Passiert

Aus dem Leben mit dem Wort

An der Haltestelle stand eine weinende junge Frau. Als ich noch überlegte, ob ich sie ansprechen sollte, fragte sie mich nach einer Apotheke. Ich gab Auskunft, fasste Mut und fragte, ob ich helfen könne. Sie war bei ihren Großeltern, da ihr Opa, 95 Jahre, seit zwei Wochen bettlägerig war. Am Morgen hatte er versucht aufzustehen. Aber sie und ihre Oma hatten es nicht geschafft, ihn zu stützen. Daraufhin war er böse geworden. Das hatte sie tief getroffen. Inzwischen kam die Straßenbahn. Ganz selbstverständlich setzte ich mich neben die junge Frau. Sie erzählte mir ihre Geschichte. Da ich Zeit hatte, ging ich noch bis zur Apotheke mit. Als wir uns trennten, fiel sie mir um den Hals und bedankte sich. Offensichtlich hatte ich sie durch mein Zuhören trösten können.
B. S.

Meine Mama hat mir von klein auf aus der Bibel und später auch aus dem Katechismus vorgelesen und mir viele Dinge aus der Tradition erklärt. Seit ich vier Jahre alt bin, gehe ich auch ins Fokolar; das ist eine Gemeinschaft, wo wir lernen zu lieben wie Jesus. – Wie lebe ich mit Jesus im Alltag? Ich lese jeden Morgen das Evangelium und ich probiere dann, es zu leben, zu Hause oder in der Schule. Also so zu leben, wie Jesus das gesagt hat. Manchmal gelingt mir das und manchmal auch nicht. Aber ich beginne immer von vorne. In meiner Klasse etwa sind Mädchen, die über mich lästern. Mich nervt es, aber ich probiere immer wieder, auf sie zuzugehen und ihnen zu vergeben. Das macht mich glücklich.
W. W. (12 Jahre)

Eine Kollegin von mir im Krankenhaus, auch Krankenschwester wie ich, hat mich immer ganz schön genervt. Ständig hat sie unmögliche Dinge und uns allen damit das Arbeiten schwer gemacht. Eines Tages ging ich mit einem Blumenstrauß zur Arbeit und gab ihn ihr mit einem Lächeln. Den erstaunten Ausdruck auf ihrem Gesicht werde ich wohl nie vergessen. Es war der Beginn einer neuen Phase in unserer Beziehung. Nach und nach sind wir nun fast wie Schwestern geworden.
A. I.

Mein Mann und ich entspannen auf sehr unterschiedliche Weise. Ich mag Sport und Schwimmen, er besucht gerne neue Orte und Museen. In diesem Jahr, als die Ferien näher rückten, fühlte ich mehr denn je die Notwendigkeit, wieder Kräfte zu tanken. Aber eine innere Stimme mahnte mich, meine Wünsche nicht aufzudrücken oder durchzusetzen, sondern mir gut die meines Mannes anzuhören. Er hatte wohl denselben Impuls gespürt. Das hat dazu geführt, dass wir unsere je eigenen Dinge zwar einbringen, aber auch loslassen konnten. Unser Urlaub war schöner und erholsamer als je zuvor.
B. S.

Ich war schnell in den Bus gestiegen, zurück in die Stadt, in der ich studiere. Als ich merkte, dass ich mich neben eine Frau mit einem kleinen Kind voller Wunden gesetzt hatte, wollte ich einen anderen Platz suchen. Aber dann versuchte ich, das Gefühl des Ekels zu überwinden. Die Reise war lang, wir fingen an zu reden. Sie erzählte, dass sie das gleiche Ziel hatte, weil sie ihr Kind behandeln lassen wollte. Aber sie hatte kein Geld, keine Unterkunft, nur den Namen einer Person, die auf sie wartete, und viel Hoffnung. Als wir ankamen, war es Nacht. Niemand war da. Ich wollte sie nicht allein zurücklassen. Deshalb lud ich sie ein, mitzukommen in das Zimmer, das ich mit einer Studentin teile. Vor dem Haus grüßte sie jemanden; es war die Person, die sie erwartete.
M. F. (Brasilien)

Ich hatte ein Bügeleisen und ein Bügelbrett bestellt. Der Postbote hatte nur das Eisen geliefert; er habe keinen Platz für das Brett gehabt. Ich sollte es im Postamt abholen. Der Mitarbeiter dort war dann wütend, weil der Postbote mir auch das Brett hätte zustellen müssen. Am Tag darauf sagte mir der, dass er eine ordentliche Abfuhr bekommen habe, und entschuldigte sich. „Für mich ist damit alles aus der Welt“, antwortete ich. Kurz darauf erhielt ich bei einer Begegnung einen kleinen Papierbaum, auf dem das Wort des Lebens jenes Monats stand: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“ Sofort kam mir die Idee: Was, wenn ich den dem Postboten schenke? Am nächsten Tag legte ich ihn oben auf den Briefkasten. Bei meiner Rückkehr nach Hause fand ich darin eine Notiz: „Danke“.
M. S.

Illustration: (c) FrankRamspott (iStock)

Ich saß in der Universitätsbibliothek. Ein junger Mann kam in den Raum, er schien verzweifelt. Sein Aussehen ließ auf eine orientalische Herkunft schließen. Nach einigem Zögern kam er auf mich zu und bat um Hilfe. Zunächst war ich unsicher und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Er zeigte mir eine Adresse, dorthin wollte er mit öffentlichen Verkehrsmitteln gelangen. Da er kein Deutsch sprach, kam er nur schwer weiter. Weil ich die Stadt selbst noch nicht so gut kannte, schaltete ich meinen Computer an und suchte die Adresse. Ich schrieb ihm den Weg auf. Als ich ihm den Zettel gab, schaute er mich an und sagte (in Englisch): „Niemand hier hat bisher so etwas für mich getan.“
A. M.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2020)
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