Blick für Kinder

Offener Brief an Caroline Link

Sehr geehrte Frau Link!

Kinder sind neugierig, direkt, natürlich, unbedarft, fantasievoll, können selbstvergessen im Spielen aufgehen, haben ein Gespür dafür, was echt ist und was aufgesetzt. In mehreren Kinofilmen geben Sie Kindern eine Bühne, erzählen ihre Geschichte, nehmen die Zuschauer hinein in ihre Welt. Sie lassen das Publikum an ihrem Gefühlsleben teilhaben, Menschen und Ereignisse durch ihre Augen sehen. Damit machen Sie jene groß, die leicht übersehen und unterschätzt werden.
Was Kindern in jungen Jahren widerfährt, in welchem Elternhaus und Umfeld sie aufwachsen, prägt sie fürs Leben. Kinderseelen sind feinfühlig, fragil, verletzlich. Und doch gehen Jungen und Mädchen ihren Weg. Wie Lara, Tochter gehörloser Eltern, in „Jenseits der Stille“: Sie entwickelt sich zur talentierten Klarinettistin, obwohl Vater und Mutter sich ihrer Leidenschaft für Musik lange widersetzen. Kinder sind einfallsreich wie der junge Hans-Peter alias Hape Kerkeling in „Der Junge muss an die frische Luft“, der seine depressive Mutter mit seinem komödiantischen Talent bei Laune hält. Sie können sich trotz widriger Umstände auf immer neue Herausforderungen einstellen wie die neunjährige Anna in Ihrem jüngsten Film „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, die lernen muss, vieles Liebgewordene aufzugeben.
Als Drehbuchautorin und Regisseurin machen Sie nicht aus jedem beliebigen Stoff einen Film. In Interviews erzählen Sie, dass Sie lange Zeit meinten, Ihr Leben spiele sich größtenteils auf der Sonnenseite ab. Bis Ihre Tochter im Alter von acht Monaten gesundheitlich in Lebensgefahr geriet und Ihnen schlagartig klar wurde, wie schnell alles ganz anders kommen kann. Vielleicht ein Schlüsselerlebnis für Ihr besonderes Faible für Kinder und junge Menschen, die es schwer haben? Und für Ihre Grundfrage, woher die Menschen kommen und was sie zu dem gemacht hat, was sie sind?
Ihre Filme berühren. Sie machen deutlich, wie stark die Kinder und ihre Entwicklung von ihrer Familie abhängen: Wie es Söhnen und Töchtern zu schaffen macht, wenn der Vater fehlt, sich seiner Verantwortung entzieht oder die Beziehung zu ihm gebrochen ist. Welche Kraft ihnen Nähe und Zusammenhalt in der Familie verleihen, um sogar Verachtung und Verfolgung durchzustehen. Zuweilen lassen Ihre Geschichten uns selbst wieder Kind sein, rufen frühe Erlebnisse wach, die wir unbewusst als Lasten oder aber als Schätze mit uns tragen.
Man merkt den Filmen an, dass es Ihnen Spaß macht, mit Kindern zu arbeiten. Beim Casting suchen Sie bewusst junge Schauspieler, die noch nie vor der Kamera gestanden haben. Die sich natürlich bewegen und nicht verbiegen, weil sie sich noch nicht fragen, wie sie auf andere wirken und wie andere über sie denken.
Man spürt, dass Sie Kinder als ebenbürtige Gegenüber ansehen und behandeln. So regen Ihre Filme dazu an, Kinder mit neuen Augen zu sehen, unvoreingenommen, mit Respekt, bereit, von ihnen zu lernen und ihnen etwas von sich zu geben. Die Frage schwingt mit, wie wir mit Kindern umgehen und in welcher Welt wir sie aufwachsen lassen. Denn das prägt sie für die Zukunft. Und sie werden letztlich unsere Zukunft prägen.

Mit freundlichen Grüßen,
Clemens Behr, Redaktion NEUE STADT

Caroline Link
geboren 1964 in Bad Nauheim, ist Filmregisseurin und Drehbuchautorin.
„Jenseits der Stille“ war 1996 ihr erster Publikumserfolg. Für „Nirgendwo in Afrika“ gewann sie 2003 einen Oskar. Zuletzt kam Weihnachten 2019 „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ nach dem gleichnamigen Roman von Judith Kerr in die Kinos. Weitere Filme von ihr: „Pünktchen und Anton“ (1999), „Im Winter ein Jahr“ (2008), „ Exit Marrakech“ (2013), „Der Junge muss an die frische Luft“ (2018). Caroline Link lebt mit dem Regisseur Dominik Graf und ihrer Tochter in München und unterstützt mehrere Kinderhilfsorganisationen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2020)
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