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Was macht das Charisma von Chiara Lubich und ihre Spiritualität aus? Was hat die Fokolar-Bewegung in Kirche und Gesellschaft einzubringen? Im Gespräch mit dem Theologen Roman Siebenrock in Innsbruck.

Welche Berührungspunkte haben Sie mit der Fokolar-Bewegung, Herr Siebenrock?
Das erste Mal habe ich von ihr gehört, als die Band Gen Rosso zu einem Konzert in Innsbruck war, wo ich studierte. Dann war mein Doktorvater in Tübingen, Peter Hünermann, ein guter Freund des Aachener Bischofs Klaus Hemmerle, einem engen Vertrauten von Chiara Lubich. Damals habe ich die Fokolare als charismatische Bewegung erlebt, sah mich aber eher als charismatisch unbegabt. Daher war ich auch zu anderen neuen geistlichen Gruppen distanziert. Erst vor rund zehn Jahren bin ich wieder auf sie gestoßen und nehme an einer Dialoggruppe von Christen und Muslimen teil.

Wie erklären Sie sich, dass Chiara Lubich und ihre Spiritualität bei uns wenig bekannt sind?
Mit dem Tod von Klaus Hemmerle 1994 ist eine wichtige Vermittlung abgebrochen. Er galt als bedeutender Philosoph, ausgesprochen gewinnende Person und theologische Autorität. Eine solche Persönlichkeit, die die Mystik und Erfahrung der Bewegung öffentlich reflektiert und weiterträgt, gibt es im deutschen Sprachraum seither nicht. Die mir bekannten Theologen, die aus der Erfahrung dieser Spiritualität kommen, stellen das nicht heraus. Sie werden nicht damit identifiziert. Insofern ist mein Eindruck, Chiara Lubich und ihr Charisma werden mehr versteckt als ausgelegt.

Worin sehen Sie das Neue an diesem Charisma?
Da muss ich vorausschicken: Ich bin kein Freund einer Kreuzestheologie, wie sie Martin Luther oder Hans Urs von Balthasar vertreten haben, die die Unterschiedenheit von Vater und Sohn bis in Gott hineintragen. Und Chiara lässt in ihrer bildreichen Sprache manchmal ähnliches vermuten. Mich lässt jedoch aufhorchen, dass sich ein reformierter Theologe, Stefan Tobler, mit ihrer Kreuzestheologie identifiziert. Mich erstaunt auch, dass Menschen unterschiedlicher Religionen auf Chiara Lubich zugekommen sind. Als sie 1977 in London den Templeton-Preis für Fortschritt in Religion erhielt, war ihre Rede dermaßen katholisch, dass ich mich frage, was Sikhs, Hindu, Buddhisten und Muslime so getroffen hat. Es muss etwas in dieser Rede gewesen sein, im Gestus dieser Frau und in dem, was sie gelebt hat! Sie liefert sich völlig aus, hält an nichts fest, hat nichts als ihre Überzeugungskraft. Vielleicht zieht das Angehörige anderer Religionen an. Vielleicht gehört gerade das zur besonderen Sendung der Frau im 20. Jahrhundert.
Chiara Lubich und ihre Bewegung hätten eine ganz andere Entwicklung genommen, wenn sie mehr feministische Theologie gemacht hätte. Aber offensichtlich war das nicht ihr Herzensanliegen, obwohl sie mit den Statuten der Gemeinschaft neue Wege eingeschlagen hat.

Indem Frauen gleiche Leitungsfunktionen wie Männer einnehmen?
Mehr noch: Die Präsidentin ist immer eine Frau! Das ist in den vom Vatikan anerkannten Statuten festgelegt. Und Leitungsaufgaben sind oft doppelt besetzt mit Mann und Frau. In dieser sehr kooperativen Struktur sehe ich verwirklicht, was man in der Kirche mit der Synodalität und im Einander-Zuhören versucht. Im Hören aufeinander lebt in der Fokolar-Bewegung auch ein Hören auf den Heiligen Geist. Was für die Kirche der Zukunft ganz wesentliche Elemente sind, wird hier schon gemeinschaftlich umgesetzt.
Innovativ war Chiara Lubich auch damit, dass sie ihre Texte durch andere auslegen lässt, durch die Abba-Schule(1). Sie gibt die Interpretationshoheit auf. Das gibt es meiner Ansicht nach in keiner Tradition.
Wenn man fragt, ob das Zweite Vatikanische Konzil im interreligiösen Dialog eine Wirkung gehabt hat, verweise ich auf die Fokolar-Bewegung.

Interreligiösen Dialog führen auch andere. Was ist bei der Fokolar-Bewegung das Besondere?
Christen und Angehörige anderer Religionen leben mancherorts miteinander. Sie treffen sich in Gruppen, arbeiten zusammen, tauschen sich über ihre religiösen Erfahrungen aus. In einigen Ländern machen Nichtchristen sogar die Mehrheit in der Bewegung aus. Warum funktioniert das? Das fällt ja nicht vom Himmel. Daher spüre ich dem nach, was hinter Chiara Lubichs Konzept von „Jesus dem Verlassenen“ steckt. Gott, der sich völlig entäußert. Wie er zu leben, öffnet Menschen einen Raum. Das geschieht sonst, indem man seine Überzeugungen minimiert, diplomatisch einebnet oder den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht. Hier aber nicht, im Gegenteil: In der Begegnung mit Menschen anderen Glaubens musst du selbst immer mehr Christ werden.
In „Jesus dem Verlassenen“ scheint eine authentische, lebbare Form des Dialogs zu stecken: Gerade dort, wo der Gottessohn sich selbst von Gott verlassen fühlt, wird er zum Heiland. Das ist paradox, aber aufgrund der Erfahrungen der Bewegung sieht man, es steckt etwas dahinter. Aus dem Charisma von Chiara Lubich ziehen Menschen mit unterschiedlichsten Überzeugungen für ihr Leben und ihren Glauben starke Ermutigung und Unterstützung. Deswegen sind ihre Texte nie zu lesen ohne ihr Leben, ihre Bewegung, ohne die Resonanz, die sie und ihr Zeugnis hervorgerufen haben.

Greift Chiara Lubich mit ihrer Spiritualität etwas auf, das es in der Kirche schon gab?
Zum einen steht sie auf dem Grund der franziskanischen Spiritualität. Zum anderen gibt es mystische Traditionen, bei denen sich eine gläubige Person so mit Jesus identifiziert, dass sie in der Ich-Form von ihm spricht. Man nennt das „Unio mystica“. Das taucht auch bei Chiara Lubich auf. Sie erfindet nichts Neues, sondern verankert etwas neu im Herzen der Kirche.
Etwas Eigenes scheint mir eben ihr Konzept von „Jesus dem Verlassenen“ zu sein. Und es bleibt die Aufgabe, das in den verschiedensten Zusammenhängen zu deuten. Aber was bedeutet es, wenn sie in diesem Zusammenhang vom „Nichts“, vom „Nulla“ spricht? Mir scheint, sie kann damit etwas ausdrücken, was die christliche Überzeugung vom dreifaltigen Gott auch für Muslime verstehbar macht. Nämlich, dass eine Person sich nicht selbst behaupten muss; erst in der Beziehung zum anderen wird sie.
Schwerer zu verstehen ist Lubich mit ihrem wahnsinnigen Satz: „Ich muss Gott um des Nächsten willen verlieren, um Gott in ihm zu finden.“ Was sie hier buchstabiert, ist eine wichtige mystische Grundtradition: Ich muss meine Bilder, Vorstellungen, Schemata verlieren, um in anderen Gottes Präsenz zu entdecken. Als Weg für den normalen Glaubenden ist das meiner Ansicht nach aber ein Hammer! So auf den anderen zuzugehen – so lese ich das – dass ich „Jesus den Verlassenen“ in mir selbst leben lasse, damit ich die Präsenz Gottes im anderen überhaupt finden darf und so von seinem Glauben herkomme, das ist mit unserer Haltung der Selbstbehauptung und Selbstverteidigung nur schwer nachzuvollziehen.
Die Fokolar-Bewegung kennt einen Bund – bei ihr heißt es „Pakt“ – bei dem man sich gegenseitig sagt: Ich lebe dich; ich bin bereit, mein Leben für dich zu geben. Das ist eine der stärksten Herausforderungen, aber, wenn es gelingt, auch eine der schönsten Bereicherungen. Ich muss das Eigene nicht verteidigen, sondern kann ganz zuhören und mir das, was der oder die andere sagt, ganz zu Herzen nehmen: auch für Wissenschaftler eine hervorragende Gesprächsgrundlage. Es geht über Rationalität und Begründungs- und Rechtfertigungsstrategien hinaus. Ich meine, dass es das in der deutschsprachigen Theologie so nicht gibt. Aber es ist Bundestheologie. Ich sehe darin die Möglichkeit einer Verkündigung, die nicht von oben herab kommt.

In Lubichs Spiritualität sind „Einheit“ und „Jesus in der Mitte“ wichtige Begriffe. Kann damit jemand heute noch etwas anfangen?
In der engeren katholischen Tradition verstand man seit dem 19. Jahrhundert unter „Einheit“ Gehorsam gegenüber der entsprechenden kirchlichen Autorität. Den hat Chiara Lubich zwar gelebt, aber in ihrer Spiritualität nicht ins Zentrum gestellt. Gehorsam war sie gegenüber ihrer Sendung, ihrem Charisma; und von ihrem Charisma der Einheit her selbstverständlich auch in Treue zu ihrer Kirche.
„Jesus in der Mitte“ ist unproblematisch, weil der Begriff unmittelbar auf das Jesuswort „Wo zwei oder drei…“(2) zurückgeht. In evangelikalen Traditionen wird eher verstanden: Jesus ist in der Mitte unter Christen; wer nicht getauft ist, ist draußen. Chiara Lubich verstehe ich so, dass „Jesus in der Mitte“ und „Jesus der Verlassene“ zusammengehören. Beide ermöglichen einen Raum, der allen Menschen Anteil am Reich Gottes, an einer neuen Form der Einheit gibt. Bei diesen Begriffen schwingt im deutschen Sprachraum immer Abschottung mit. Daher würde ich von „neuer Einheit“ sprechen; von Jesus in der Mitte, der alle einlädt.

Von „Einheit in Vielfalt“ spricht man längst auch in Kirche und Gesellschaft. Im gleichen Sinn wie bei Chiara Lubich?
In der Gesellschaft jedenfalls nicht. Die dominante Gruppe ist nur dann bereit, Vielfalt anzuerkennen, wenn sie darin Spielarten des Eigenen erkennt und sie die Diskurshoheit behält. Eine Anerkennung des Anderen um seiner selbst willen ist ganz selten. Mir scheint, das geht nicht ohne Spiritualität. Hier hat die Fokolar-Bewegung eine ungeheure Bedeutung für Kirche und Gesellschaft. Sie sagt: Lebe erst mal den anderen. Dann schau, was passiert. Andernfalls fallen wir in die Muster von wechselseitigen Verdächtigungen und Ausschließungen zurück. Ihre Spiritualität enthält einen Schlüssel für etwas, das künftig unausweichlich wird, nämlich zwischen scheinbar unversöhnlichen Gegensätzen zu vermitteln: das Modell von „Jesus dem Verlassenen“, der alles verliert, sich ausliefert, restlos, ohne etwas zu behalten. Das ist für mich die herausfordernde Kernbotschaft.

Die Fokolar-Bewegung will aus ihrem Charisma heraus in die Gesellschaft wirken: Wirtschaft, Politik, Erziehung, Recht, Kunst. Worauf geht das zurück?
Chiara Lubich wurde lange von dem Politiker Igino Giordani begleitet. Er hat schon zu Beginn eine politische Komponente eingebracht, wenn er sagte: Bleib nicht im spirituellen Paradies, geh in die Welt! – Auch die erste Gruppe von Frauen hat nicht ihr eigenes Seelenheil gesucht, sondern den Menschen in den Kriegswirren geholfen. Insofern war das Soziale, Politische, Diakonische von Anfang an gegeben. Spiritualität und politisches Tun sind eng verknüpft. Die Fokolar-Bewegung macht aber keine Parteipolitik und kann wohl gerade deswegen Menschen quer durch die Parteien inspirieren.

Beobachten Sie auch etwas, das Sie skeptisch macht?
Der Bereich, den ich kenne, ist vor allem der interreligiöse Dialog. Darin arbeiten Leute mit jahrzehntelanger Erfahrung, zum Beispiel in muslimisch geprägten Ländern. Denen macht man so schnell nichts vor. Da sehe ich keine Naivität.
Ihr Leitungsmodell dürfte die Fokolar-Bewegung ruhig stärker in den Vordergrund stellen. Auch zur Stellung der Frau in der Kirche hätte sie etwas zu sagen und könnte ruhig mitteilungsfreudiger sein. Die Fokolare sind ganz klar eine Laienbewegung. Trotzdem machen Priester und Bischöfe mit. Wer eine geschwisterliche Kirche sucht oder eine Kirche, die Institution und Charisma vereint, sollte sich das mal anschauen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!
Clemens Behr

1 „Scuola Abbà“: Interdisziplinäre internationale Studiengruppe, die grundlegende Texte von Chiara Lubich aus den Jahren 1949/50 untersucht.
2 Matthäus 18,20

Foto: privat

Roman Siebenrock,
geboren 1959 in Mengen, Baden-Württemberg, studierte von 1977 bis 1984 Katholische Theologie, Philosophie und Erwachsenenpädagogik in Innsbruck und München. Er ist Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät und Leiter des Instituts für Systematische Theologie der Universität Innsbruck. 2010 rief Siebenrock eine christlich-islamische wissenschaftliche Arbeitsgruppe ins Leben, die den interreligiösen Dialog der Fokolar-Bewegung studiert und praktiziert. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2020. Kursive Textstellen nur online veröffentlicht.)
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