Charisma

Von begnadeten Persönlichkeiten aus Politik, Musik oder Religion wird zuweilen gesagt, sie hätten „ Charisma “. Auch in der Kirche gibt es „Charismen “. Was bedeutet das?

Welche Bedeutung hat der Begriff Charisma?
Der Apostel Paulus versteht unter Charisma in seinen Briefen an die Römer und Korinther ein Geschenk, eine Gnadengabe von Gott. Jedem Mitglied der christlichen Gemeinden ist eine spezielle Gabe zum Wohl der anderen Mitglieder geschenkt. Im Römerbrief zählt Paulus einige besondere Gaben auf. Er spricht von der „prophetischen Gabe“, der „Gabe des Dienens“, der Berufung zum „Lehren“ und zum „Trösten und Ermahnen“ 1.
Der deutsche Soziologe Max Weber hat ausgehend von Paulus dessen Begriff in der Religionssoziologie verwendet. Er versteht Charisma als eine „außeralltäglich geltende Qualität einer Persönlichkeit“, die aufgrund ihrer übernatürlichen Eigenschaften als gottgesandt sowie vorbildlich gilt und „deshalb als ‚Führer‘ gewertet“ wird.

Was zeichnet charismatische Menschen aus?
Es sind Menschen, die mobilisieren – im Großen oder im Kleinen. In einer pragmatisch handelnden und vernunftmäßig verfassten Gesellschaft bringen sie Farbe ins Leben. Sie sind widerständig, bringen überraschende Ideen, sind für manche eine Zumutung und entwickeln eine neue Vision. Es sind Menschen wie Franz von Assisi, Columbus, Martin Luther, Rosa Luxemburg, Mahatma Gandhi oder Greta Thunberg, die für Gesellschaft, Kultur, Religion und Politik entscheidende Impulse gegeben haben und geben.

Gibt es charismatisch unbegabte Menschen?
Nein! Jedem Menschen ist etwas Besonderes geschenkt, das er für andere einsetzen kann. Laut Paulus „hat jeder sein eigenes Charisma von Gott, der eine so, der andere so“ 2. Was für Paulus zur christlichen Existenz gehört, stimmt für alle Menschen. Aber oft hindern autoritäre Strukturen und Personen sie daran, ihre eigene Größe zu entwickeln. Manchmal ist ein Charisma auch „verschüttet“. Deswegen ist es wichtig, dass es „Geburtshelfer“ dafür gibt: Eltern und Verwandte, Lehrerinnen und Lehrer, die dafür großartige Arbeit leisten. Auch Manager, Verantwortliche von Parteien und Firmen oder Seelsorger können ein Charisma fördern.

Was bewirkt ein Charisma in den Kirchen?
Die Charismen tragen zur ständigen Erneuerung der Kirchen bei und dienen ihr. Oft sind sie eine Antwort von Gottes Geist auf die Nöte der Menschen im Hier und Heute. Sie begegnen der Gefahr, dass die Kirchen in einer Tradition erstarren, und erinnern daran, dass Gott sich immer wieder neu als unverfügbares Geschenk zeigt. Die vielen unterschiedlichen Charismen entwickeln ihre volle Kraft erst im Zusammenspiel und werden dadurch vor Fehlentwicklungen geschützt. Die Integration des Charismas in die Gemeinschaft verhindert, dass es zur Macht missbraucht wird. Paulus betont das Bild vom Leib Christi. Die einzelnen Teile des Leibes, die unterschiedlichen Charismen, wirken in Eintracht zusammen. 3 Die Initiative „Miteinander für Europa“, an der rund 180 christliche Bewegungen und Gemeinschaften unterschiedlicher Konfessionen beteiligt sind, gibt ein beredtes Zeugnis dieser Einheit in der Vielfalt der Charismen.
Bernd Aretz

1 vgl. Römer 12,6-8
2 1 Korinther 7,7
3 vgl. 1 Korinther 12,12-31

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2020)
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