Sinnstiftend Natur erleben

Die Linzer Biologie-Lehrerin Claudia Troia erlebt staunend, was in kürzester Zeit möglich ist, wenn Menschen sich gern mit ihren Talenten einbringen.

„So konnte ich nicht weitermachen!“ Claudia Troia unterrichtet seit 20 Jahren Biologie und Ernährung, auch ökologische Themen. Dabei war ihr aufgefallen, wie sich immer mehr Mutlosigkeit breit machte. Immer mehr Frustration. „Wir können eh’ nichts ändern; es ist so und so alles zu spät“, hatte sie immer häufiger zu hören bekommen. Ohne konkrete, positive Ansätze der Veränderung fiel es der Lehrerin immer schwerer, sich vor ihre Klassen zu stellen. „Die große weite Welt zu verändern, war nicht drin. Aber irgendetwas musste man doch tun können!“ Sie wollte Hoffnung wecken, Mut machen.
Das war die Situation bis zum Frühjahr 2018. Eineinhalb Jahre später zeigt die Oberösterreicherin Artikel aus regionalen Zeitungen und pädagogischen Fachzeitschriften, berichtet von Auszeichnungen, Einladungen in andere Schulen, von youtube-Videos und einem von Schülerinnen selbstkomponierten Umweltsong. Dabei kann Claudia Troia selbst kaum fassen, wie viele Menschen sich mit ihr zusammen die Ärmel hochgekrempelt, sich mit ihren Talenten eingebracht und dabei vieles verändert haben. Am offensichtlichsten ist das rund um das Schulhaus – 1400 Quadratmeter Fläche, die kaum wiederzuerkennen sind.
Die Bildungsanstalt für Elementarpädagogik, kurz BAfEP, in Linz ist eine große Schule. 600 junge Menschen zwischen 14 bis 19 Jahren durchlaufen hier ihre fünfjährige Ausbildung in Kindergarten-, Hort- und Früherziehungspädagogik. Gesundheit, Lebensraum Schule, Schulentwicklung waren schon lange Thema – bei vielen aus dem Kollegium. Immer wieder hatten sie in kleinen Gruppen und verschiedenen Projekten daran gearbeitet. „Aber es hatte einfach keine Durchschlagskraft“, stellt die Lehrerin nüchtern fest.
Im Sommer 2018 kam Claudia Troia dann eine Idee: „Die letzte Woche vor den Ferien ist schwierig: Die Noten sind gemacht, alle innerlich schon halb weg, trotzdem will man die Zeit noch sinnvoll nützen.“ Warum sich also nicht gemeinsam Gedanken machen, wie ihr Lebensraum Schule schöner werden, wie man ihn so gestalten kann, dass sich alle dort wohler fühlen. Claudia Troia wandte sich an die ersten Klassen. „Die kennen nach einem Jahr die Umgebung, bleiben noch vier Jahre und sollten also genug Interesse haben, dass sich was ändert.“ Die Gruppe fand Gefallen an der Aufgabenstellung, arbeitete und diskutierte intensiv. 13 Mini-Lebensräume machten die Schülerinnen und Schüler aus und hielten fest, was sich ändern sollte: Zeichnungen, Vorschläge, Hinweise, Fragen, sogar erste Berechnungen. Über den Sommer schrieb die 50-Jährige alles zusammen und war verwundert über die Fülle an – auch ökologisch – brauchbaren Vorschlägen. Nach den Ferien unterbreitete sie es den Kolleginnen und Kollegen aus der Gruppe „Lebensraum Schule“. Gemeinsam beschlossen sie, der ganzen Schule das Projekt vorzuschlagen und sich für eine Förderung zu bewerben.
„Mir war klar, dass wir alle mit ins Boot holen mussten.“ Nach Rücksprache mit der Direktorin sollte Claudia Troia das Projekt zunächst bei einer pädagogischen Konferenz vorstellen. „Es war ein denkbar ungünstiger Moment, am Ende eines langen Nachmittags. Alle waren müde, auch ein wenig genervt von unangenehmen Dingen, die vorher besprochen worden waren.“ Trotzdem sprang wohl Begeisterung über. Zu ihrer großen Überraschung sagte kein einziger: „Lassen wir die Finger davon!“ Hingegen hatten 53 Lehrkräfte Zettel mit konkreten Vorschlägen hinterlassen, wie sie sich einbringen wollten. Auch bei der gerade neu gewählten SchülerInnenvertretung fand die Lehrerin offene Türen. Die im Workshop erarbeiteten Ideen zu den 13 Lebensräumen hingen einige Wochen in der Aula aus. Alle konnten Kommentare anbringen, Vorschläge ausfeilen und durch Bewertungspunkte deutlich machen, welche Ideen zuerst umgesetzt werden sollten.
Im November dann eine Kick-Off-Veranstaltung: Auch da legte die Biologie-Lehrerin Wert darauf, dass neben Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften auch die Direktion, das Sekretariat, die Administration, die Ärztin, der Schulwart und die Reinigungskräfte vertreten waren. „Unsere gemeinsame Challenge ist diese: Schaffen wir es, unseren Lebensraum Schule nachhaltig und ökologisch zu gestalten?“, eröffnete die Lehrerin und setzte nach: „Wenn wir das nicht hinkriegen, brauchen wir uns auch nicht aufzuregen, dass die Politiker es nicht schaffen. Schließlich ist es weltweit eine noch größere Herausforderung als für uns hier. Aber wenn wir es schaffen, können wir mitreden.“ Danach ließ sie zunächst den Schulwart und das Reinigungspersonal zu Wort kommen. „Mir war klar, die hört sonst niemand. Aber ihre Sicht ist so wichtig fürs Ganze“, war sie überzeugt. Und machte deutlich: „Wir sitzen alle in einem Boot. Und wir machen uns alle auf den Weg. Oder eben nicht!“ Gemischt besetzte Arbeitsgruppen zu unterschiedlichsten Aufgabenfeldern machten sich an die Arbeit – Finanzierung, Recherche zu Pflanzen, Flächen, Kosten, Berechnungen von Flächen, Kommunikation und Vernetzung. „Global denken, lokal handeln“ – noch bevor Greta Thunberg bekannt wurde, war das in Linz Motto.
Nach Ostern 2019 sollte es losgehen. Vor dem großen Arbeitseinsatz „machte sich im Kollegium ein wenig Unruhe breit“, erinnert sich Claudia Troia an einen kritischen Moment. „Wir wollten vor dem Konferenzzimmer beginnen. Eine große öde Fläche mit Wiese, monotoner Hecke und einem ehemaligen Raucher-Pavillon sollten revitalisiert und auch Schülerinnen und Schülern zugänglich gemacht werden. Bisher durften sie sich dort nicht aufhalten.“ Die Lehrerschaft merkte, dass es ernst wurde. „Laut gesagt hat keiner was.“ Trotzdem spürte Claudia Troia das und wusste auch: „Wenn wir einmal begonnen haben, kann man es nicht mehr stoppen.“ Deshalb schrieb sie noch mal an alle Kolleginnen und Kollegen, mit der Bitte um Rückmeldungen über einen Kummerkasten. Der Kasten blieb leer.

„Gefühlt mindestens 200 Anrufe“ hat die Pädagogin in den Osterferien gemacht. Auf einen Brief an die Eltern, in dem sie das über drei Jahre geplante Projekt vorgestellt und um mögliche Unterstützung angefragt hatte, waren Stapel von Rückmeldungen gekommen; Pflanzen, Materialien, Geräte, Arbeitsstunden wurden angeboten. Da waren Gespräche nötig, Rückfragen – viel Beziehungsarbeit. „Und dann hätte man es filmen müssen: Es war wie eine Karawane!“ So viele kamen und brachten etwas: „Wir haben keine einzige Pflanze gekauft, Hochbeete und sogar einen Geräteschuppen geschenkt bekommen, von der Erde über den Anhänger mit Pferdemist bis zu den Steinen für Einfassungen – alles!“ Claudia Troia empfindet das als Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein, und bezeichnet es für sich als eine „Erfahrung der Sonderklasse“ – zusammen mit der finanziellen Förderung, die über verschiedene Stellen zusammen kam.
Die Schulgemeinschaft gestaltete ihren Lebensraum neu, nach und nach entstand eine grüne Oase mitten in der Stadt – mit Hochbeeten, Naschhecke, Stein- und Rosengarten, Blumenbeeten, Nisthilfen für Vögel, Fledermaus- und Insektenhotels, einem Schöpfungsgarten, einer Wurmkiste, gemütlichen Recycling – Sitzgelegenheiten. Der Garten wurde zu einem erweiterten Klassenzimmer, „wo Lernen mit Hirn, Herz und Hand möglich wird.“ „Sinnstiftendes Natur erleben, Gesundheit leben“ blieb damit nicht nur ein theoretisches Motto.
Für Claudia Troia hat das Ganze noch eine weitere Dimension: Sie ist in Linz aufgewachsen. „Damals war es noch eine graue Industriestadt, mit viel Metallindustrie und hoher Umweltbelastung.“ Als Kind war sie oft schwach und krank, deshalb haben ihre Eltern sie häufig in die Steiermark zu den Großeltern geschickt. „Dort war ich erst mal eine Woche so richtig krank. Der Opa ist dann mit mir in die Berge, und ich habe den Gesundheitsfaktor Natur an mir selbst erleben können.“ Claudia blühte dort auf. Deshalb wollte sie Tierärztin werden, musste wegen einer Allergie auf Tierhaare aber auf Biologie-Lehrerin umschwenken.
„Wie das Leben dann so geht“: Claudia hatte als Kind die Fokolar-Bewegung kennengelernt und damit eine Beziehung zu Gott gefunden. Zu spüren, dass er ihr nahe war, wandelte nach und nach ihren Blick auf die Welt, die Menschen und prägte ihr Leben. Sie lernte Salvatore aus Sizilien kennen. Die beiden heirateten und haben drei inzwischen erwachsene Töchter. Der Beruf wie auch ihre Beziehung zur Natur traten ein wenig in den Hintergrund; für Claudia gab es in der Familie erst mal andere Schwerpunkte und Herausforderungen. Dann bekamen Troias vor zwei Jahren das Angebot, ein Haus in einem Dorf am Waldrand zu kaufen. „Da kamen mir all diese wunderschönen und prägenden Naturerlebnisse aus meiner Kindheit wieder hoch.“ Claudia hatte den Eindruck, in der „paradiesischen Umgebung“ und nach einer durch verschiedenste Umstände nicht ganz leichten Zeit „wieder Frieden zu finden.“ Sie hatte das Gefühl: „Da gehör ich her!“
Über ein Jahr wog das Ehepaar ab. „Aber letztlich wäre der Umzug – gut eine Stunde aus der Stadt heraus – ein zu großer Eingriff in unser Leben gewesen.“ Trotzdem fiel Claudia das Loslassen schwer. Noch vor der Entscheidung hatte sie ein Karenzjahr eingelegt, eine berufliche Auszeit also für Aus- und Weiterbildungen, und sich zur Kräuter-, Wald- und Logopädagogin nach Viktor Frankl weitergebildet. Und sie hatte sich schon ausgemalt, wie sie das im neuen Haus würde umsetzen können, wollte Kurse für Kinder anbieten. „Aber es war einfach nicht dran!“ Lange hat sie nicht verstanden, warum sich alles so entwickelt hatte, und darüber auch Tränen vergossen. „Jetzt habe ich fast täglich den Eindruck, als hätte das alles sterben müssen, um so vielen das Naturerleben möglich zu machen! Denn – seien wir mal ehrlich – wer wäre schon da raus gekommen? Jetzt habe ich einen ganz anderen Wirkungsgrad – noch dazu an einer Stelle, wo wir Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausbilden und für ihre zukünftige Tätigkeit prägen.“
Claudia Troia sieht im Rückblick einen roten Faden in ihrem Leben: „Hätte ich mich nicht schon mehr als mein halbes Leben darin eingeübt, auf Beziehungen zu setzen, wäre manches ganz anders gelaufen. Und wahrscheinlich hätte ich gar nicht den Mut gehabt, mich auf alles einzulassen.“ Dabei war ihr wichtig, „immer wieder die Antennen auszustrecken“ – die zum Himmel hin, um zu verstehen, was dran ist, und die zu den Menschen, um Signale aufzunehmen, das Geschenk, die Talente und den Beitrag von jedem. Natürlich war es viel Arbeit und Einsatz. Aber vor allem fühlt sie sich beschenkt – nicht zuletzt durch eine persönliche Begegnung mit der Verhaltensforscherin und Umweltschützerin Jane Goodall 1. Deren Wirken hatte Claudia Troia schon lange verfolgt und konnte ihr in Wien zusammen mit Schülerinnen und Schülern das Projekt der BAfEP vorstellen.
Nur begeisterte Menschen bewegen etwas. Dieser Satz trifft auf die Linzerin zu. Und Begeisterung kann man nicht machen, sich aber davon anstecken lassen.
Gabi Ballweg

1 Die Britin gründete 1991 „Roots und Shoots“ (dt. Wurzeln und Sprösslinge), ein globales Umwelt-und humanitäres Kinder- und Jugendprogramm, mit dem Ziel zu vermitteln, in Frieden und Harmonie miteinander und mit der Natur zu leben. Seit 2002 ist sie UN-Friedensbotschafterin.
Mehr zum BAfEP-Projekt (auch mit Links zu den Videos): www.bafep-linz.at

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2020)
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