Scheitern, aber gescheit

Fuckup Nights

Aus Fehlern kann man lernen. Aus Irrtümern, Rückschlägen und Niederlagen lassen sich sogar mehr Erkenntnisse gewinnen als aus Erfolgen und beständig guten Leistungen. Daher erzählen Unternehmer auf Abendveranstaltungen von der Bühne aus ihre Scheitergeschichten, wie sie damit umgegangen sind und wie es danach weiterging. Diese Konferenzen nennen sich Fuckup Nights. Englisch „fuck-up“ kann Tollpatsch, sich einen Schnitzer leisten, etwas versauen, verkorksen, am Ende sein bedeuten.
Die Fuckup Nights entstanden 2012 in Mexiko und verbreiteten sich weltweit, mittlerweile in über 300 Städte. Sie wenden sich nicht nur, aber vor allem an Startup-Gründer, denen sie vermitteln wollen, dass Scheitern zum Leben dazugehört und kein Grund ist aufzugeben. Ihr Ziel ist, Scheitern aus der Tabuzone zu holen: Misserfolge sind nicht immer Früchte eines persönlichen Versagens. Sie sind kein Grund, einzelne Personen an den Pranger zu stellen, abzuwerten oder gar auszustoßen. Der Mut, offen über seine Erfahrungen zu sprechen, wird gefeiert. Zumeist treten drei oder vier Personen pro Abend auf. Nicht nur das Berufsleben, auch der Umgang mit persönlichen Beziehungskrisen, Krankheiten, Behinderung, Anderssein kann zur Sprache kommen.
Eine Fehlerkultur pflegen, um noch besser zu werden: Kleine Fragezeichen bleiben, ob das den Leistungs- und Erfolgszwang nicht nur in ein menschlicheres Gewand kleidet, letztlich aber doch weiter erhöht.

Ohne berufliche Perspektive
Wenn es einer Gesellschaft nicht gelingt, jungen Menschen eine berufliche Perspektive zu geben, dann kann man das getrost als Scheitern ansehen. Die Zahlen in der Karte sagen aus, wie viel Prozent aller 15- bis 29-Jährigen im jeweiligen Land 2018 weder berufstätig noch in einer Ausbildung oder Weiterbildung waren. In den meisten Staaten sind diese Werte seit Jahren kaum verändert. Deutlich besser geworden sind sie in Israel und der Türkei, verschlechtert haben sie sich in Brasilien. Auffällig ist, dass Mädchen und junge Frauen fast überall zum Teil deutlich schlechter dastehen als ihre männlichen Altersgenossen.

Scheiterhaufen
Ein Scheiterhaufen besteht aus Holzscheiten: Begriffe, die uns zur Herkunft des Wortes „scheitern“ führen. Scheiter war die Mehrzahl von Scheit, woraus sich heute nicht mehr übliche Verben wie zuscheitern und zerscheitern mit der Bedeutung „in Stücke brechen“ entwickelten. Scheitern bedeutet laut Duden heute: ein angestrebtes Ziel nicht erreichen, keinen Erfolg haben oder misslingen, fehlschlagen.

Darüber lachen
Clowns spielen häufig Versager-rollen. Sie bringen ihr Publikum damit zum Lachen, dass sie „scheitern“. Sie wollen ein Kunststück vorführen und damit brillieren, aber irgendetwas klappt nicht, wie man es erwartet, oder ihnen passiert ein Missgeschick. Sie wollen ein Problem angehen und schaffen sich dabei versehentlich viele neue. Clowns können die Zirkusbesucher dazu bringen, über sich selbst zu lachen. Denn in ihrer übertriebenen Tollpatschigkeit können die Zuschauer etwas von ihren eigenen Macken und Unzulänglichkeiten wiederfinden – und von der Begrenztheit ihrer Mitmenschen. Und manchmal führen Clowns vor Augen, dass in vermeintlichen Schwächen auch große Stärken stecken können. Oder dass es nicht auf Können und Perfektion, sondern auf Herz und Menschlichkeit ankommt.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2020)
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