Im Dunkeln

Wer scheitert oder den Eindruck hat zu scheitern, ist erstmal am Ende. Enttäuscht. An einem Tiefpunkt. Sieht keinen Ausweg. Kein Licht. Wie auch immer es dazu gekommen ist, ob selbstverschuldet oder nicht: Er steckt im Dunkeln.

„Selig, die nicht sehen und doch glauben.“ Das Wort des Lebens für April kann auf eine solche Situation treffen. Und verstanden werden im Sinn von: Selig, die im Dunkeln sind und doch glauben, dass es einen Ausweg gibt. Oder: Selig, die trotz allem die Hoffnung nicht aufgeben, dass es wieder bergauf geht. Aber was, wenn sie diesen Optimismus nicht aufbringen können? Wenn ihnen die Dunkelheit auch jeglichen Glauben genommen hat?
„Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen.“ Mein Blick fällt auf das Wort des Lebens für den Monat März, und ich versuche, mich in eine Person hineinzuversetzen, der es so ergeht: Wenn sie in einer Situation des Scheiterns steckt, will sie am liebsten niemanden sehen. Allein sein. Zeit für sich haben, um damit klar zu kommen. Oder ganz das Gegenteil: Sie sehnt sich jemanden her, der ihr in dem ganzen Schlamassel zur Seite steht. Der sie nicht aufgibt. – Also gilt es, aufmerksam und feinfühlig zu sein, wie die Person am besten zu behandeln ist. Und sich klar zu werden: Kann ich ihr helfen, durch die Talsohle hindurchzukommen? Will ich es? Überfordert es mich? Und noch zuvor: Bin ich bereit, mit ihr in ihre Dunkelheit zu steigen und sie zu teilen? Ohne zu wissen, wie es dann weitergehen wird? – Eine echte Gewissenserforschung.

Neue Stadt-Cover März/April 2020 – Layout: elfgenpick.de, Foto: (c) aquasolid/iStock

Sich als Einzelkämpfer durch einen Tiefpunkt, eine Zeit der Dunkelheit hindurchzuleiden, scheint mir schwieriger, als andere um Hilfe zu bitten. Eine Schlüsselerfahrung in der Fokolar-Bewegung erwächst immer wieder neu aus dem Wort von Jesus: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“ 1). In diesem Versprechen lese ich die Einladung heraus, selbst in Schiffbrucherfahrungen auf ihn zu setzen und sie zu zweit oder zu mehreren durchzutragen. Sicher ist dabei die Hürde zu überwinden, sich anderen trotz der Scham über sein Scheitern zu offenbaren. Das geht nur mit einem großen Vertrauen und wenn die andere Seite Bereitschaft und Offenheit sowie eine große Demut und Sensibilität mitbringt. Den Weg durch das Dunkel im Vertrauen auf die Zusage von Jesus mit jemandem zu teilen, bietet keine Garantie, dann wieder zum Licht zu finden. Die Chancen dafür aber sind ungleich größer.
Herzlichst, Ihr

Clemens Behr

1) Matthäus 18,20

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2020)
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