„Europa braucht positiven Geist“

Das internationale Netzwerk „ Miteinander für Europa“ feierte sein 20-jähriges Bestehen. Dass viel gewachsen ist, wurde ebenso deutlich wie die Tatsache, dass für die Zukunft viele Herausforderungen offen bleiben.

Der Ort war derselbe wie vor 20 Jahren. Ganz bewusst hatte der internationale Trägerkreis von „Miteinander für Europa“ ihn für seine jährliche Begegnung ausgewählt: Ottmaring bei Augsburg, „dort wo alles begann“. Nachdem am Vormittag des 31. Oktober 1999 in Augsburg der Lutherische Weltbund und die Katholische Kirche die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet hatten, trafen sich hier am Nachmittag vorwiegend deutsche Leiter evangelischer Gemeinschaften mit zwei italienischen katholischen Gründern: Chiara Lubich, Fokolar-Bewegung, und Andrea Ricardi, Gemeinschaft Sant’Egidio. Eine „besondere“,„geisterfüllte“ Begegnung. Es begann ein Weg, auf dem nach kürzester Zeit nicht mehr nur katholisch und evangelisch geprägte Bewegungen, nicht mehr nur Deutsche und Italiener unterwegs waren, sondern europaweit mehr als 300 christliche Gemeinschaften und Bewegungen verschiedener Kirchen.
Am 7. bis 8. November waren nun zunächst 170 Personen von 55 Gemeinschaften aus 25 Ländern nach Ottmaring gekommen; ihnen schlossen sich dann zur Feier der 20 Jahre am 9. November in Augsburg weitere 130 Engagierte aus Deutschland an. Bei aller Dankbarkeit war aber trotzdem wenig Nostalgie zu spüren. Eher ein gegenseitiges Ermutigen, Bestärken und der Wunsch, nach vorn zu blicken.
Dass vieles gewachsen ist, zeigten die Berichte aus verschiedenen Ländern, wie etwa von vielfältigen Initiativen zum Europatag. Und atmosphärisch war spürbar: Obwohl sich offensichtlich nicht alle kannten, gab es keine Hemmschwellen. Da hatte ein deutscher CVJMler neben tschechischen Schönstättern Platz genommen, die Litauer radebrechten intensiv mit Belgiern und die CVJM-Band aus München hatte sich die Mühe gemacht, Lobpreislieder in anderen Sprachen zu lernen. Auf dem gemeinsamen Weg war Fremdheit überwunden worden und eine Kultur des Miteinanders gewachsen, die auch Unterschiedlichkeit aushält und befähigt, Brücken zu bauen.
„Begegnung und Befreundung“ als Voraussetzung für Versöhnung und Miteinander, so fasste Sr. Nicole Grochowina von der Christus-Bruderschaft Selbitz eine Grunderfahrung von „Miteinander für Europa“ zusammen und unterstrich: „Das sind keine Selbstläufer.“ Ob sie damit meinte, dass es wohl auch zukünftig eine Herausforderung bleibt, sich mit dem erreichten Status Quo der Befreundung nicht zufrieden zu geben, sondern sich immer wieder neu und tiefer aufeinander einzulassen? Eine weitere Herausforderung klang an: Wie kann das im Netzwerk Erfahrene in all den prekären Situationen in Europa mehr und mehr zum Geschenk werden? Herbert Lauenroth von der Fokolar-Bewegung sprach von der Notwendigkeit, „lebendige Grenzgänger“ zu werden; nur als „verschwindende Vermittler“ könne man jenen Raum schaffen, der anderen die Möglichkeit zur Begegnung eröffnet. – Sehr dichte Anregungen, da waren sich die Anwesenden einig, die es weiter und besser zu vertiefen gilt.
„Begegnung. Versöhnung. Zukunft.“ Mit diesen Worten kennzeichnete Dorothea Todd ihre Erfahrung, Motivation und Hoffnung. Die 29-jährige gebürtige Münchnerin lebt mit ihrem Mann Nathan, einem Schotten, in Glasgow, wo sie in Politikwissenschaften promoviert. Die junge Frau erinnerte sich an den 8. Dezember 2001. „An diesem Samstagnachmittag war ich mit meinen Eltern im Münchner Dom bei einem großen Event. Damals war ich elf Jahre alt. Und ich hatte keinerlei Vorstellung, wie sehr dieses ‚Miteinander‘ mein Leben beeinflussen würde.“ Angeregt durch weitere Treffen, hat sie sich später entschieden, Geschichte und Politikwissenschaften zu studieren und dafür in den letzten zehn Jahren viel Zeit in verschiedenen Ländern verbracht. Dort hat sie jeweils andere Gemeinschaften aufgesucht: So war sie bei der Jesusbruderschaft in Latrun (Israel), beim Christustreff in Jerusalem, in Brüssel bei Schwert des Geistes und der Vineyard-Gemeinschaft dort und in Florenz bei einem Gebetstreffen von Sant’Egidio. „Miteinander für Europa ist für mich ein Hoffnungsort geworden. Ein Ort, an dem Begegnung und Versöhnung stattfinden kann und Zukunft möglich wird.“
„Ihr seid Botschafter der Versöhnung“, ermutigte auch der emeritierte evangelische Bischof Christian Krause die Anwesenden. Er hatte 1999 als damaliger Präsident des Lutherischen Weltbundes die „Gemeinsame Erklärung“ mit unterzeichnet und erinnerte als Zeitzeuge an die vielen ermutigenden Schritte, die in der Ökumene dadurch und seitdem getan wurden. Im aktuellen Klima zunehmender Europa-Skepsis und politischer Polarisierung brauche es gerade die Erfahrung der Bewegungen und Gemeinschaften von versöhnter Verschiedenheit.
Auch innerhalb des Netzwerkes spürt man die Unterschiede zwischen Ost und West. Weil man mehr aufeinander zugehen wollte, hatten die letzten beiden Trägerkreis-Treffen in Wien (2017) und Prag (2018) stattgefunden. Kleinere Gruppen aus dem Westen hatten sich zu Besuchsreisen in Länder des Ostens aufgemacht, wie zuletzt in die Ukraine.
Wie das Netzwerk auch im Osten „wirksam“ wird, berichteten Irén Honti (Pastorin) und Cinzia Panero (Fokolar-Bewegung) aus Ungarn: „Seit einigen Jahren hat unsere Gruppe die Erlaubnis, in die Transitzonen zu gehen, um Migranten beizustehen.“ Diese Zonen hatte die Regierung 2015 an der Grenze zu Serbien eingerichtet, um die Einreise von Migranten zu regeln. Etwa 300 Personen – Kurden und Jesiden aus dem Irak, Afghanen und Iraner – warten dort darauf, dass ihre Asylanträge geprüft und beurteilt werden. Sie verbringen zwischen drei Monaten und eineinhalb Jahren in dem streng bewachten Gebiet. „Unsrer Ziel ist es, materielle Unterstützung zu leisten und dadurch die biblische Botschaft und die Liebe Gottes zu vermitteln. Dabei können wir uns der Vielfalt der Talente und Materialien bedienen, die wir in unseren verschiedenen Kirchen zur Verfügung haben. Diejenigen, die Christen sind oder etwas über das Christentum wissen wollen, können am Bibelunterricht teilnehmen. Mit anderen, besonders mit Muslimen, verweilen wir innerlich im Gebet. Wir leben gemeinsam einige Stunden in einer entspannten Atmosphäre, spielen mit den Kindern. Wichtig sind persönliche Beziehungen zu den Familien. Wir feiern Geburtstage, teilen Freud und Leid und vor allem vertrauen wir alle auf den einen Gott, der niemanden vergisst.“
Das Netzwerk hat an vielen Orten in Europa lebendige Knotenpunkte. Junge Leute gehören dazu, die „Miteinander für Europa“ eine Zukunft eröffnen. Aber es bleiben dem Netzwerk auch Hausaufgaben. Wie es weitergeht, blieb – auch wegen der knappen Zeit – offen. Stoff zur Vertiefung lieferten die Tage jedoch genug. Die Motivation, sie anzugehen, zieht wohl nicht nur Pater Heinrich Walter, Schönstatt-Bewegung, aus dieser Überzeugung: „Europa braucht diesen positiven Geist, Unheilsboten gibt es schon genug!“
Gabi Ballweg

„ Miteinander für Europa“
… ist ein internationales Netzwerk, das sich über Europa hinaus erstreckt. In den über 300 Bewegungen und Gemeinschaften sind evangelische, katholische, anglikanische, orthodoxe und freikirchliche Christen engagiert. Sie sind unterschiedlich wie die Kulturen, Sprachen und Regionen Europas. Aber gerade in dieser Unterschiedlichkeit erfahren sie sich  auch als gegenseitige Bereicherung und bemühen sich um eine intensive „ Kultur der Gegenseitigkeit”. Das Netzwerk ist 1999 entstanden.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2020)
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