Wie einen Edelstein polieren

Jede Partnerschaft durchlebt Höhen und Tiefen, gute und schlechte Zeiten. Die unterschiedlichen Lebensphasen bringen Veränderungen mit sich und damit immer neue Herausforderungen für ein Paar. Wie sie zusammen bewältigen? Wie Durststrecken durchstehen? Wie die Liebe verlebendigen? Das jährliche Ehepaarseminar „ Zeit für uns zwei“(1) ist eine der Initiativen der Fokolar-Bewegung, die Paare dafür stärken will.

„Für alles gibt es Kurse: um besser kochen, putzen oder die Steuererklärung machen zu lernen. Aber wie du nach zwanzig Jahren deine Ehe auf einem guten Niveau halten kannst, dafür gibt es keine Fortbildung!“ Ein großes Manko, findet Hans-Peter Gürtler aus Dresden. „Viele Partnerschaften könnten gerettet werden, wenn sie mehr unterstützt würden. Manchmal reicht es nicht, sich immer wieder zusammenzusetzen. Manchmal braucht es Anstöße von außen.“ 2019 war er mit seiner Frau Claudia schon zum zweiten Mal bei „Zeit für uns zwei“. Beim ersten Mal vor bald zehn Jahren waren ihre vier Kinder zwischen sechs und 16 Jahre alt, die ganze Bandbreite von Kindergarten bis Pubertät. Das Paarseminar bot den beiden Zeit zum Durchatmen, aber auch zum Nachdenken: Wo stehen wir in unserer Beziehung? Sind wir zufrieden damit?
Claudia tat sich damals mit ihrer Schwiegermutter schwer, fühlte sich ständig angegriffen. Während der Tage war viel Raum für Paargespräche. So konnte sie in Ruhe mit ihrem Mann über ihr Verhältnis zu seiner Mutter reden. Zudem nutzte Claudia die Gelegenheit, den Rat eines Seelsorgers einzuholen, der während des Seminars zur Verfügung stand. Beides gab ihr Klarheit und den Mut, sich mit ihrer Schwiegermutter auszusprechen. „Für mich ein bewegender Moment! Wir konnten uns danach besser so annehmen, wie wir sind.“

Alle Fotos: (c) Dirk von der Heide

Vor über 15 Jahren waren Lisa und Robert Lippert aus der Nähe von Tübingen erstmals bei dem Ehepaarseminar dabei. Mittlerweile gehören sie zum Vorbereitungsteam. Dafür haben sie einen auch zweijährigen Kurs als Ehe- und Familientrainer bei der Schönstattbewegung absolviert. „Spannend wird es für Paare häufig in Übergangsphasen: vom Paar zur Familie – wenn das erste Kind kommt, oder wenn alle Kinder das Haus verlassen haben“, hat Robert beobachtet. „Überhaupt sind Kinder immer ein Thema für Paare: sei es beim unerfüllten Kinderwunsch, bei der Frage nach der Anzahl, in den verschiedenen Altersphasen mit ihren Herausforderungen oder bei Krankheit und Tod.“ Liebe sei höchst anspruchsvoll, ergänzt Lisa. „Es wird ja nicht leichter, wenn man länger verheiratet ist. Wenn wir nicht in unsere Beziehung investieren, nimmt die Liebe ab.“
In manchen Jahren melden sich sechs Paare für die Seminare an, in anderen zwanzig. Einige kommen zum ersten Mal, andere nehmen alle sechs bis sieben Jahre teil. Damit sie tatsächlich Zeit für sich haben, wird für die Kinder eine Betreuung angeboten.

Vorträge und lebensnahe Beispiele anderer Paare geben neue Anstöße für die eigene Paarbeziehung.

Die Grundbestandteile des Programms: Am Abend nach der Ankunft erzählt ein Paar aus dem Vorbereitungsteam seine Liebesgeschichte. Die nächsten Tage sind von unterschiedlichen Themen geprägt: Wie lässt sich die Liebe zueinander wiederentdecken und neu beleben? Wie mit schmerzhaften und leidvollen Erfahrungen umgehen? „Ein Knackpunkt für Paare ist häufig: Sprechen wir miteinander? Und verstehen wir uns dabei?“, erzählt Lisa. Daher geht es an einem Nachmittag um die Verbesserung der Kommunikation unter den Partnern. Auch Zärtlichkeit und Sexualität kommen zur Sprache und Versöhnung, also wie das Paar nach Missverständnissen, Fehlern, Streit, wieder zueinander finden kann. „Wie in der Partnerschaft mit Gott leben?“, ist die große Frage zum Abschluss, bevor die Paare eingeladen sind, feierlich ihr Eheversprechen zu erneuern.
Bei wesentlichen Fragen in die Tiefe zu gehen, kann manchmal bewirken, dass Verletzungen, Schuldzuschreibungen oder andere Problematiken hervorbrechen. Das Vorbereitungsteam lässt sich voll und ganz darauf ein. Dann sind oft viele Einzelgespräche erforderlich.
Zu dem Team gehören sechs Paare unterschiedlichen Alters, zwei Seelsorger und ein Witwer – aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands. Jeder bringt sich mit seinen Fachkenntnissen und seiner Erfahrung ein. „Früher haben wir die jährlichen Seminare in Telefonkonferenzen geplant“, erzählt Robert Lippert. „Seit einiger Zeit kommen wir an einem Wochenende im Jahr zusammen, sprechen alles durch und machen aus, wer welches Thema vorbereitet.“ Das Seminar bedeute für sie selbst, an ihrer Ehe zu arbeiten, fügt Lisa Lippert hinzu: „Um gut vorbereitet zu sein, müssen wir unser Miteinander reflektieren, uns austauschen, wie jeder von uns eine Begebenheit oder Lebensphase erlebt hat. Auch um zu klären, ob wir schon durch sind und es erzählen können oder ob wir selbst noch mittendrin stecken.“ Die Freundschaft im Vorbereitungsteam sei derart gewachsen, dass sie daraus viel Kraft schöpfen.

Wie in der Partnerschaft die Kommunikation und das gegenseitige Verstehen verbessern?

Barbara Richter und Kurt Schick aus Fürth, seit 21 Jahren verheiratet, schätzen die Gruppengespräche bei den Seminaren: „Man sieht, wie es bei anderen Paaren läuft, bekommt einen Vergleich“, erklärt Kurt. Barbara ergänzt: „Von anderen Paaren kann man sich etwas abschauen oder aber bekommt den Eindruck: Mensch, eigentlich klappt es bei uns doch ganz gut!“ Beide sagen, sie würden nun achtsamer miteinander umgehen, das Paarseminar habe sie wacher füreinander gemacht.
Stefan und Ulli Ludwig aus Mindelheim hatten sich die vier, fünf Tage mühsam freischaufeln müssen. „Was aber letztlich ein totaler Gewinn ist“, meint Ulli. „Wenn es nur ein Wochenende dauerte, würde man kaum eintauchen und müsste schon wieder nach Hause. Aber so kann sich etwas setzen, bleibt länger haften.“
Den beiden haben die persönlichen Zugänge zu den Themen sehr zugesagt: „Zwei stellen sich vorn hin, schauen in ihrem Impulsreferat mit Liebe auf ihre eigene Geschichte und geben das weiter, freilich ohne dass die Privatsphäre verletzt würde: Darin steckt eine unglaubliche Offenheit, ein ganz großes Vertrauen. Es macht Mut zu sehen: Man gelangt zwar an Tiefpunkte in der Ehe, aber kann auch hindurchgehen.“
Dank der Beispiele trauten sie sich, in den Gruppengesprächen mehr aus sich herauszugehen, erzählt Stefan: „Man bringt etwas Positives oder Negatives aus seinem Leben ein und merkt, wie das anderen gut tut. Das gibt der eigenen Ehe großen Wert. Man empfängt nicht nur, sondern kann auch etwas geben.“ Er meint, in dem Umfeld sei es ihnen auch leichter gefallen, sich einander zu öffnen. „Es gibt Dinge, die man nicht gern anspricht, vor denen man sich als Mann eher drückt. Aber wenn andere über ein Problem sprechen, das man selbst auch hat, ist es einfach dran, das dann auch miteinander anzugehen.“

Mit roten Rosen erneuern die Paare zum Abschluss feierlich ihren Bund der Liebe.

Claudia Gürtler bezeichnet findet es als Glücksgriff, dass sie in diesem Jahr wieder an dem Paarseminar teilgenommen haben: „Kurz zuvor hatten wir noch Zweifel, ob wir hinfahren sollten, weil wir so manche Probleme hatten. Wir haben es einfach gewagt.“ – „Es war Balsam für die Seele”, ergänzt ihr Mann Hans-Peter. „Als hätten wir einen Edelstein poliert: Wir haben unsere Beziehung neu entdeckt.” Er nimmt sich von dem Seminar mit: „Ich muss meine Frau nicht in allem verstehen. Aber ich möchte immer sagen können: Ich hab dich trotzdem gern! Vieles ist einfach nicht restlos zu klären und auch Kompromisse sind nicht immer die beste Lösung. Manchmal muss man einfach machen, was der andere braucht. Das ist mir sehr ins Herz gefallen.“

1 Die nächste „Zeit für uns zwei“ ist vom 14. bis 18. April 2020 in Ottmaring bei Augsburg.

Für Paare und Familien
Das Paarseminar „ Zeit für uns zwei“ wird jährlich von der Bewegung „ Neue Familien“ ausgerichtet, die zur Fokolar-Bewegung gehört. Andere Veranstaltungen wenden sich speziell an Verliebte und Verlobte, frisch Verheiratete oder getrennt Lebende. Angebotene Familienfreizeiten sind altersübergreifend. An vielen Orten treffen sich Paare regelmäßig in Familien- oder Wort des Lebens-Kreisen. Die „ Neuen Familien“ orientieren sich an der Spiritualität der Einheit und erproben einen Lebensstil, der im Evangelium gründet. Sie engagieren sich dafür, die Familie in Kultur und Politik zu fördern. An den Begegnungen nehmen Paare, Alleinerziehende und Verwitwete verschiedener Konfessionen und Religionen sowie ohne religiöses Bekenntnis teil.

Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/ Dezember 2019)
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