Enttäuscht. Und dann?

Manchmal sind wir enttäuscht von Menschen, die uns nahestehen, für die wir verantwortlich oder die unsere Vorbilder sind. Die Ernüchterung kann so weit gehen, dass das Verhältnis stark abkühlt oder wir sogar gar nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen. Warum ist das so? Wie können wir mit den Enttäuschungen umgehen? Wie wieder an der Beziehung mit ihnen anknüpfen?

Clemens Metzmacher
Diplom-Psychologe und Supervisor, Dresden
„Ent-täuschungen“ können eine enge Beziehung verändern und müssen nicht ihr Ende bedeuten. Sie sind oft mit dem Gefühl einer Verletzung verbunden. Positiv gesehen könnte man sagen, eine Täuschung sei verschwunden. Hat der andere einen oder hat man sich im anderen getäuscht? Der Eindruck der Täuschung wertet das bisherige Erleben ab; man kann sich als Opfer sehen. Da erscheint es verständlich und sinnvoll, sich vom anderen zu distanzieren.
Hilfreich kann es sein, aus dem Opfererleben in die Selbstwirksamkeit zu kommen: den Blick vom anderen auf sich zu lenken, von der Frage „Welche Bedeutung hat es?“ zur Frage „Welche Bedeutung möchte ich ihm geben?“. Es empfiehlt sich, die eigenen Gefühle und Impulse als wertvolle Bedürfnisse ernst zu nehmen. Im Fall einer Enttäuschung sind das oftmals Autonomie-Bedürfnisse, die es neben der Verbundenheit mit der betreffenden Person auch gibt. Sie gilt es zu würdigen und zu schauen, wie und ob überhaupt die Neugestaltung der Beziehung gewünscht wird. Denn fest steht: Sie ist schon nicht mehr wie zuvor. Lohnen kann es daher, der Frage nachzugehen: „Angenommen, später schauen wir auf die jetzige Zeit zurück mit der Erfahrung, viel Wertvolles daraus gelernt zu haben: Was werden wir dann sagen?“

Jörg Schlüter
Ev. Pfarrer im Ruhestand, Vechta
Wie viele Gelähmte haben am Teich Bethesda gelegen und auf das Wunder gewartet, wieder gehen zu können! Nur einer wurde geheilt. Die anderen enttäuscht. – Jesus in Nazareth. Die Familie kommt zu ihm, will Begegnung, und er sagt: Wer ist meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester? Die den Willen meines Vaters tun. Enttäuschung in der Familie. – Die Begegnung mit dem reichen Jüngling. Verkauf alles, was du hast, gib es den Armen und folge mir nach. Tiefe Enttäuschung: Er geht, denn er hatte viele Güter. – Ja, es gab sie, Menschen, die von Jesus enttäuscht waren.
Könnte eine Enttäuschung letztlich etwas Positives sein? Sie beseitigt eine Täuschung, die sich in mir festgesetzt hatte: Du bist ganz anders, als ich gedacht habe.
Und vom Verhalten Jesu kann auch ich lernen: Auch ich kann nicht alle Erwartungen erfüllen, die an mich gestellt werden. Ich muss damit leben, dass Menschen von mir enttäuscht sind. Das heißt ja nicht, dass sie mir nichts bedeuten! – Aber mein Kompass sollte auf Jesus ausgerichtet sein, darauf, seinen Willen zu erahnen, zu spüren, zu wissen und zu tun. Ein unglaubliches Geschenk wäre es, wenn ich den Enttäuschten mit auf die Reise zum Willen Jesu nehmen könnte. Dann würden wir nicht bei uns und unseren Erwartungen hängen bleiben, uns neu füreinander öffnen.

Anita Berger
Mutter von drei Kindern (sechs-14 Jahre), Staufen (AG)
Mir passiert das immer wieder: Ich stelle mir vor, wie es werden soll, und dann kommt es anders. Das könnte ich als Herausforderung betrachten. Aber oft nehme ich es als Angriff, Verletzung, Enttäuschung wahr.
Ich bin enttäuscht, wenn meine Kinder denken, dass sie gewitzter sind als ich und dass ich es nicht merke. Wenn sie, statt sich zu stellen, den vermeintlich einfachen Weg wählen und dadurch mein Vertrauen aufs Spiel setzen. Müsste ich mich nicht fragen, was mein persönlicher Anteil daran ist und wie es dazu kam, dass der andere sich so verhält?
Bei Fremden weiß ich wenig über die Gedankenwelt oder Überzeugungen. Bei mir vertrauten Menschen jedoch kenne ich Charakter und Werte – und erwarte dementsprechend viel. Hier beginnt das Problem: ICH erwarte, was der andere wie zu tun hat. Da ist es nicht schwierig, enttäuscht zu werden.
Wenn ich mich dann zurückziehe, gehe ich der Lösung aus dem Weg. Nun ist es bei den eigenen Kindern schwierig, keine Beziehung zu pflegen. Aber es kann zu verhärteten Fronten kommen, zu Vorurteilen und Misstrauen. Besser ist, wenn ich das Gespräch suche – mit ehrlichen, offenen Fragen, ohne Vorwürfe – und zu verstehen suche. Verstehen heisst nicht, gut finden. Aber es hilft, die Enttäuschung zu überwinden und die Fäden im Beziehungsnetz neu zu knüpfen.

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/ Dezember 2019)
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