Verkauf: Das Ganze fand Mitte November 2016 bei Fabienne statt. Ihr Haus im französischen Dorf Châble – fünfzehn Autominuten von Genf entfernt – platzte aus allen Nähten: Rund vierzig Personen, Frauen, Männer und Kinder jeden Alters, genossen das Essen und die Gemeinschaft, kauften Lavendel-Kätzchen oder Notizblöcke aus selbst geschöpftem Papier. Francine Kandarouff war mit einer Projektmitarbeiterin zugegen und erzählte, wofür das verdiente Geld eingesetzt wird.
Eine Freundin nahm Fabienne beiseite und sagte: „Ich verwalte den Mehrzweckraum, der von der Kirche wie auch der Gemeinde genutzt wird. Ich geb dir einen zweiten Schlüssel. So kannst du hier Ateliers geben, die Leute aus dem Quartier einladen und auch den nächsten großen Verkauf durchführen!“ Und weil sie fand, dass damit auch der soziale Zusammenhalt im Dort gefördert werde, sollte der Raum unentgeltlich zur Verfügung stehen.

Nicht nur das: Gemeinsam gingen die beiden Frauen zum Gemeindepfarrer und stellten ihm die Initiative vor. Er fand, sie entspreche genau den Zielen der Pfarrei, die nach Möglichkeiten suchte, die Menschen auch außerhalb des Gottesdienstes zu erreichen. So wurden die Ateliers im Pfarreibulletin und auf der Website der Kirchgemeinde beworben – ebenso mit Flyern in Läden, in der Bibliothek und durch die sozialen Netzwerke. „Zuerst nahmen vor allem Leute aus der Zeitbörse und meinem Freundeskreis an den Ateliers teil“, erzählt Fabienne. „Durch den neuen Saal, die Zusammenarbeit mit der Pfarrei und die breite Werbung kommen nun jedes Mal neue Interessierte, inzwischen auch aus den umliegenden Dörfern und sogar aus Genf“, freut sie sich. Und weil eine Teilnehmerin „diese ‚Ateliers solidaires’ super findet“, war auch der Name der Initiative gefunden.
Zutiefst beeindruckt war Fabienne Julen Simonet auch von einer Präsentation des UNO-Zieles „ZeroHunger“ – bis 2030 soll niemand auf der Welt mehr hungern müssen: Sie nahm den Ball sofort auf und verknüpfte auch diese Initiative mit ihren „Ateliers solidaires“: Daraus entstanden Infoabende zur Ökologie und gegen den Hunger. Seither ist auch „New Humanity“ (Neue Gesellschaft), eine NGO der Fokolar-Bewegung, die sich besonders für dieses UNO-Ziel engagiert, einer der Projekt-Träger.
Fabienne ist – wie man in der Schweiz sagt – „aufgestellt“, fröhlich, und voller Energie. Gab es keinen Tiefpunkt in der Geschichte der Ateliers? „Nein, es gab tatsächlich keine Krise bisher“, sagt sie nachdenklich. „Kreative Menschen um mich zu sammeln, ist mir zutiefst ein Bedürfnis. Es tut mir selber gut!“ Das hat seinen Grund. Fabienne ist mit einer ausgerenkten Hüfte zur Welt gekommen. Das hat während ihrer Kindheit ausgedehnte Krankenhausaufenthalte und lange Rehabilitationszeiten mit sich gebracht. Noch heute hat sie manchmal Mühe beim Wandern oder Sport treiben. „So habe ich mich für das interessiert, was mir möglich war: kreativ sein in allen Formen“, erklärt sie. Ihre Eltern richteten ihr, dem Einzelkind, ein extra Zimmer ein, wo sie nach Herzenslust basteln konnte. Hier verbrachte sie viel Zeit und vergaß ihre Hüftprobleme.

„‚Ateliers solidaires’ ist mit den Ideen und der Tatkraft aller Beteiligten immer mehr gewachsen“, erzählt Fabienne. „Nicht alles, was wir herstellen, können wir verkaufen. So begannen wir, ein kleines Kursgeld zu verlangen, das wir für ein soziales Projekt einsetzen.“ Da die Kursleitung ehrenamtlich, der Raum gratis und das Material zumeist auch geschenkt ist, kann das Eintrittsgeld in der Regel voll und ganz weitergegeben werden. Nebst Asskam unterstützen die „Ateliers solidaires“ das regionale Hilfswerk Alfaa („im Kampf gegen den Hunger“) oder die Flüchtlingshilfe in Jordanien. „Mir ist es sehr wichtig, dass ich Menschen kenne, die sich in diesen Hilfswerken engagieren. Susanne Stehli, früher hier in Genf wohnhaft, lebte einige Jahre in Jordanien und brachte uns bei einem Heimatbesuch die dortige Flüchtlingshilfe der Fokolar-Bewegung näher. So gibt immer zu Beginn eines Ateliers jemand vom entsprechenden Hilfswerk einen Input, in dem das Projekt vorgestellt wird.“
Dass aus ihrer Freizeitbeschäftigung innerhalb von drei Jahren ein weitreichendes Netzwerk entstehen würde, in dem nicht nur Kreatives, sondern auch Musik, Kunst, Ökologie und Solidarität Themen sind, wo Pfarrei, Fokolar-Bewegung vor Ort, soziale Institutionen, interessierte Menschen der Gemeinde und verschiedene Hilfswerke zusammenarbeiten, das hätte sich Fabienne nicht träumen lassen. „Wir achten sorgfältig auf einsame, kranke und alte Menschen. Es entstanden Fahrgemeinschaften, um jene abzuholen, die nicht selber ans Atelier kommen konnten“, erzählt Fabienne. Daraus ergaben sich Beziehungen, die weit über die Ateliers hinaus Gemeinschaft aufbauen. „Gestern hat mein Nachbar mir seine Zwetschgen angeboten: Wir könnten sie zu Marmelade für den nächsten Verkauf verarbeiten. Beim Zusammenlesen der Früchte war ich lange in seinem Garten und er hat mir seine ganze Lebensgeschichte erzählt. Glücklich, dass auch er etwas beitragen konnte, hat er mich mit drei großen Schachteln Zwetschgen wieder verabschiedet!“

Hat Fabienne Julen Simonet nicht irgendwann das gemütliche Zusammensein mit ihrem Mann im Ferienhäuschen vermisst? „Nein, ich war oft in der Provence“, lacht sie. Sie hatte sich vorgenommen, im Jahr 2019 das organisch gewachsene Projekt zu ordnen und auf solide Beine zu stellen. „Diese Arbeit konnte ich auch von dort leisten: eine Website kreieren, Flyer-Vorlagen gestalten, Adressdateien erstellen, personalisierte Einladungen zu den Ateliers verschicken, ein Info-Bulletin zum Projekt schreiben, allen danke sagen, die Finanzen transparent abrechnen…“ Außerdem nahm sich Fabienne viel Zeit, um Beziehungen mit Verantwortlichen von Institutionen wie der Zeitbörse oder den beteiligten Hilfswerken aufzubauen, um noch besser zusammenarbeiten zu können.
Nach einem Jahr mit diesem besonderen Einsatz kann sie sich nun etwas zurücklehnen. Denn auch die Ateliers leitet Fabienne meist nicht mehr selber. Immer öfter kommt jemand mit einem besonderen Talent und bietet an, einen Kurs zu leiten. Zum Beispiel ihr Gitarrenlehrer. An seinem „Atelier musical“ haben vierzig Personen teilgenommen, von zwei bis 90 Jahren. Die Kinder bekamen Rhythmusinstrumente, alle anderen sangen Lieder mithilfe eines eigens hergestellten Liederbüchleins.
Bald wollten Freundinnen, die weit weg wohnen, auch mithelfen. Daraus sind die „Ateliers off“ entstanden: mit Einzelpersonen, die wegen der großen Entfernung bei sich zu Hause arbeiten, oder Gruppen, die sich spontan bilden, um etwas besonders Kompliziertes herzustellen, das die Teilnehmenden der offenen Ateliers überfordern würde.
2019 haben insgesamt sechs „Ateliers solidaires“ mit jeweils zehn bis vierzig Personen stattgefunden. Sie sprechen vor allem Frauen an, die meisten im Seniorenalter, doch auch jüngere, die sich damit eine Familienauszeit gönnen. Pro Atelier wurden ungefähr 300 Euro für Projekte eingenommen. Fünf Personen haben das kreative Gestalten mit angeleitet.
Sich selbst versteht Fabienne Julen Simonet als Koordinatorin: „Im November stellen wir Adventsschmuck her. Da stelle ich dann als Einstieg unser Netzwerk und die beteiligten Institutionen vor, sowie alle, die konkret mitgeholfen haben: Die einen schenkten Bastelmaterial, andere haben Moos und Tannenzweige in der Natur gesammelt, einige führen vor, wie gestaltet wird, und schließlich präsentiere ich oder jemand vom entsprechenden Hilfswerk das Projekt, für welches das Kursgeld eingesetzt wird. Zum Schluss sitzen wir immer noch bei einem kleinen Imbiss zusammen, um die Beziehungen unter uns zu stärken.»
Fabienne gibt dem Beitrag eines jeden seinen Wert. Und ganz nebenbei ist ihre Ortspfarrei lebendiger geworden, werden Notleidende unterstützt, helfen Menschen mit ihrer Kreativität, ihren Ideen und ihrem Einsatz mit, dass die Welt ein wenig besser wird – und erleben dabei Gemeinschaft und Freundschaft.

http://creations-solidaires.simplesite.com/
Beatrix Ledergerber-Baumer

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/ Dezember 2019)
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