Mit Straftätern auf Augenhöhe

Standpunkt

Scheitern – bei diesem Stichwort muss ich an meine spannende Erfahrung als Jugendanwalt (Staatsanwalt im Jugendstrafrecht) zurückdenken. Tagtäglich hatte ich mit Jugendlichen zu tun, die auf den ersten Blick gescheitert waren. So erinnere ich mich zum Beispiel an einen „schwierigen“ Jugendlichen: Er hatte mich von meinem ersten Arbeitstag an beschäftigt, weil er immer wieder Straftaten beging. Seinetwegen rief mich die Polizei mehrmals mitten in der Nacht an. Als ich sein Dossier von meiner Vorgängerin übernahm und mich einlas, dachte ich, dass es wohl nicht viele andere Möglichkeiten geben würde, als diesen Fall mit dem Aussprechen einer Strafe abzuschließen und zu hoffen, dass er ohne neue Delikte volljährig wird.
Für mich war es aber wichtig, den ersten Eindruck aus den Akten beiseite zu schieben und dem Jugendlichen nicht als Behördenvertreter, sondern zunächst einmal als Mensch zu begegnen. Ich wollte erfahren und verstehen, welche Geschichte und welche Umstände sich hinter einer Straftat versteckten. Diese Unvoreingenommenheit zu erreichen war teilweise gar nicht so einfach, insbesondere, weil sich der Jugendliche nicht kooperativ zeigte. Er merkte aber bald, dass ich mich aufrichtig für ihn und seine Umstände interessierte und nicht sein Feind war. Er spürte, dass er nicht einfach ein Fall unter vielen war und dass ich ihn ernst nahm.
Dies veränderte sein Verhalten im Verfahren merklich, und ich schaffte es, trotz meiner Rolle als Strafverfolger, sein Vertrauen zu gewinnen. Das heißt nicht, dass dadurch seine Probleme gelöst waren und dass er nicht die Konsequenzen für das strafbare Verhalten tragen musste. Aber es war der erste Schritt hin zu einer Zusammenarbeit, bei der ich ihm die Hand ausstrecken konnte und mit unseren Sozialarbeitern ein Setting für ihn aufbauen konnte, das ihn unterstützte.
Das schweizerische Jugendstrafrecht will nämlich nicht nur bestrafen, sondern in erster Linie den Jugendlichen schützen, unterstützen und erziehen. Der erste Schritt dazu ist, dem „Gescheiterten“ auf Augenhöhe zu begegnen.
Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass es viele Gründe gibt, weshalb ein junger Mensch in der Gesellschaft scheitert. Ohne die Geschichte dahinter zu sehen, kann das Scheitern nicht wirklich verstanden werden. Erfahrungen, Prägungen aus dem Umfeld, Schicksalsschläge oder fehlende Chancengleichheit haben einen wesentlichen Einfluss. Es bilden sich Negativspiralen, die es zu durchbrechen gilt. So bin ich überzeugt, dass Scheitern nicht nur negativ ist, sondern gerade junge Menschen sehr viel Positives daraus lernen können. Doch dafür müssen sie sich selbst ernst nehmen und auch ernst genommen werden – und es müssen ihnen Lösungen aufgezeigt werden. Manchmal reicht eine Begegnung auf Augenhöhe.

Foto: privat

Diego Bigger
Jg. 1986, studierte Rechtswissenschaften in Freiburg (Schweiz). Nach Erlangung des Anwaltspatents arbeitete er einige Jahre beim Jugendgericht und bei der Jugendanwaltschaft des Kantons Bern, bevor er in eine andere Branche wechselte. Daneben engagiert er sich politisch in der Stadt Bern und in der Förderung der politischen Partizipation von Jugendlichen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2020)
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